Klaus Hnilica
Sonntag, der 30. Januar 2011

Das unverfrorene Huhn…

Carl und Gerlinde (II)

Als Carl vor die Haustür trat, schrumpfte er auf die halbe Länge!
So kalt war es! Kälter als im Winter. Und das im September, wo man üblicherweise immer noch mit einem spätsommerlichen Nachschlag rechnen konnte. Vermutlich war diese Erwartung auch der Grund gewesen, dass Carl seinen Bademantel gar nicht erst zugemacht hatte und er auch barfuss in seinen Birkenstockschlappen stand.

Drohte jetzt die Kältestarre?

Carl hatte von diesem Zustand gehört und wollte deshalb, einem spontanen Impuls folgend, gleich wieder umkehren und die Zeitung lieber zwei Stunden später holen, wenn sich die Sonne doch noch durch die Wolkendecke gebohrt hatte.

Nach einem kurzen Moment der Besinnung fasste er sich aber und stürzte mit heroischer Entschlossenheit dem weiter unten aufgestellten, mit einer dünnen Eisschicht überzogenen Briefkasten entgegen, sperrte hastig auf, nahm die gefaltete Zeitung heraus, schloss wieder ab und wollte schon zurück in die mollig warme Stube eilen, als er plötzlich stutzte: unweit der Eingangsstufen, rechts neben dem Goldbartgrasstrauch bei der alten Baumwurzel, die wie ein sprungbereites Tier auf Beute lauerte, blitzte ihm ein blendend weißes Hühnerei entgegen…

Ja war es denn ein Hühnerei?

Der Größe und Form nach schon, aber wie kam dieses Ei hier unter die Wurzel?

Welches Huhn in aller Welt, legte so ein Ei ab? Frei stehend, eingeklemmt und ohne sonstige Spuren? Bei genauerem Hinsehen war der Rindenmulch in unmittelbarer Nähe dieses weißen Eies schon etwas aufgewühlt, aber nicht so, dass man auf die Idee gekommen wäre, dass hier irgendein eierlegendes Tier ein Nest hätte bauen wollen. Noch dazu bei dieser mörderischen Kälte, bei der jedes Huhn sich in Sekundenschnelle in ein Tiefkühlhuhn verwandelt und ihn vermutlich nur mehr mit weit aufgerissenem Schnabel aus froststarren Eisaugen angeglotzt hätte…

Aber so war es nicht, sondern er sah nur das Ei, das seltsam eingeklemmt unter der Wurzel stand und ihn nicht nur in Verwunderung sondern auch eine gewisse Bangigkeit versetzte, wenn er ehrlich war.

Was sollte er mit dem Ei denn tun?

Sollte er es einfach da belassen, wo irgendein Tier oder Scherzbold es hingestellt hatte? Oder gleich mitnehmen? Oder war es vielleicht gar jemand gewesen, der das Ei an sein Haus hatte werfen wollen, wie es in letzter Zeit öfter in der Stadt passiert war, die Polizei aber wie üblich nicht helfen konnte, da der Inhalt der Eier schneller die Wand runter lief, als man nach ihr rufen konnte, geschweige denn bis sie endlich ankam und erfolglos recherchierte?

Letztlich, sagte Carl halblaut murmelnd zu sich selbst, während er das weiße, kalte Ei voller Ekel ratlos in der Hand hielt, könne er nur darin Trost finden, dass ihm außer dem Schrecken viel Schlimmeres hätte widerfahren können, wie man ja aus Fernsehen und Zeitung hinreichend wusste: da wurde von ganz anderen Ungeheuerlichkeiten und Schweinereien berichtet, von Schweinereien bei denen Unmengen von Menschen nicht nur zu Schaden, sondern um– kamen und nicht nur deren Häuser mit Eiern beworfen wurden, wie bei ihm. Wenngleich das Ei ja Gott sei Dank in seinem Fall gar nicht geworfen worden war, weil der Übeltäter bestimmt durch irgendetwas gestört worden war, aber immerhin geworfen werden hätte können! Vielleicht war im richtigen Augenblick ein Auto vorbeigefahren, wer konnte das schon wissen? Oder jemand mit seinem Hund vorbeigegangen, so dass der Eierwerfer nervös geworden war und die ganze Eierattacke wie einen Scherz aussehen ließ, indem er das Ei einfach unter die Wurzel geklemmt und sich davon gemacht hatte.

Aber es hätte auch sein können, dass der Eierwerfer doch geworfen hätte und zwar gerade in dem Augenblick, als er, Carl, aus dem Haustor trat, um die Zeitung zu holen und dass ihn gerade in diesem Moment dieses geworfene Ei, das nun in seiner Hand sogar schon etwas warm geworden war, voll auf den Kopf getroffen hätte und die ganze gelbe Brühe nicht an der Hauswand, sondern an ihm heruntergelaufen wäre! Welch grauenhafte Vorstellung!

Er schüttelte sich vor Ekel!

Carl hielt es für angebracht den ganzen Vorfall mit dem Ei und all dem Drumherum, Gerlinde besser nicht zu erzählen, da sie ohnehin einen hohen Blutdruck hatte und sich nur unnötig aufgeregt hätte. Er sagte stattdessen zu ihr, da sie schon verwundert war, wo er so lange blieb, dass die morgendliche Frische so angenehm gewesen wäre, dass er gar nicht ins Haus zurück hatte wollen.

Verschämt drückte er sich hinter den Frühstückstisch und verschwand wie üblich im Dickicht der Zeitung…

Später entsorgte er das Ei heimlich, das er in der rechten Tasche seines Bademantels sorgsam warm gehalten hatte. Vorsichtig setzte er es in der Biotonne auf die anderen Küchenabfälle und war froh, dass es hier und nicht an seinem Kopf gelandet war.

Am nächsten Morgen fragte Carl Gerlinde, ob sie nicht vielleicht ab jetzt besser die Zeitung vom Briefkasten holen sollte. Sie sei doch morgens viel früher auf als er und meist auch schon angezogen, er dagegen immer noch im Bademantel?

Verwundert willigte Gerlinde ein! Sie sagte, „tja, wenn du meinst“ und servierte ihm das übliche weiße Frühstücksei…

Carl aß das Ei noch einmal. Aber am nächsten Tag verzichtete er darauf.

Und an den folgenden Tagen auch. Niemand wusste warum und er war auch nicht bereit darüber zu sprechen.

Klaus Hnilica

P.S.
Klaus ist Atomphysiker und beschäftigt sich privat mit Philosophie. Das Bild vom Huhn ist auch sein Werk. Hut ab und tiefe Verbeugung.

P.S.1
Zum Teil I

1 Kommentar zu “Das unverfrorene Huhn…”

  1. Chris Wood (Montag, der 31. Januar 2011)

    I love the writing style, but what is this all about? And what has the effect of cold on male parts to do with the rest of the story?

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