Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. Januar 2014

Der Tod des Magiers

Meine Damen und Herren, bevor ich endgültig abtauche, will ich Ihnen schnell noch die grandiose Geschichte meines Todes erzählen – und bitte haben Sie Verständnis, wenn ich mich kurz fasse, denn in wenigen Minuten wird Jasmine erscheinen und ich fände es mehr als unpassend, wenn sie mich bei Ihnen anträfe…  

XEthan Foto Am besten beginne ich mit einer anderen Todesphantasie! Nämlich der, als ich zum ersten Mal meine innig gehasste Ehefrau Abigail Hadley ganz real an die Wand unseres Kaminzimmers klatschen wollte!

   Und ich muss zugeben – selbst wenn das jetzt nicht unbedingt zu den vorzeigbaren Highlights meines Lebens gehört – dass ich mir bei dieser Vorstellung vom ersten Moment an nicht nur das ‚satte Aufklatschen’ ihres konturlosen Körpers herbeisehnte, sondern sehr schnell auch den sündhaft teueren Francis Bacon gegenüber dem Kamin abhängen ließ, weil sich komischer Weise parallel zu diesem ‚Aufklatschen’ in mir die Vision breit machte ,Abigail nicht nur auf der frisch angelegten weißen Wand kleben zu lassen, sondern sie sogar mit ein paar flinken Mumifizierungstricks und einem güldenen Rahmen gekonnt in eines dieser ausladenden Reliefporträts zu verwandeln, die neuerdings selbst von der Tate Gallery gezeigt werden…   

   Für mich und meine schalkhafte Jasmine wäre damit jedenfalls ein oft geträumter Traum in Erfüllung gegangen, wenn Abigail sich auf diese heroische Art –  einvernehmlich schweigend – hinter uns an die Wand drapiert hätte, während wir auf dem hellen Bärenfell vor dem Kamin die Champagnergläser auf ihr stummes Wohl leerten…

   Gott – was für ein herrlicher, kleiner Spaß wäre das für meine lebenslustige Jasmine gewesen! Doch leider kam es ja dann nicht mehr dazu! Denn dieserunbeschwerte Engel Jasmine, der vor Lebensfreude und Vitalität nur so sprühte, fiel am 21. November – ich werde diesen Tag nie vergessen – um zwölf Uhr Mittag völlig unerwartet in ein schweres Koma!

   Und keiner unserer viel gepriesenen Londoner Ärzte hatte auch nur die geringste Ahnung, wie es dazu kommen konnte! Der gesamten versammelten Ärzteschaft des berühmten ‚Royal Brompton Hospital’ fiel zu diesem entsetzlichen Vorgang nichts anderes ein, als verlegen die Köpfe zu schütteln – und sich zu schnäuzen!

   Und können Sie sich vorstellen, was das heißt, wenn diese geballte Hilflosigkeit ausgerechnet über einen wie mich hereinbricht? Über Sir Ethan Hadley, den größten Magier Englands, der auf allen Show-Bühnen der Welt zuhause und monetär so ausgestattet ist , dass er diesen armseligen Ärztehaufen jederzeit aufkaufen und verrotten lassen konnte? Oder noch besser: der während seiner magischen Auftritte, jeden Einzelnen dieser unfähigen Dottores, in beliebig kleine ‚antiseptisch präparierte Häppchen’ zersägen hätte können, ohne dass ihm daraus auch nur die geringsten Schwierigkeiten erwachsen wären?  

   Aber selbst diese, zugegebenermaßen bösen Phantasien, waren letztlich nur  Ausdruck meiner absoluten Hilflosigkeit gegenüber dieser bodenlosen Stümperhaftigkeit der Londoner Ärzteschaft!

   Vielleicht war das auch der Grund gewesen, dass ich damals so übertrieben ausrastete, und den mir am nächsten stehenden Arzt spontan anbrüllte und ihm eine schallende Ohrfeige verpasste! Ohne ein weiteres Wort stürmte ich danach Hals über Kopf aus dieser verdammten Klinik, tobte  mehrere Tage wehklagend durch sämtliche Räumlichkeiten meines riesigen Anwesens in Esher, schwor gnadenlose Rache, kroch in jedes mir zugängliche Mauseloch, fiel völlig entkräftet im Heizungskeller schließlich auf einen Haufen ölgetränkter Putzlappen und wollte nur noch sterben…

   Und wenn Bob, unser caretaker, mich damals nicht zufällig entdeckt hätte, da ich mich in dem Ölgestank der Putzlappen mehrfach übergab, wär ich bestimmt ohne jegliches Aufsehen verreckt. Noch unangenehmer wär es allerdings gewesen, wenn Bradley, unser Butler, mich damals vor Bob gefunden hätte! Der hätte mich da wirklich sehr einfach erledigen und entsorgen können. Für Geld tat der wohl alles! Was ich damals allerdings zugegebener Maßen noch nicht wusste…

   Seltsam war nur, dass von dem Augenblick an, als Jasmine aus unser aller Gesichtsfeld verschwand, meine gesamte hinterhältige Mischpoche plötzlich rührend um mich besorgt war! Selbst meine ewig geifernde Abigail, war nicht  wieder zu erkennen: unerwartet zärtlich umsorgte und verwöhnte sie mich Tag und Nacht. Und ich muss zugeben, mir tat das gut, ich genoss diese lange vermissten Wohltaten mehr als mir lieb war.

   Natürlich tauchte im Gefolge von Abigail auch sofort meine Agentin Florence Bloomfield auf und versuchte durch jede Menge Termine mich abzulenken und zu stabilisieren! Ja ich hatte sogar die allergrößte Mühe, sie davon abzuhalten, sofort eine neue Welttournée mit mir zu starten! Um sie zu beruhigen, gab ich ihr zu verstehen, dass dafür gar keine Zeit war, da ich sie dringendst für eine sehr persönliche Aufgabe benötigte!

   Und ich erwartete von ihr – dies jetzt nur für Sie – dass sie dabei ähnlich verlässlich und verschwiegen war wie Freya, das schwarze Schaf der glorreichen Familie Nelson! Während sich nämlich die vornehmen Nelsons mit großem Stolz von Admiral Nelson herleiteten, definierte sich Abigails jüngeres Schwesterchen Freya eher über ‚Lack und Leder’ und ging in ihrem Atelier – wie sie es nannte – sehr kreativ und erfolgreich auf die abwegigsten Phantasien der Londoner High Society ein! Ja ich gebe zu – mir nötigte sie auch allergrößten Respekt ab! Ich schätzte ihre immense Professionalität, ihre versteckte Zuwendung mir gegenüber sowie das stumme Verstehen, wenn sie mich mit harter Peitsche und  bellenden Befehlen entspannte – Details möchte ich Ihnen ersparen!

   Erwartungsgemäß reagierte Florence ähnlich professionell, als ich sie anwies in meinem Namen die Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ ins Leben zu rufen, um auf diese Weise ein Maximum an Einfluss auf Jasmines Genesung nehmen zu können.

   Florence war natürlich bei den ersten Gesprächen mit Professor Gordon, einem ausgewiesenen Experten für Komapatienten, dabei. Er hatte schon die aussichtslosesten Fälle erfolgreich zurückgeholt, mich dann aber in vertraulichem Gespräch mit einer Mitteilung konfrontiert, die einen neuerlichen Schockzustand bei mir hervorrief.

   Ich scheue mich auch nicht zuzugeben, dass ich ohne Freya und ihre ‚despotische Fürsorge’ – so nenne ich das einmal – diesen neuerlichen Nackenschlag des Schicksals niemals verkraftet hätte und schon gar nicht Professor Gordons Diagnose!

   „… wir müssen davon ausgehen“, sagte er, „dass Ihrer Bekannten, Jasmine Moore, Gift injiziert wurde! Auch wenn für Sie das jetzt schwer zu ertragen ist, muss ich Ihnen mitteilen, dass sie allem Anschein nach gezielt getötet werden sollte, aber die Dosierung nicht richtig bemessen wurde“.

   „Oh Gott“, stöhnte ich, „wer sollte das denn gewollt haben, das ist doch völlig absurd?“

   „Ich weiß es nicht, Mister Hadley, aber ich bin mir ganz sicher, dass es sich bei dem injizierten Gift um die gleiche Substanz handelt, die Indios im Amazonas noch heute als Pfeilgift verwenden“!

   „Bitte sagen Sie das nicht, Herr Professor Gordon“, flehte ich, „bitte nicht…“! Denn ich wusste sofort, was das bedeutete: hatte doch Abigails Bruder als Anthropologe, viele Jahre im Amazonas gearbeitet und geforscht.

   Und als ich zu allem Überdruss dann noch entdeckte, dass meine Agentin Florence Bloomfield mich bei der Einrichtung der medizinischen Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ wieder um ein paar Milliönchen betrügen wollte, war es natürlich Freya, die mich professionell mit Gesichtsmaske und Peitsche für meine tumbe Vertrauensseligkeit wohltuend bestrafte – das muss ich, da heute wohl der Tag der Offenbarungen ist – ganz ehrlich eingestehen!

   Dies umso mehr als sich die Situation durch den zwar erfreulichen, aber höchst verhängnisvollen Anruf von Professor Gordon zusätzlich verschärft hat! Seit er mir nämlich telefonisch übermittelt hatte, dass meine innig geliebte Jasmine Moore nach drei Jahren endlich aus dem Koma aufgewacht sei, gehörte auch Freya plötzlich zu den Personen, vor denen ich Angst habe musste – selbst heute Abend!

   Im Nachhinein versichere ich Ihnen aber auch, dass ich nie wieder auf mein eigenes Begräbnis gehen werde: denn wie mein Engel Jasmine, damals unmittelbar nach ihrem Aufwachen bei meinem Begräbnis litt – können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich konnte es mir übrigens ebenso wenig vorstellen! Und schon gar nicht mit ansehen! Darum verließ ich damals noch während meiner eigenen Einsegnungszeremonie die Trauergemeinde. Natürlich ein unmöglicher Vorgang! Wie übrigens alles bei diesem verlogenen Begräbniszeremoniell, bei dem ich mit perfekter Gesichtsmaske als Butler Bradley, unter den Trauergästen weilte, während Bradley selbst still im eingesegneten Sarg vor sich hindämmerte…

   Gott – was hatte der für ein Theater gemacht, als ich, der tot Geglaubte, mit Bobs Hilfe knapp vor der Einsegnung unversehrt dem Sarg entstieg und den übertölpelten ‚Scheinkiller’ Bradley aufforderte, sich an meiner statt in die Kiste zu legen und ihm zur Erleichterung der kommenden Stunden einen gehaltvollen Spezialtrunk anbot. Gut, ich will das jetzt nicht allzu sehr auswalzen, aber so tapfer, wie seinerzeit dieser Sokrates, leerte  Bradley seinen ‚Schierlingsbecher’ nicht, das können Sie mir glauben! Ja er bettelte sogar ekelhaft weibisch um sein mieses, kleines Leben! Heulte sich die Augen aus dem Kopf und gab ohne Aufforderung meinerseits alle Namen derer Preis, die ihn für ein erkleckliches Sümmchen beauftragt hatten, mich zu eliminieren – und das waren praktisch alle, die ich Ihnen heute Abend genannt habe, außer meiner geliebten Jasmine natürlich, die aber wohl den Verstand verlieren wird, wenn sie erfährt, dass ich noch lebe!

   Freya natürlich auch nicht, aber die hasst mich plötzlich; seit ich ihr zu verstehen gegeben habe, dass ich ab sofort nur mehr für Jasmine da sein werde! Und da ich ja weiß, was Freya mit mir anstellen kann und ich mich ihr gegenüber praktisch kaum zu wehren vermag, möchte ich mich auf schnellstem Weg, möglichst noch heute Abend, mit meiner geliebten Jasmine, irgendwo außerhalb Englands verstecken – aber wo? 

   Jedenfalls muss es dort unbedingt immer warm sein und makrobiotisches Essen geben. Außerdem hasst Jasmine jede Art von Getier, insbesondere Kakerlaken und Stechmücken! Und ich will schriftlich verbrieft haben, dass mir dort auf keinen Fall dieser komische Deutsche Boris Becker mit seiner Lilly über den Weg läuft, das ginge nämlich gar nicht!

   Jetzt  muss ich mich aber wirklich schleunigst verdrücken, Jasmine kann jeden Moment  auftauchen, ihr hysterisches Geschrei, möchte ich Ihnen echt nicht zumuten! Ihnen allen noch einen schönen Abend! Den einen oder anderen von Ihnen werde ich bestimmt wieder bei Freya treffen – doch geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass Sie mich dort entdecken werden! Meine Gesichtsmasken und Ganzkörpermieder sind inzwischen mehr als perfekt; nicht einmal Freya wird wissen, ob der berühmte Magier Sir Ethan Hadley ihr noch die Ehre erweist…

KH

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1 Kommentar zu “Der Tod des Magiers”

  1. Martina (Samstag, der 11. Januar 2014)

    Also ich glaube ja nicht, dass der berühmte Magier Sir Ethan Hadley, mit seiner schillernd verruchten, betrügerischen Vergangenheit, sich wirklich auf einer „einsamen Insel“ mit seiner langweiligen Geliebten Jasmin in Zukunft die Jahre vertreiben kann… das wird ihm doch auf die Dauer viel zu langweilig werden… hier schreit’s nach eine Fortsetzung Herr Autor! Wird es die geben? Ich warte gespannt…
    und danke für den Anfang!
    MT

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