Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. März 2011

Das rosarote Kopftuch

Carl und Gerlinde (V)

Carl war zufrieden als er am Montagmorgen aufwachte: Schalke hatte schon wieder gewonnen! Und toll gespielt! Mit dem Magath lief das echt wie am Schnürchen. War ja klar, der war ein Schleifer, kein „Grinsi – Klinsi“! Wirklich super! So ließ sich’s aufwachen nach einem Wochenende mit dreißig Bundesligatoren. Oder war das ein Traum gewesen, wie so oft bei Schalke?

Plötzlich ein Stich!Oh Gott – heute standen zwei Erledigungen an! Er musste unbedingt die gekürzte Hose aus der Änderungsschneiderei holen und auf  jeden Fall auch das Auto aus der Werkstatt!

Das Auto ist jetzt im zweiten Anlauf wirklich fertig, hatte Frau Lechner am Samstag noch durchgerufen.

Und die Hose wär’ ja am Samstag auch schon zum Abholen gewesen.

Wie er das nur vergessen konnte?

Wo er doch diese türkische Näherin so gerne sah! Das rosa Kopftuch stand der wirklich einmalig! Echt!

Jetzt wird aufgestanden, sagte Gerlinde energisch, schlüpfte rasch in Hose und Pulli, und ehe sich Carl versah klapperte sie schon in der Küche herum.

Na –  die ging ja den Tag an …

Für Carl war das nichts – irgendwie fühlte er sich heute nicht so in Form!

Schon die fünfte Nacht – in der er nicht durchgeschlafen hatte.

Dieser dämliche Vollmond!

Und dieser verdammte Rotwein am Abend!

Dabei hatte er zusammen mit Gerlinde nur eine Flasche getrunken. Komisch…

Aber nun mal ernsthaft: wie sollte er das heute angehen?

Sollte er erst die gekürzte Hose holen?

Die ja jetzt auch schon zum zweiten Mal beim „rosa Kopftuch“ war!

Beim ersten Mal hatte sie nämlich vor lauter Lächeln nicht richtig abgesteckt.

War aber auch nicht einfach!

Da war wirklich viel wegzunehmen gewesen – und das auch noch für jedes Bein unterschiedlich, da er ungleich lange Beine hatte, wie er ihr gestand, worauf sie gehaucht hatte, dass es bei ihr genau so sei, und Carl nichts lieber getan hätte, als sich sofort messtechnisch von diesem hingehauchten Geheimnis zu überzeugen… Und im Stillen hoffte er sogar, dass sie wieder zu wenig weggenommen hatte!

Aber es hätte auch zuviel sein können, ihm war das egal.

Selbst wenn durch das ewige Geschnipsel nur mehr eine tangaartige Resthose übriggeblieben wäre, auch okay, bei der aufkommenden Klimaerwärmung wär’ das vielleicht gar keine schlechte Lösung gewesen…!

Ob –  die Süße wohl noch einmal kassieren wollte, wenn sie ihm jetzt zum zweiten Mal die fertige Hose überreichte?

Ja – wenn sie wieder so lächelte, dass man auf ihren schneeweißen Zähnen die Speichelbläschen sehen konnte, dann zahlte er gerne noch einmal, auch das Doppelte wenn es sein musste…

Was – aber vielleicht doch übertrieben gewesen wäre, da sie, wenn man ganz genau hinschaute schon eine leichte Akne hatte, zwar schwach, aber immerhin…

Carl dreht sich auf die andere Seite und überlegte, ob er mit der fertigen Hose am Arm dann am Besten gleich in die Werkstatt gehen sollte oder eher kurz heim, um die  Hose rasch zu probieren und falls sie wider erwarten doch noch zu lang war gleich wieder zum netten Kopftuch zurück eilen und erst dann den fertigen Wagen holen sollte.

Oder war es besser gleich mit der Hose in die Werkstatt zu gehen, sich von Frau Lechner das reparierte Auto geben zu lassen, und mit ihrem Mann kurz über die Einzelheiten der Reparatur zu sprechen.

Wobei es allerdings schon blöd aussah, wenn er bei dem Gespräch mit dem Lechner die ganze Zeit die gekürzte Hose über dem Arm trug… Wenn das auch, da sie schwarz war, sicher nicht so arg aufgefallen wäre, wie bei der hellen Hose, die er vor zwei Wochen kürzen hatte lassen.

Aber komisch wär’s schon gewesen! Er wollte sich ja nicht zum Gespött der Leute machen… Noch dazu wo Lechner sehr gerne über die ausgeführten Arbeiten redete und auch schon mal die Motorhaube öffnete, oder hinten zum Auspuff zeigte, der dieses Mal ja auch dran gewesen war!

Natürlich hätte er auch die Hose vorne bei Frau Lechner an der Tankstelle kurz deponieren können, sich alles am Auto anschauen und dann, bevor er wegfuhr, die Hose wieder holen können, denn tanken musste er ohnehin noch!

Frau Lechner hätte da bestimmt nichts einzuwenden gehabt.

Die war ja auch sehr nett – wenngleich sie kein rosa Kopftuch trug, was ihr auch nicht so gut gestanden hätte, wie der goldigen Änderungsschneiderin…!

Allerdings bestand in diesem Fall die Gefahr, und das musste man ganz nüchtern sehen, dass er zwar wie geplant tankte, aber die Hose vergaß und Frau Lechner wieder anrufen musste, wie unlängst als er seine Scheckkarte liegen lassen hatte.

Tja – aus diesem Grund war es mit Sicherheit besser, dass er, wenn er schon mit der Hose das Auto holte, die Hose gleich ins Auto legte, bevor Herr Lechner noch mit seinen Erklärungen begann, und da die Hose, wie gesagt schwarz war, konnte sie auch nicht schmutzig werden, wenn sie hinten auf dem Rücksitz lag, wie das bei der hellen vor zwei Wochen der Fall gewesen wäre.

Nur – er musste die Hose dann aber auch daheim aus dem Auto nehmen und nicht hinten auf dem Rücksitz vergessen …

Erst unlängst hatten betrunkene Jugendliche in seiner Straße in der Nacht mehrere Autos aufgebrochen, die Außenspiegel abgerissen und eine Rumflasche am Gehsteig zerdeppert. Mit den Scherben am Gehsteig hatte er fast eine Stunde herum getan.

Schlimm!

Das ganze Problem gäbe es natürlich nicht, dachte Carl und schaute auf die Uhr, da aus der Küche kein Geklapper mehr zu hören und Gerlinde wohl mit dem Frühstück fertig war, wenn er gleich nach dem Frühstück in die Werkstatt ging, dort das fertige Auto holte, und in einem Rutsch bei der Änderungsschneiderei vorbeisauste, die Hose holte und mit der Hose heim fuhr. Natürlich durfte er auch da  die Hose nicht im Auto vergessen, was ja klar war, schließlich war er nicht total bekloppt!

Am Saubersten – ja – war aber trotzdem, sagte sich Carl und setzte sich unentschlossen auf die Bettkante, wenn er auf Nummer sicher ging, erst das Auto aus der Werkstatt holte, es heim brachte, und sich noch einmal gesondert auf den Weg zur süßen Kopftuchträgerin machte – hoffentlich war sie auch daund nicht ihr Chef – dort die Hose gleich noch einmal anprobierte und sie am Arm heim trug. Regnen durfte es natürlich nicht, was er aber gleich abchecken konnte, wenn er den Rollladen hoch zog!

Gerlinde rief, dass das Frühstück fertig sei!

Carl rief zurück, dass er sich noch einmal kurz reinlegen müsste.

Irgendwie spüre er einen Schwindel…

Vielleicht, dachte er, während er sich wieder zudeckte, konnte ja auch Gerlinde, gleich nach dem Frühstück das Auto schnell holen. Und er dann morgen, wenn er sich wieder besser fühlte, die Hose aus der Änderungsschneiderei, denn das wollte er Gerlinde nicht auch noch aufbürden.

Schließlich hatte sie eh genug in der Küche zu tun.

Und mit der Putzerei im Haus.

Und die Arbeit im Garten ging auch aufs Kreuz, da wollte er ihr schon zur Hand gehen und wenigstens bei der Hose helfen, so gut er konnte…

Er war ja kein Unmensch!

Oder?

KH

PS:
Übrigens die nächste Geschichte über „Carl und Gerlinde“ ers
cheint in zwei Wochen am 24. März 2011

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