Klaus Hnilica
Donnerstag, der 17. November 2011

Die Macht der Engel

Carl und Gerlinde (XVI)

Carl hatte den Advent noch nie gemocht!

Schon gar nicht diese bleierne Finsternis.

An manchen Tagen wurde es gar nicht hell; es schien als würde sich die Abenddämmerung schon in der Früh über die Firma hermachen und Carl wie einen Grottenolm durchs Haus jagen, bis er wieder auf einen neuen  Jahresabschluss stieß, an dem er sich abarbeiten konnte, da noch niedrigere Kosten gefordert  worden waren, und noch höhere Auftragseingänge und selbstverständlich deutlich bessere Ergebnisse als im Vorjahr!

Nein – der Advent war keine schöne Zeit! Eher die Ankündigung der Vorhölle…

Für Gerlinde dagegen immer ein Blick in den Himmel!

Sie liebte diese Weihnachtslieder geschwängerte Vorweihnachtszeit so sehr, dass sie mit ständig neuen Ideen Carls Haus in ein furioses ‚Glocken klingendes Weihnachtsparadies’ verwandelte, in dem nicht nur dutzende Weihnachtssterne über den acht wunderschönen, beleuchteten Krippen mit teuren, handgeschnitzten Mitgliedern der heiligen Familie und den Weisen aus dem Morgenland blinkten und prangten, sondern auch eine ständig wachsende Heerschar an singenden Weihnachtsengeln zunehmend die Regentschaft übernahm…

Das war anstrengend!

Denn, wenn Carl am Ende eines dieser ‚adventlichen Arbeitstage’ weidwund aufs Sofa sinken wollte, schmiegten sich bestimmt gleich etliche dieser goldigen engelhaften Quälgeister so innig an ihn, dass er panikartig wieder hochfuhr und sich in einem zweiten Anlauf nur mehr bescheiden eingefaltet in eine Sofaecke drückte. Und wenn er genervt seine Bierflasche abzustellen versuchte, landete die natürlich auch sofort in einer größeren Horde pausbäckiger Puttenengel, und selbst im Badezimmer und auf dem Klo grinsten ihm dutzendweise die goldigen Engelchen noch aufs nackige Hinterteil…

Kein Wunder, dass dann beim Griff zur tröstenden Bierflasche schon mal der eine oder andere von Gerlindes Lieblingen auf den Parkettboden kullerte und sich etwas auflöste und sein engelhaftes Aussehen einbüßte!

Ja, das kam schon vor!

Aber ‚alle Neune’, wie Gerlinde vollkommen überzogen später behauptet hatte, waren es nie gewesen, schließlich brachte ihn so ein winziges Fläschchen Bier noch lange nicht in Kegellaune, wenngleich ihm manchmal schon danach war…

Und dass seine Gerlinde ihn bei jedem ‚gefallenen Engel’ mit einem  Blick fixierte, als hätte er einen Mord begangen, fand Carl auch gar nicht so lustig, denn streng genommen, sahen diese dämlichen Gipsengel, ohne ihre Nasen auch nicht dümmer aus als mit und die paar goldigen, abgebrochenen Gliedmaßen landeten ohnehin immer ruckzuck im Mülleimer, da musste Gerlinde sich doch nicht groß aufregen, sondern einfach nur zu Besen und Schaufel greifen…

Aber im Advent neigte sie eben schon öfter Mal zu hysterischen Überreaktionen, das hatte er mitbekommen, oder war das vielleicht die erste Ankündigung der Wechseljahre?

Einmal brüllte sie Carl richtiggehend an!

Das sei das reinste Adventsmassaker, schrie sie mit hochrotem Kopf, was er da allabendlich abziehe; diese provokante Grobschlächtigkeit sei nicht zu ertragen, ihr reiche es, sie hätte die Nase endgültig voll von ihm, schrie sie völlig außer sich. Wenn er schon meinte, sich ausgerechnet an ihren Engeln austoben zu müssen, dann sollte er sich doch selbst welche kaufen und – und, ihr blieb vor Aufregung die Luft weg – sie unten im Keller gegen seine Bierkästen pfeffern…

Wutentbrannt stürmte sie damals mit offener Winterjacke und Schal in die Finsternis hinaus, nicht ohne das Haustor mit einer solchen Heftigkeit zuzuschlagen, dass selbst der Raketenwacholder im Vorgarten noch sekundenlange nachzitterte …

Carl war geplättet!

So einen Wutausbruch hatte er bei Gerlinde noch nie erlebt! Und das im Advent!

Total verstört saß er minutenlang mit seiner Bierflasche vor dem Fernseher, tat sich leid und starrte geistesabwesend auf die vorbeihuschenden Bilder. Unruhig zappte er durch die 400 Programme; aber ohne Gerlindes meckernde Begleitmusik machte das keinen Spaß…

Sollten diese blöden Engel tatsächlich seine Gerlinde vertrieben haben?

Nein!

Entschlossen trank er sein Bier aus, schüttete zwei Klare hinterher und warf sich eilig in seine pelzgefütterte Lederjacke.

Da er keine Ahnung hatte, wo er seine suchenden Schritte hinlenken sollte, ging er einfach die Hauptstraße entlang, lugte in jede Seitenstraße und zweigte schließlich in Richtung katholischer Kirche ab, da er plötzlich die fixe Idee in sich aufkeimen spürte, Gerlinde vielleicht hierorts weinend vor der stimmungsvoll ausgeleuchteten Weihnachtskrippe im Kirchhof anzutreffen…

Während er sich schon sah, wie er sich verlegen räuspernd vorsichtig an sie heranpirschte, sie ängstlich umarmte und begleitet von tausend zärtlichen Entschuldigungen sorgsam heim zu lotsen versuchte, musste er leider feststellen, dass vor der Krippe nur ein arg zersauster weißgrauer Kater auf und ab rannte und grimmig miaute. Aber immerhin gab’s da keine Engel, oder hatte er die aufgefressen?

Als Carl endlich nach einer guten Stunde planlosen Herumirrens, schwitzend, bei dem erst im letzten Jahr eröffneten Einkaufszentrum vorbei kam, schöpfte er neuen Mut: bei den langen Öffnungszeiten konnte Gerlinde doch in einem der Discounter sein?

Warum nicht?

Da war doch noch jede Menge Betrieb! Die Leute schleppten das Zeug weg, als breche gleich der Krieg aus!

Und in dem bienenstockartigen Gewusel und Gedränge entdeckte er tatsächlich Gerlinde, die ihn wohl auch schon gesehen hatte.

Zielstrebig kam sie mit zwei riesigen Einkaufstüten auf ihn zu. Sie schien glänzend gelaunt und lachte übers ganze Gesicht, was ihr gut stand, da die nächtliche Kühle auch ihre seidigen Backen appetitlich aufgefrischt hatte…

„Endlich – da bist du ja Gerlinde, ich hab mir solche Sorgen gemacht!“ sagte Carl kleinlaut aber doch mit einem leichten Vorwurf in der Stimme.

„Ja da bin ich“, strahlte Gerlinde, „weißt du, Carl, mir ist beim Spazierengehen plötzlich eingefallen, dass ja der „Adler“ in dieser Woche dieses wahnsinnige Sonderangebot hat…“

„Welches Sonderangebot?“

„Na ja du weißt schon…“

„Was weiß ich?“

„Typisch Mann, wie immer ahnungslos: beim „Adler“ gibt es doch dieses Jahr in der ersten Adventwoche für 100 Euro achtzehn wunderschöne Goldengel in den unterschiedlichsten Größen, von handverlesenen Künstlern bemalt, wirklich einmalig schön…“

Carl stöhnte kurz auf, nahm aber Gerlinde trotzdem, wacker lächelnd, die Engellast in den Einkaufstüten ab!

„Wehe, wenn du sie fallen lässt“, drohte sie zärtlich.

„Und wenn ich ausrutsche?“ fragte Carl zaghaft.

„Dann dreh’ ich sofort um und kauf uns für 500 Euro das
‚100-Engel-Glückspaket’ lieferbar frei Haus…“

„Oh Gott“, stöhnte  Carl leise und wünschte sich zum ersten Mal, selbst als Engel einfach davonfliegen zu können…

KH

PS
Und in zwei Wochen am Donnerstag den 1. Dezember 2011 erwartet Sie „Die Ankunft“.

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