Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. September 2012

Das ‚Ewig-Weibliche‘ zieht Carl ‚hinan’…

Carl und Gerlinde (XXVI)

Ja – wo denn sonst hin? Es konnte ihn doch nur ‚hinan’ ziehen bei dem Vergnügen das er neuerdings wieder mit dem ‚Ewig-Weiblichen’ hatte, das da nachtnächtlich wie früher neben ihm zappelte und tagsüber tagtäglich seinen Haushalt bestens versorgte, und ihn, dieses ‚Ungestüm-Männliche’ zusätzlich noch mit den verwegensten Köstlichkeiten traktierte, wenn er abends ausgepowert, aber nie mehr übellaunig aus der Firma heimkam und sich genüsslich ins aufbereitete ‚Nestchen’ verkroch… Und diese prima Laune, die er sehr zur Freude seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und insbesondere seiner Sekretärin Bettina jetzt jeden Morgen mit in die Firma brachte, hielt auch erstaunlich stabil den ganzen Tag über an. Selbst dann noch, als der liebe ‚Bernie’, alias Dr. Osterkorn, wie ein übermotivierter Seilzieh-Athlet täglich an seinen Nerven eine Art Konditionstraining zu absolvieren schien, und Miriam Braun, die neue ‚Unterwäschevertriebsverantwortliche’ hochschwanger die Welt nur mehr über ihren Mutterbauch wahrnahm und alle Kreativität offensichtlich für die zu erwartenden Zwillinge bunkerte! Ja – seine robuste Laune war auch abends nicht tot zu kriegen und nächtens schon gar nicht, wenn er Gerlindes anheimelnde Wärme auskosten durfte, ihren Duft einsog und sich an ihrem köstlichen, abgedeckten Körper im Halbdunkel des Schlafzimmerns immer wieder aufs Neue an den elend langen Beindingern delektierte, die permanent tentakelartig zu ihm herüberpendelten, ebenso wie ihre seidenweiche Arme, unter denen er sich jeden Morgen mit größter Vorsicht herausschlängelte, weil er aufstehen und Frühstück machen musste und wollte, während Gerlinde noch in ihrer Traumwelt weiter schmatzend herumsäuselte, was er früher völlig unpassend als ‚Schnarchen’ abgetan hatte. Und für Carl war auch klar, dass er nach Gerlindes überraschender Heimkehr, an die er nie mehr zu glauben gewagt hatte, nicht klein kariert in den zurück liegenden Monaten herumstochern und sie mit engstirnigen Vorhaltungen nerven wollte. Nein, das wollte er nicht! Mit welchem Recht auch? Sie waren doch gar nicht verheiratet und dachten auch in Zukunft nicht daran; jeder von ihnen hatte doch diesen wunderbaren Zustand der Ehe schon einmal desaströs hinter sich gebracht. Natürlich hätte er trotzdem gerne gewusst, was sie so getrieben hatte auf Teneriffa – wo sie ja gewesen war, wie er kürzlich endlich erfahren hatte! Und wen sie da kennen gelernt hatte, auf Teneriffa? Und warum ihr ‚Ehemaliger’ ihr plötzlich so großzügig sein Apartment in Puerto Santiago überlassen hatte? Und wie oft er sie da womöglich besucht hatte? Und wie es überhaupt so mit den Männern in diesem angeblichen traumhaften Puerto Santiago gewesen war? Aber nein, er fragte nicht! Das war ihre ureigenste Angelegenheit! Eher hätte er sich die Zunge abgebissen, was natürlich auch blöd ausgesehen und weder ihn noch Gerlinde wirklich weiter gebracht hätte… Letztlich zählte für ihn einzig und allein die Tatsache, dass Gerlinde wieder bei ihm war und das offensichtlich sehr genoss; alles andere war wirklich sch…..egal! Jedenfalls für den Moment! Und Gott, was für ein Segen war diese ‚zurückgekehrte Sauberkeit’! Alles blitzte, strahlte und duftete wie im Himmel… Das war unbeschreiblich! Und wenn diese fundamentale Freude an Ordnung und Sauberkeit spießig war, dann war er wirklich mit Genuss der größte Spießer auf Erden und im angrenzenden Sonnensystem! Er staunte ja selbst auch über seine neue Vergnügtheit, wenn er  Gerlinde verwöhnen durfte? Zum Beispiel mit seinen überaus geschätzten leckeren Frühstücksvarianten, bei denen er nebst köstlichem Kaffee und frischen Brötchen, stets auch auf ausgefallene Marmeladen und Käse aus den edelsten Feinkostgeschäften setzte und  sonntags sogar noch norwegischen Lachs und Sekt beifügte! Das war doch was! Und es machte richtig Spaß, zu sehen wie Gerlinde strahlte und sich genussvoll all diesen Leckereien hingab, die er ihr kredenzte. Ja das tat ihm wirklich gut! Und natürlich verschanzte er sich morgens nicht mehr schweigend hinter den riesigen Seiten einer bekannten Tageszeitung, sondern erzählte munter von unzähligen großen und kleinen kuriosen Vorkommnissen in der Firma, oder von Sachen die er gelesen hatte. Auch von seiner neuen Position berichtete er häufig. Wieder und wieder wollte er auch von ihr hören, was sie von dieser oder jener Wäschekollektion hielt, vor allem der letzten, für die Herren der Schöpfung; und wie sie Frau Brauns Schwangerschaftsprobleme beurteilte, und ob sie ihn nicht doch endlich einmal in der Firma besuchen und Bettina, seine Sekretärin, kennen lernen wollte ? Und wenn ihn nicht alles täuschte, war seine kleine ‚Spottdrossel’ Gerlinde manchmal sogar ein klitzekleines Bisschen stolz auf ihren Carl und was er so erreicht hatte, während  sie auf den Kanaren herumgeturnt war und sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte – mit hoffentlich nicht allzu vielen fremdartigen Körperkontakten? Als Gerlinde ihn dann an einem der darauf folgenden Freitage auch noch bat sie und Hannelore um siebzehn Uhr zu einer Vernissage in B. zu begleiten, wo es um ‚Die Darstellung des Weiblichen durch das Weibliche’ ging und nur Künstlerinnen ihre Werke zeigten, zerfloss Carl förmlich und wirkte richtig glücklich; er versprach gerne früher aus dem Büro zu kommen, obwohl er schon ahnte, dass er  wieder das einzige männliche Wesen unter den Kunstenthusiasten sein würde, genau wie bei diesen typischen ‚Frauenfilmen’, die er sich neuerdings auch wegen Gerlinde antat. Auch sonst waren bei dieser Vernissage nur Frauen zugange: ein junge Sängerin sorgte für beachtliche Stimmung und eine bekannte Schriftstellerin las sehr ordentlich eine selbst verfasste Kurzgeschichte zu einem Gemälde. Die Vorstellung der Künstlerinnen besorgte selbstredend auch ein weibliches Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung; nur der Bürgermeister durfte kurz, als Mann, zwei Sätze zur Begrüßung sagen, um sich alsdann schneller als der Blitz in Luft aufzulösen, so dass er, Carl S., wirklich als einziges nennenswertes männliches Wesen die volle Breitseite der künstlerischen  Weiblichkeit an diesem Nachmittag abbekam und genießen durfte, abgesehen von zwei unscheinbaren, verschrumpelten Männeken, die teilnahmslos vor sich hindösten… Doch kühles Bier gab es schon, wie Gerlinde tröstend feststellte! Und auch Berge von  köstlichen Häppchen! Was Carl aber nur mehr als läppische Nebensächlichkeit abtat, schließlich wollte er sich voll ganz auf die recht beachtlichen Kunstwerke der diversen Künstlerinnen konzentrieren… Und trotzdem hing dann am Ende dieser sehr geglückten und von allen Anwesenden bejubelten Vernissage der Haussegen bei Carl und Gerlinde schief, als sie ziemlich betüddelt, von Hannelore heimgefahren wurden. Dabei hatte Carl es wirklich als Kompliment gemeint, als er im  Kreis einer glücklich strahlenden Künstlerinnengruppe um Gerlinde und Hannelore, die beide Bilder gekauft hatten, viel zu laut darauf hinwies, dass er echt überrascht wäre, wie gut heutzutage auch Frauen malten. Selbst beim besten Willen könnte er keinerlei qualitativen Unterschied mehr zu malenden Männern erkennen! Wirklich, das wäre echt phänomenal sagte er anerkennend mehrfach hintereinander, mit betont ausdrucksstarker Stimme, zwischen etlichen weiteren Gläschen Sekt – und war dann vollkommen platt, als er sich plötzlich nur mehr zwei schweigenden, aber nicht unbekannten Damen mit versteinerten Mienen gegenüber sah… Spätestens da ahnte er, dass wieder etwas schief gelaufen war! KH

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