Klaus Hnilica
Donnerstag, der 24. Februar 2011

Wozu denn noch Sport?

Carl und Gerlinde (IV)

„Lass doch die Mundwinkel nicht so hängen, Carl, du bist nicht die Kanzlerin“, sagte Gerlinde schon zum dritten Mal an diesem Sonntagmorgen. Schließlich schien endlich wieder einmal die Sonne und sie hatte sich solche Mühe mit dem Frühstückstisch gegeben…

Aber Carls Laune war, trotz aller Sonne, in den Keller marschiert! Ein Blick in die Sonntagszeitung hatte genügt. Was die in Garmisch wegen der Olympischen Winterspiele in 2018 aufführten, war’ einfach zum Heulen! Wie verrottet war dieses Land eigentlich? Diese ganze ‚Leckt’s mi’ – Einstellung zogen Carl nicht nur die Mundwinkel nach unten sondern vermasselte ihm selbst auch jede Lust auf Sport.

Wozu sollte er sich in dieser Gesellschaft noch bewegen? Konnte ihm das jemand sagen? Da schmierte er sich doch lieber noch eine zusätzliche Schicht Schokocreme auf seinen Frühstücktoast und auf die Unterseite auch noch! Das war zwar nicht gesund, aber so köstlich tröstlich…

„Was heißt vermasselt dir die Lust auf Sport…? “ fragte Gerlinde spitz, „du bewegst dich doch eh schon lange nicht mehr“, sagte sie und wühlte sich maulwurfartig durch den Regionalteil… „Du schaffst es ja morgens nicht einmal mehr bis zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen…“

Ha – ha, als wenn das eine relevante Bewegung wär’! Viel wichtiger und heroischer sei doch, dass er sich in seinem selbst auferlegten Sportprogramm an jedem Tag Joggen verordnet hat! Und zwar ganzjährig, bitte! Und bei jedem Wetter! Vom Hanteltraining, das er immer am Samstag auf dem Plan hat, während er Bundesliga schaute, rede er gar nicht. Und von den wöchentlichen Sonntagsspaziergängen mit ihr und den Freunden auch nicht…

Der Kurt sei jedenfalls platt, wenn er ihm bei einem Glas Bier sein Trainingsprogramm auseinandersetze, weil der ja wirklich nichts tue! Sogar weniger als nichts, sagt seine Hannelore …

„Also Carl mir tut’s leid, aber wenn du das wirklich meinst, was du da von dir gibst, dann muss ich was mit den Augen haben, denn ich seh’ dich zum Wochenende und unter der Woche, immer nur mit der Bierflasche in der Hand – und das nicht nur bei den Sportsendungen,“ sagte Gerlinde und zog zum Ärger von Carl das Schokocreme- Glas endlich soweit zu sich herüber, dass es total außerhalb seiner Reichweite war…

„Toll Gerlinde! Dir gelingt es wirklich, mir jede Woche den Sonntag zu versauen! Heut’ kriege ich sogar schon im Morgengrauen meine Watschen! Sag, willst du mir wirklich zum Vorwurf machen, dass ich ab und zu ein kleines Bierchen trinke und ausnahmsweise auch einmal eine Sportsendung anschaue, nach einem stressigen Arbeitstag? Wo du dir doch Sonntag für Sonntag ohne jede Rücksicht deine Rosamunde Pilcher reinziehst und ich schon seit Wochen, ja Monaten keinen ‚Tatort‘ mehr zu Gesicht bekommen hab’“?

„Ach Carl darum geht es doch gar nicht“, warf Gerlinde entnervt ein, „ wir haben vom Sport gesprochen – und deinem super tollen Trainingsprogramm. Von dem du immer großspurig erzählst, dass du jeden Abend und trotz Wind und Wetter stundenlang durch die Wälder rennst…“

„Tu ich ja auch wenn’s geht …“

„Aber bei dem du mit Hanteln herumfuchtelst, die komischerweise immer wie Bierflaschen ausschauen!“

„Hör doch auf, Gerlinde“, brummte Carl. „Ich hab mir doch nur erlaubt, mich über die geplante Olympiade in Garmisch aufzuregen, wenn ich dich erinnern darf! Und zwar deswegen, weil man bei uns in Deutschland nichts mehr durchziehen kann, ohne dass sich alle Tag und Nacht aufregen. Immer ist wer dagegen, egal was gemacht wird! Und wenn sich wer für die Sache einsetzt, wie diese ehemalige Eiskunstlaufweltmeisterin aus dem Osten, dann wird sie noch niedergemacht und als  ‚ostdeutsche Wachtl’ beschimpft.

Darum geht’s mir Gerlinde und nicht um deinen Kleinkram! Mir geht es ums Prinzipielle und darum, dass man Sportler nicht beschimpft und diffamiert, auch wenn’s einem nicht in den Kram passt was sie tun und sagen…

„Interessant, Carl, diese Aussage!“

„Jawohl mir geht es ums Prinzipielle, Gerlinde, und nicht darum, ob ich mir jetzt tatsächlich jeden Abend weiß Gott was für Einen abschwitze beim Joggen! Aber mit dem Prinzipiellen habt ihr Frauen es ja noch nie so gehabt, ihr rührt immer lieber im Popelkram herum…“

„Okay- okay, Carl, jetzt ist’s gut, lassen wir das, sonst ist der Sonntag wirklich im Eimer“, sagte Gerlinde und lächelte ihren prinzipienstarken Carl so zuckersüß an, dass der aufstand und ihr einen versöhnlichen Kuss auf die Stirne drückte und bei der Gelegenheit unauffällig die Schokocreme wieder an sich brachte…

Als er sich anbot, zur Versöhnung gleich noch zwei Espressi zu machen, wollte ihn Gerlinde nicht abhalten aber schon noch wissen, ob er bei dem herrlichen Wetter nach dem Essen wenigstens einen schönen Spaziergang mit ihr mache?

„Sehr, sehr gerne, Gerlinde“, sagte er. Und jederzeit! Doch heute ginge es grad wirklich nicht; da sei eine ganz, ganz wichtige Sportübertragung, die er unbedingt sehen müsste! Er sage nur ‚Schifliegen auf der Großschanze in O.’! Das müsse er unbedingt sehen, denn endlich bestünde wieder einmal eine reelle Chance, dass ein Deutscher gewinne und nicht wieder einer von diesen ‚ostmärkischen Zwockeln’, die eh nur der Wind immer über die 100-Meter- Marke blase; die sich aber weiß Gott was drauf einbildeten!

Das müsste sie verstehen, sagte Carl und schob demonstrativ das Schokocreme-Glas weit von sich, obwohl er es schon geöffnet hatte…

KH

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1 Kommentar zu “Wozu denn noch Sport?”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 24. Februar 2011)

    Köstlich!

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