Klaus Hnilica
Donnerstag, der 24. März 2011

Im Liebesrausch…

Carl und Gerlinde (VI)

Als  sich Carl in Gerlinde verliebte, hatte er die rote Inge fast aufgegessen!

Und selbst bei den letzten Bissen spürte er noch, wie das knirschende Geräusch seiner überkronten Zähne auf dem knochigen Widerstand in ihrer alabasterfarbenen Masse solange jenes wohlige Kribbeln am Gaumen auslöste, bis sich jeglicher Widerstand zwischen den Zähnen verflüchtigt hatte.

„Welch eine Köstlichkeit – herrlich!“, murmelte Carl mit sumpfigem Geschmatze, empfand aber während der abklingenden Erregung vor dem ekelhaften Haufen blutroter Servietten, mit denen er sich ununterbrochen den Mund abwischte, zunehmend eine schwer zu ortende Scham…

Gott sei Dank waren die Gäste schon weg, als er sich nach einer weiteren Flasche Spätburgunder, wie im Liebesrausch über die rote Inge hergemacht hatte: es waren wieder die tizianroten Haare und diese frechen aufgeworfenen Lippen, die ihn wie damals aus seiner Behaglichkeit katapultiert und in eine Art tumbe Raserei versetzt hatten!

Carl hatte unter der verhängnisvollen Wirkung roter Haare schon in der Schule gelitten. Bei jeder Drehung ihres aufreizenden Kopfes verfing er sich an ihren fleischigen Lippen, deren provozierende Sinnlichkeit aber nie das hielt, was sie seinem pubertierenden Knabenhirn versprachen. Denn zwischen ihm und Inge war es nie zu dem gekommen, was alle vermuteten, wenn sie eng umschlungen aus der Schule schlichen: Inge schreckte im entscheidenden Moment immer zurück, da sich Carl in diesen Augenblicken der Schamlosigkeit von einer Sekunde auf die andere in ihren Onkel verwandelte, der sich eines Nachts an ihr zu schaffen gemacht hatte. Enttäuscht stieß sie ihn von sich, wandte sich ab und weinte!

Carl kannte diesen kleinen, schlecht rasierten, dicklichen Onkel, der stets freundlich so tat, als wär nie etwas geschehen. Vielleicht glaubte er tatsächlich, dass Inge gar nichts bemerkt hatte, da sie sich in ihrer Not schlafend gestellt und wie versteinert in dem immer kälter werdenden Bett bis zum Morgengrauen bewegungslos ausgeharrt hatte.

Wahrscheinlich war es eine Mischung aus Mitleid, Sturheit und verletzter Eitelkeit, dass Carl und Inge trotzdem heirateten.

In einem Vorort von R. mieteten sie rasch ein Häuschen mit Garten und brachten sich sehr aktiv in die örtlichen Vereine und kirchennahen Einrichtungen ein. Im Abstand von zwei Jahren zeugten sie eher zufällig eine strebsame Tochter und einen aufmüpfigen Jungen.

Ein  glückliches, erfolgreiches Paar!  Wie seinerzeit in der Schule! Und da Carl  viel unterwegs war, glaubten sie das selber auch.

Für die Firma „Triga“ in W. bereiste Carl halb Europa. Die hochwertigen Wäschekolletionen waren immer noch gefragt, wenngleich die erzielbaren Margen von Jahr zu Jahr kärglicher wurden und die Konkurrenz aus dem asiatischen Raum immer mächtiger. Und da Carl neben Inge auch die anderen Rothaarigen schätzte, entdeckte er fast zwangsläufig zwischen den von ihm vertriebenen Wäschestücken immer neue anziehende ausgezogene Überraschungen, die er ohne jedes Schuldgefühl unter dem Posten: Zufälligkeiten des Lebens, abbuchte.

Er war deshalb auch nicht wirklich überrascht, als ihm Inge an einem Freitag Abend im November, am sorgfältig gedeckten Esstisch, voll  kleiner weißer Astern und dunkelblauer Kerzen, unmittelbar nach der sehr zarten Schweinelende mit speckumwickelten Böhnchen,  die Eröffnung machte, jemand anderen kennengelernt zu haben.

Die Kinder hatte sie zuvor ins Bett geschickt.

„Carl sei mir bitte nicht böse, aber ich will die Scheidung“, sagte sie mit so viel Charme, dass er ihr beinahe die Hand geküsst hätte.

Und nicht ohne Stil, reichte sie ihm noch während sie sprach eine riesige Schüssel  seiner Lieblingsnachspeise und füllte sorgsam sein leeres Rotweinglas nach.

Carl hatte auch damals die ‚rote Inge’, die niemand so köstlich zubereiten konnte, wie seine nunmehr ehemalige Inge, ohne ein weiters Wort alleine aufgegessen. Auch die nachfolgenden  Scheidungsformalitäten nahm er schweigend hin und gestand Inge alles zu, was sie für sich und die Kinder als notwendig erachtete.

Aus dem gemeinsamen Haus in R. war er noch am selben Abend ausgezogen.

Heute zwölf Jahre danach, an seinem sechsundfünfzigsten Geburtstag, saß er zum ersten Mal  wieder vor der roten Inge, beziehungsweise jetzt schon vor der leeren Schüssel!

Und das, obwohl ihn die zerbrochenen Baisers an den gefrorenen Himbeeren in der Joghurt – Sahne damals noch Jahre lang im Traum verfolgt hatten: immer fror er, da er bis zum Kinn in der eiskalten Masse feststeckte und es ihm trotz aller Anstrengungen nie  gelungen war den Kopf so weit nach vor zu neigen, dass er wenigsten ein einziges Mal mit der Zungenspitze diese Köstlichkeit berühren hätte können.

Und ausgerechnet an diesem Geburtstag brachte eine tizianrot gefärbte Gerlinde mit  üppigen frechen Lippen, die rote Inge an, da jeder Gast eine Nachspeise mitzubringen hatte. Kurt und Hannelore, seine besten Freunde, hatten Gerlinde gebracht: als Geburtstagsüberraschung!

Diese durchtriebenen Kuppler, dachte Carl und brummelte zufrieden in sich hinein.

Warum ausgerechnet Gerlinde, die er noch nie gesehen hatte, mit der roten Inge an kam, war ihm sofort klar, als er die lustigen Fältchen um ihre Augen registrierte und ihr Lachen, das wie ein Querschläger von der Magengrube bis zum Schambein durchstieß. Und diese makellosen Zähne: billig waren die nicht!

Vermutlich war Carl rot angelaufen, was immer wieder vorkam, als ihm Gerlinde – mit der roten Inge in der Schüssel – vorgestellt worden war, denn Hannelore fragte spöttisch, ob er neuerdings zum Chamäleon mutiert sei, da sich seine Gesichtsfarbe völlig dem Namen der Nachspeise angepasst hätte. Aber warum nicht? Das steigere sicher die Überlebenschancen, ergänzte sie boshaft.

Da Carl  jede Fassung verloren hatte, schwieg er wie üblich und umarmte statt dessen ungeschickt die tizianrote Gerlinde vor ihm, die das geschehen ließ und ihm für einen Moment sogar das Gefühl vermittelte, dass die Schüssel voll roter Inge zwischen ihnen, keine Distanz sondern überraschend intensiv – Nähe brachte.

Aber als nach drei Theaterabenden, zwei Konzerten und vier Abendessen wieder einmal der entscheidende Moment kam und er endlich in Gerlindes duftendem Fleisch versinken durfte, spürte er, dass plötzlich alles in ihm nach diesem dicklichen, schlecht rasierten Onkel rief, der Gerlinde weinend wegdrehen ließ…

Doch diese Gerlinde über ihm, lachte nur und sagte, er müsse sich nicht schämen, das sei anderen auch schon passiert.

Beherzt lief sie splitternackt zum Kühlschrank und überraschte ihn mit zwei überschäumenden Gläsern Sekt!

KH

PS: Am 7. April gibt es die nächste Folge von Carl und Gerlinde

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2 Kommentare zu “Im Liebesrausch…”

  1. hans-peter kuhn (Samstag, der 26. März 2011)

    Deine Geschichten sind nicht nur eine Bereicherung fuer den IF-blog sondern auch wundervoll geschrieben mit einer Dir ganz eigenen Syntax und einem sicheren Blick fuer Situationsernst und Situationskomik. Einen Verleger duerftest Du mit Leichtigkeit finden.

    Ich gehoere kuenftig zu Deinen Fans.

  2. KH (Samstag, der 26. März 2011)

    KH: Danke hans-peter, das freut und ehrt mich…

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