Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. November 2015

Die Lawine oder die unschickliche Abkehr von der Hydraulik

Carl und Gerlinde (Folge 46)

Typisch! Immer wenn Carl Zuspruch benötigte, war niemand daheim. Nach einem erwartungsvollen Hallo drückte er daher missmutig die Haustür zu.

ZZZZZimg213Auf der Ablage in der Diele klebte immerhin eine Notiz:
‚Sortiere Winterklamotten in der Bürgerhalle. Komm doch nach! Wird spät. Küsschen Gerlinde’.

Hm-Mist! Statt einem freundlich aufgehellten Gesicht drängte nur die übliche Novemberschwärze vom Garten ins Wohnzimmer. Das letzte Stück Himmel verkrümelte sich schamrot hinter der gelben Tamariske. Mehr Himmel war auch nicht nötig, den brauchte Carl jetzt wirklich nicht. Eher schon das Fegefeuer oder die Hölle…

Noch in der Diele fiel ihm die Tasche aus der Hand. Den Trenchcoat und die Schuhe pfefferte er verdrießlich in Richtung Kleiderablage.

Scheißtag, stöhnte er zum dritten Mal und langte automatisch nach der Brandy-Flasche! ‚Carlos I’! Angewidert fischte er sich ein Glas über der Hausbar und warf sich ächzend auf die Wohnzimmercouch. Teilnahmslos starrte er auf sein Spiegelbild in der nachtschwarzen Scheibe der Terrassentür. Beim ersten ‚Carlos’ prostete er sich noch zu.

Beim zweiten ärgerte er sich bereits wieder, dass sein verdammtes Kleinhirn immer noch um das Gesabber der Konzernleitung in der heutigen Besprechung kreiste und auch nicht von dem Beruhigungsgelaber der ‚regierenden Märchentante’ los kam, die durch ihr beharrliches ‚Wir schaffen das – Wir schaffen das – Wir schaffen das’, unbeirrt den schon seit zehn Jahren andauernden Tiefschlaf in ihrem Reich weiter aufrecht zu erhalten versuchte.

Ja – vermutlich war sie sogar selbst das ‚Dornröschen‘!

Was aber nicht einmal der ehrgeizige Prinz Seehofer im flüchtlingsüberfluteten Bayern wusste: denn sonst wäre der niemals so enttäuscht gewesen, dass sie überhaupt nicht aufwachen wollte und nichts mitbekam, was ringsum in ihrem Reich geschah.

Dabei hatte er sich so bemüht und sie ganze zwanzig Minuten vor dem gesamten bayrischen Hofstaat neben sich stehen lassen, um allen zu zeigen, dass sie sehr gut durchhielt, wenn er das Kommando übernahm und regierte und sie stehend neben ihm  weiterschlafen konnte – wie bisher…

Und wahrscheinlich wäre Carl nach dem vierten ‚Carlos’ auch entschlummert, wenn er nicht versehentlich mit der rechten Hand auf die Fernbedienung seines Fernsehers getappt wäre und mit einem Mal einen aufgeregten Fernsehmoderater vor sich gehabt hätte, der ziemlich böse auf einen abwesenden Schäuble eindrosch, weil dieser völlig unschicklich aus der ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’ der Bundespolitik bei der Beschreibung des Flüchtlingsthemas ausgebrochen war.

Und der – ach wie schlimm, auf einer vom Moderator kurz eingeblendeten Veranstaltung, den überbordenden Flüchtlingszuzug nach Deutschland mit einer ‚Lawine’ verglich, die ein unvorsichtiger Schifahrer an einem Steilhang ausgelöst haben könnte, indem er unbedacht etwas Schnee bewegt hatte: eine Lawine, von der im Moment niemand wusste, ob sie bereits im Tal war oder erst im oberen Drittel des Hanges.

Schlimm sei das! Menschenunwürdig und katastrophisch sei dieses missratene Bild, so der auf Mainstream gebürstete Moderator! Und total schief sei dieser Vergleich! Schließlich sei die Kanzlerin – ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Alpinisten Schäuble – noch nie alpin in Erscheinung getreten, sondern ausschließlich als Langläuferin und da nur in Niederungen!

Übel, so der Moderator, sei dieser vollkommen unerwartete lawinöse Ausbruch des Finanzministers, aus der von allen Parteien und Medien akzeptierten ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’!

Und was das zu bedeuten habe, fragte er, dass Schäuble dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt inszeniere, wo die Kanzlerin spürbar in der Bevölkerung und Partei an Zustimmung verliere? Rüttle da jemand nachhaltig an ihrer Richtlinienkompetenz? Zeigten sich da nicht nur zwischen CSU und CDU tiefe Risse, sondern selbst schon innerhalb der CDU? Ja sogar in der großen Koalition?

Was sei da los? fragt der Moderator offensichtlich nicht nur sich selbst, sondern auch in Richtung Carl, der aber statt einer Antwort mit einer Gegenfrage konterte: Nämlich mit der Frage, ob er, der superkluge Herr Moderator wisse, wie viel Gläschen Brandy er, Carl, schon intus habe: waren das nun vier, fünf, sechs oder sieben? Denn er selbst wisse das nicht mehr.

Dabei sei die Beantwortung dieser Frage für ihn viel wichtiger, so Carl zum Moderator auf dem Bildschirm, als der ganze Lawinenzauber! Denn diese Antwort entscheide letztlich, ob er, Carl, es wagen konnte, jetzt noch in die Bürgerhalle zu gehen und vor die strengen Augen seiner ‚Winterklamotten sortierenden Gerlinde’ zu treten, um vielleicht endlich auch etwas Konkretes für die Flüchtlinge zutun.

Oder aber, ob er Gesichts wahrend lieber daheim bleiben und nichts Praktisches tun sollte? Dafür aber morgen, wenn er wieder nüchtern war, wie bisher eine Lösung nach der anderen klugscheißerisch in die Welt posaunen sollte – zu diesem schwierigen hydraulischen Flüchtlinsthema, das plötzlich von der Politik auch lawinös angegangen wurde…

Hm – wahrlich eine schwierige Entscheidung, sagte sich Carl, die auf keinen Fall vor dem nächsten ‚Carlos’ entschieden werden sollte. Oder?

KH

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