Klaus Hnilica
Donnerstag, der 4. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil1) – Rückblende

Ein Arschloch, wie es im Buch steht!“, war immer die erste Reaktion, sobald die Rede auf Sturmius kam. Auch für mich war dieser Typ schwerste Kost – kaum zu genießen…

Doch zugegeben, er war ein begnadeter Koch!
Sein Name und seine Kochkünste waren über viele Jahre in aller Munde. Wenn Sturmius von Suppé donnerstags zur besten Sendezeit im Fernsehen kochte, überbot seine Einschaltquote spielend die Werte des sonntäglichen ‚Tatort – Krimis’.

Kein Vergewaltiger oder Kinderschänder konnte seinem Tafelspitz, geschweige denn Rehrücken, den Rang ablaufen. Kein Mörder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als er mit seinem beißenden Wiener Schmäh, während er Entenbrüste zerteilte und Karotten glasierte.

Doch warum dieser Sturmius ausgerechnet mir gegenüber diese hündische Anhänglichkeit zeigte, habe ich nie richtig herausfinden können. Vielleicht weil ich auch anders war, aber doch nie so ausgegrenzt wurde wie er – der schon zu Schulzeiten permanent nach ‚Sellerie’ müffelte!

„Da kommt der Stinkersturmi! Sturmistinker, Stinkersturmi“, riefen sie ihm nach oder tuschelten sie sich grinsend zu, denn mit Stinkersturmi war nicht zu spaßen. Er hatte die Kräfte eines Grizzlys und fackelte nicht lange: bevor er brummte, langten seine Pranken schon hin – alles weitere erübrigte sich dann meistens.

Da ich eher von hühnerbrüstiger Statur war und außer einem schneidigen Mundwerk wenig zu bieten hatte, baute mich Sturmius ungefragt in seine ‚Sellerie-Aura’ ein und räumte mir jeden Übeltäter schneller aus dem Weg, als ich ‚Hühnerkacke’ sagen konnte.

Als Gegenleistung opferte ich mich und setzte mich Jahr für Jahr brav neben ihn. Wer sonst hätte neben diesem Widerling den Selleriegestank ertragen können?

Natürlich zog ich mir damit den Spott und die Wut der anderen zu, aber das war der Preis für seinen Schutz; ebenso die Hilfe, die ich dieser wandelnden Sellerieknolle bei Mathe und allem Physik– und Chemiekram zukommen ließ.

Gelegentlich kam ich sogar mit zu seinen unmöglichen, adeligen Eltern und seiner tranigen Schwester Raffaela, die zwar nicht nach Sellerie müffelte, dafür aber nach Schweiß. Und die finsteren holzgetäfelten Räumlichkeiten des herrschaftlichen Anwesens rochen übel nach abgestandenem Kohlgemüse, da man wegen der hohen Heizungskosten kaum lüftete.

Doch richtig nahe war ich diesem Sturmius von Suppé nie gekommen! Sicher lag das nicht nur an ihm – ich verkroch mich auch allzu gerne in meinen schützenden ‚Kokon’ und ließ niemand an mich heran: meine ‚warmen Sorgen’ hätte ohnehin niemand verstanden…

Sturmius vielleicht schon! Aber den hatte ich nach dem Abitur gänzlich aus den Augen verloren. Ich war jetzt selbst das Arschloch vom Dienst und hatte genug mit mir und aufdringlichen Schwanzlurchen zu tun. Täuschen und tarnen, das war das Gebot der Stunde: niemand durfte von meiner unsäglichen Neigung erfahren. Und irgendwie studieren musste ich ja auch noch.

Umso mehr war ich geplättet, als er, Sturmius, dann wie aus dem Nichts auf die Fernsehschirme der Nation klatschte und seine Gäste nicht nur kulinarisch umgarnte, wie seine Rinderrouladen, sondern ihnen mit beißendem Wiener Schmäh auch noch Tränen in die Augen trieb.

Plötzlich war da weder etwas von seiner verklemmten Maulfaulheit zu spüren, noch von seinem dümmlichen Hessischen Dialekt, mit dem er in jungen Jahren seine adeligen Kreise bis zur Weißglut provoziert hatte.

Und wie stark der aussah, dieser knusperbraune Sturmius: das ehemalige Schwabbelgesicht war markant geworden und kam durch die totale Glatze, die dunkle Hornbrille und den damals noch seltenen Dreitagebart richtig schmackhaft zur Geltung. Die lebhaften Augen und sein breites Grinsen – umwerfend charmant, wenn er wollte – kultivierte alles wie feinste Würze, die mich nicht nur erfreute, sondern mir auch voll auf den Magen schlug: ich musste erkennen, dass ihm – dem ewigen Arschloch – gelungen war, was ich nicht geschafft hatte, nämlich den ‚Kokon’ zu sprengen und von der unappetitlichen Raupe zum bunten Schmetterling zu mutieren! Doch – Sturmius hatte das geschafft…

Ich gebe zu, dass mich diese Erkenntnis vollkommen unvorbereitet traf und mir eine Art chronische Magenverstimmung bereitete, die mich anhaltend quälte! Als einziger Trost blieb mir die geschmacklose Hoffnung, dass er bei aller feinschmeckerischen Brillanz doch noch nach ‚Sellerie’ müffelte. Wenn nicht, was blieb dann übrig von meiner früheren Überlegenheit ihm gegenüber?

Nichts – gar nichts blieb übrig – wie ich bei unserem ersten Wiedersehen sofort spürte, als er mir flapsig zuflüsterte, mich nie vergessen zu haben! Was hätte es da noch zu grübeln und zu bedauern gegeben? Da war doch sofort klar, dass ab sofort ich, der selbstständige Journalist, dort zu tun hatte, wo dieser knusperbraune Sturmius brutzelte und kochte. Egal ob das Amsterdam, Brüssel, Berlin oder Wien war – ich war immer dabei!

So erfuhr ich auch rasch, dass Sturmius in Wien nicht nur bei Plachutta, Lamprecht und diversen anderen Restaurants kochen gelernt und als Koch gearbeitet hatte, sondern während dieser Zeit zehn Jahre mit einem Stadt bekannten Kabarettisten liiert war – der mit sehr viel Feingefühl den ‚neuen Sturmius’ aus ihm herausgekitzelt und den Grundstein für seine beispiellose Fernsehkarriere gelegt hatte.

Leider wandte sich dieser gute Geist schon bald nach ihrer Trennung gänzlich der Französischen Küche seines neuen Lovers zu und wollte von Sturmius’ Wiener Kochkünsten absolut nichts mehr wissen. Schade! Aber es war eine Frau gewesen, die dazwischen gefunkt hatte, doch Sturmius wollte partout nicht von ihr erzählen…

Tja – und in Berlin hatte Sturmius mich unlängst, wie in alten Zeiten, aus einer höchst unangenehmen Rangelei heraus geboxt, als wir die Nacht durchmachten und in einem Park an die falschen Typen geraten waren. Doch Sturmius hatte nichts verlernt. Im Gegenteil. Wortlos erledigte er die Angelegenheit. Hilfe benötigte er nur, als er darauf bestand, die drei angeschlagenen Bürschchen ordentlich wie frisch ausgebuddelte Zuckerrüben, auf der vom Morgentau benetzten Grünfläche abzulegen – exakt der Größe nach! Irgendwie war er pedantisch und sensibler geworden – dieser neue Sturmius von Suppé…

Umso brutaler und gnadenloser traf mich die Nachricht von seinem plötzlichen Tod!

Für mich unfassbar, wie es möglich war, dass diese bratende und backende Urgewalt nicht mehr weiter brutzeln sollte? Wer konnte diesem zähen Strunk derart zugesetzt haben? Der hatte doch stets die Anderen nass gemacht?

Oder war alles gar nicht wahr? Alles nur Küchenlatein? Hatte dieser grandiose Verwandlungskünstler uns alle ein weiteres Mal getäuscht? Vielleicht weil er seine Mission erfüllt sah und vor der lauernden Routine Schiss bekam? Oder wollte er die Welt aufs Neue überraschen? Mit einem Sturmius als Beilage, den es so noch nie gab? Zuzutrauen war ihm das…

Doch als ich dann endlich nach langen, trostlosen Wochen aus meinem Alkoholdelirium auftauchte und wieder zu mir gekommen war, und mir sämtliche Nachrichten über Sturmiusens Tod in der Presse und den sozialen Medien einverleibt, sowie etliche Gespräche in seinem ehemaligen Umfeld geführt hatte, glaubte ich plötzlich im Unterleib zu spüren, dass es da für einen investigativen Journalisten, wie mich, jede Menge aufzuklären gab und ich das meinem Freund schuldig war – soviel Zeit musste sein, wie er zu sagen pflegte, wenn einer seiner Schmorbraten vor sich hin köchelte…

Aber das ist eine andere, noch unglaublichere Geschichte!

KH

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