Klaus Hnilica
Donnerstag, der 27. September 2012

Das schrille Lied des Fremden

Carl und Gerlinde (XXVII)

„Was für ein gottvoller, milder Spätsommertag“, sagte Carl schon zum fünften Mal zu Gerlinde, obwohl er wie ein Ackergaul schwitzte und bereits ahnte, dass die blöde Falte im Socken ihm wieder eine schmerzhafte Blase beim rechten Zehenballen bescheren würde.

Er schritt aber weiter aus, ohne sich das Geringste anmerken zu lassen. Schließlich wusste er ja, wie sehr seine Gerlinde diese zügigen Waldspaziergänge am Samstagnachmittag schätzte.

Fit zu bleiben, ging ihr über alles!

Carl wollte da nicht nachstehen und stach genau so gnadenlos, mit seinen ‚Nordic Walking’- Stöcken auf den armen Asphaltweg ein, der sich aber ohne jegliches Schmerzempfinden weiterhin stumm durch den urwaldartigen Mischwald zog. Entwurzelte Fichten, vom Sturm abgedrehte Föhren und gekappte Birken türmten sich in dem Wäldchen zwischen stämmigen Buchen launig übereinander und frisch gepflanzte Erlen, in hässlichen Kunststoffschächten gegen Wildverbiss geschützt, gingen hinter einem mannshohen Farn-Wall schamhaft in Deckung…

Nein, dieser Wald lud nicht zum Pilzesuchen ein, dachte Carl schwitzend bei seinem Herumgestocher mit den komischen Stöcken und bedauerte bereits, dass er vor wenigen Minuten an einen freundlichen Trainingsanzugträger mit triefender Nase, auf dessen verzweifelte Bitte hin, sein letztes Papiertaschentuch abgegeben hatte.

Das erlösende Aufstöhnen des schlecht rasierten Mannes schenkte ihm zwar für einen kurzen Moment das wunderschöne Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, wär’ da nicht seine eifersüchtige Nase gewesen, die plötzlich wie auf Kommando losrotzte und ihm mit Sicherheit eine unappetitliche Schleimspur aufgezwungen hätte, wenn nicht Gerlinde mit ihrer Taschentuchnotpackung in letzter Sekunde für die Austrocknung dieses geysirartigen Quells gesorgt hätte…

Aber das ältere Ehepaar wär’ vermutlich trotzdem nicht durch Carls rotzige Schleimspur gefährdet gewesen, da es im flotten Tempo von vorne ankam! Beide klein, mit auffallenden weißen Haaren, der Mann extrem rotgesichtig, während sie schmal und zierlich wirkte, aber drahtig einher schritt.

Viel weiter hinten tauchte plötzlich ein dunkelhaariger junger Mann in einem grauen, kaftanartigen Gewand auf einem Fahrrad auf. Offensichtlich gut gelaunt, sang er in einer unverständlichen Sprache laut und schrill vor sich hin …

Als er an dem älteren Paar vorbeiradelte, wandten die sich dem singenden Gesellen zu und der ältere Herr sagte auch etwas. Aber der singende ‚Türke’, so sah er nämlich in seiner schwarzen Haarpracht aus, trat unbekümmert in die Pedale seines scheppernden Fahrrades, ohne von der Umgebung Notiz zu nehmen. Auch an Carl und Gerlinde zog er mit donnernder Stimme vorbei!

„Unerhört sei das mit den Ausländern“! rief der kleine rotgesichtige Mann erregt Carl und Gerlinde zu, als sie auf gleicher Höhe waren, „sehen aus, dass man sich fürchten muss, aber wenn sie freundlich gegrüßt werden, finden sie es nicht der Mühe Wert zu danken!“

„Er hat uns nicht einmal angeschaut – nur blöd in den Wald hineingeplärrt und die Vögel erschreckt“, rief der Mann erregt in Richtung seiner Frau, die zustimmend nickte.

„Dabei sind sie ja Gäste hier, wenn man’s genau nimmt“ sagte er zu Carl hin, der stehen geblieben war und auch nickte.

“Man sollte ja schon meinen, dass man zurückgrüßen kann, wenn man von jemand Älteren gegrüßt wird, oder “?

„Ach, der hätte sie bestimmt gegrüßt, wenn er nicht so vollkommen in seinen Gesang vertieft gewesen wäre – wie ein ‚Grußmuffel’ sah der nicht aus“, sagte Carl beschwichtigend zu dem erregten Herren, dessen Gesichtsmuskulatur mächtig in Bewegung geraten war.

„Nein, nein – der hat den freundlichen Gruß meines Mannes ganz genau gehört“, warf die kleine Drahtige mit dem sympathisch faltigen Gesicht plötzlich ein, „denn mein Mann hat wirklich laut gegrüßt, aber so ist das eben heute, es gibt keinen Respekt mehr uns Alten gegenüber und schon gar von den Ausländern…“

„Alles verrottet und verkommt heutzutage!“ fiel der Rotgesichtige aufgeregt seiner Frau ins Wort und da er bei Carl und Gerlinde so unerwartet freundliches Gehör fand, löste sich wohl Manches, was sich schon lange in ihm aufgestaut hatte.

Man müsste sich doch nur hier im Wald umsehen krächzte er, wie es da aussehe, spotte doch jeder Beschreibung! Alles drunter und drüber! Ein zerfledderter Baum über dem anderen! Und dazwischen diese grässlichen Wurzelplatten der umgestürzten Bäume! Das sei doch nicht anzusehen! Schlimm sei das! Grässlich, sagte er zu seiner permanent weiternickenden Frau; das hätte es früher nicht gegeben, da wären die deutschen Wälder noch blitzsauber und leergefegt gewesen. Jedes Stückchen Holz hatten die Menschen nach dem Krieg dankbar heimgetragen und verheizt. Aber heute kümmerte sich ja niemand mehr um irgendetwas…

„Schlimme Zeiten“, bestätigte sorgenvoll seine Frau.

„Hm, aber – vielleicht ist ja heute doch nicht alles so schlimm, wie Sie im Moment glauben …“ warf Carl noch einmal vorsichtig ein.

Richtig! Es sei nicht schlimm, bestätigte der Mann, sondern noch viel, viel schlimmer! Es sei einfach ein Graus, wie es heute zugehe: überall nur mehr Ausländer und Kriminelle, Lug und Trug und Mord und Totschlag wo man hinschaue, da passten diese verrotteten Wälder haargenau dazu. „Ja das passt prima zusammen“, sagte der besorgte Mann dann mehrmals hintereinander und seine Frau sagte auch, dass das gut zusammenpasse…

„Aber Sie sind natürlich nicht so“, sagte der alte Mann dann spontan zu Carl und Gerlinde, „Sie grüßen ja auch freundlich und hören uns zu, das ist natürlich etwas anderes…“

„Na ja, aber Sie sind ja auch von unserer Art und nicht so wie diese Ausländer…“ sagte das enttäuschte Rotgesicht dann anerkennend und zog seine Frau schimpfend und kopfschüttelnd mit sich fort.

Doch noch ehe Carl und Gerlinde wieder richtig Tritt gefasst hatten und im rhythmischen Gleichklang auf den Waldweg einstechen konnten, kam ihnen schon wieder der triefnasige Trainingsanzugträger entgegen für den Carl sein letztes Papiertaschentuch geopfert hatte. Da Carl aber während des Gespräches mit den älteren Herrschaften doch noch ein halbes Päckchen Taschentücher in einer seiner hundert Jackentaschen aufgespürt hatte, wandte er sich gleich nochmals an den Mann in Not. Doch das sportive ‚Rotznäschen’ fiel ihm gleich ins Wort und fragte, ob er sein Taschentuch wieder zurückhaben möchte. Was Carl natürlich lachend ablehnte und ihn stattdessen endgültig rettete.

Und dann ging’s im Sauseschritt heim: Carl musste unbedingt aufs Klo und hatte einen mordsmäßigen Brand – wenn er jetzt nicht innerhalb zehn Minuten ein Bier bekäme, würde er tot umfallen, gab er seiner verwirrten Gerlinde zu verstehen.

Also wurde mächtig ausgeholt und auf dem letzten Streckenteil nun auch inner Orts der Gehsteig aufs massivste mit den Nordic-Stöcken malträtiert. Schnellen Schrittes sausten Carl und Gerlinde auch am Vorgarten der ‚Solar–Konrads’ vorbei. Herr Konrad, der eifrig Birkenlaub zusammenrechente, grüßte schon von weitem, und Gerlinde fügte ihrem Gruß sogar noch ein ‚wohl immer fleißig, Herr Konrad’ bei, während Carl mit verkniffenem Gesicht demonstrativ an ihm vorbeischaute…

„Was war denn das jetzt…?“ fragte Gerlinde entrüstet ein paar Schritte weiter.

„Den Konrad grüß’ ich nicht mehr“!

„Und warum?“

„Weil dieser Idiot abends immer seinen Sch…-Hund frei im Garten herumlaufen lässt, der mich jedes Mal mit seinem aggressiven Gebell erschreckt, wenn ich vorbeispaziere…“

„Aber freundlich ist das nicht von dir, ihn deswegen zu ignorieren…“

„Ist mir egal – mit mir kann er das nicht machen“!

„Hast du ihm denn dein Problem schon einmal gesagt“?

„Ne – da muss er schon selber drauf kommen, was sich gehört und was nicht…“

„ Tja – da haben wir ja dann doch noch das wirkliche ‚Grußmuffelchen’ entdeckt“, stöhnte Gerlinde und schloss – plötzlich fröstelnd – das Haustor auf…

KH

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