Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. August 2011

Die magische Pille

Nein – Afrika hatte Nahla noch nie gesehen!

Selbst wenn sie früher gelegentlich um die Mittagszeit an dieser gemauerten Brüstung kauerte und unbeirrt ins Blaue träumte, hatte sie keine Ahnung, ob in dieser Richtung irgendwann Afrika auftauchen würde…

Aber Fred war aus dieser Richtung gekommen!

Auf einem riesigen Frachtschiff unter panamesischer Flagge mit Achttausend Containern, wie er sagte, obwohl Nahla es gar nicht wissen wollte, da ihr vollkommen egal war von woher dieser Fred kam und wohin er nach wenigen Tagen verschwand…

Das war auch vor einem halben Jahr schon so, als er zum ersten Mal in einer Rotte von Seeleuten in der Hafenkneipe, in der Nahla arbeitete und für Stimmung sorgte, aufgetaucht war und ist bis heute so geblieben.

Ja – dieser Fred sah nicht schlecht aus in seinen hellen Jeans und dem blitzsauberen uniformartigen Hemd, vielleicht um eine Spur zu schön und vom Typ ‚hoppla mir gehört die Welt’. Und sein‚ ‚Beute suchender Blick’ hatte sich auch sofort mit der Gewissheit, dass es kein Entrinnen gab, an Nahlas dunkler Samthaut wie die Tentakel einer Krake festgesaugt. Aber das war sein Problem – nicht ihres. Da hatte er eben die ‚Rechnung ohne den Wirt gemacht’, wie die ‚Limeys’ zu sagen pflegten. Als Farbige ließ sie sich darauf nicht ein. Das hatte keine Zukunft. Egal mit welchen Schmalzaugen diese bleichen Jungstiere einen auch anglotzten. So etwas endet immer in einer Katastrophe hatte ihr Mam schon als Kind eingetrichtert.

Und ihre dämliche Freundin Minou hatte das ganze Elend mit solchen Typen schon mehrmals durchgelitten: aber der war in Sachen Liebe ohnehin nicht zu helfen. Die tappte immer wieder in die schleimigen Fallen der Limeys!

Ihr würde das jedenfalls nicht passieren schwor sich Nahla, wenn sie Fred trotz seiner triefenden Höflichkeit mit eisiger Miene sein Bier zwischen die Gläser seiner dreisten Kumpel knallte…

Und dann – war es doch passiert!

Als Nahla im April nach einem dröhnenden Freitagabend um 3 Uhr Morgen zusammen mit Joe, dem fetten Besitzer des ‚Perliott’, auch die letzten Saufnasen und eingetrockneten Abhuster vor die Tür gekippt hatte, stand Fred plötzlich da.

Grinsend lehnte er an ihrem zerbeulten Peugeot. Alles an ihm war weiß und frisch!

Warum kannte der ihr Auto?

„Hi Nahla! Ich hoffe du kennst mich noch und fühlst dich nicht von mir  überfallen“, sagte er trotz des Kaugummis im Mund in einem Englisch, das Nahla wegen seiner Kultiviertheit immer aus Neue verwirrte.

„Hi! ‚Das Perliott’ hat zu, wie du siehst“…

„Ich weiß, Nahla…“

„ Und ich bin hundemüde“, knurrte sie abweisend.

„Ich auch…“

„Dann geh’ heim und hau dich in die Falle, Fred! Ich tu’ das jedenfalls…“

„Soo müde bin ich nun auch wieder nicht“, grinste Fred und schob sich lässig einen neuen Kaugummi, wie es schien, zwischen seine makellosen Zähne.

Nahla starrte ihn an. Steif! Hilflos!

Die aufkommende Prise ließ Freds wilden rötlichen Haarschopf  verwegen aussehen.

Irgendetwas zerrte an ihr. Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Tapfer schob sie sich Schritt für Schritt zur Fahrertür ihres schäbigen Autos. Wie gelähmt kramte sie langsam in der riesigen geflochtenen Ledertasche nach den Schlüsseln: Zeitlupenartig schloss sie die zerbeulte Autotür auf, öffnete sie ungelenk, begleitet von einem schabenden Gequietsche und – ließ sich kampflos auf den mehrfach eingerissenen Fahrersitz fallen…

Fred spürte kaum noch Widerstand als er sie entschlossen auf den Beifahrersitz zog und mit seinem überirdischen ‚Gaultier–Duft’ betäubte…

Da seine lebhafte Zunge sofort überall in sie eindrang merkte sie auch die kleine Pille nicht, die er ihr beim Austausch der Körpersäfte direkt bis in den Rachen lenkte. Erst als sie schlagartig aufflammte und zu verbrennen drohte, spürte sie, dass sie verloren hatte und nicht mehr ‚Frau ihrer Sinne’ war…

Fred hatte leichtes Spiel! Auch in der nächsten Nacht! Und den darauffolgenden Tagen und Nächten auch!

„Das sei die Kraft der magischen Pille“, lächelte Fred, als sie ihn fragte, warum sie tagsüber wie eine wandelnde Leiche durch die Gegend torkelte und nächtens mit ihm von der Hölle in den Himmel raste. Und wenn sie ihm helfe im ‚Perliott’ diese Zauberpillen unter das versoffene Kneipenvolk zu bringen, bräuchte sie sich bald keinen Kopf mehr zu machen, um ihre tagtägliche Müdigkeit, sagte er  mit einer superlässigen Handbewegung – die die gesamte Pracht seiner Unterarmtätowierungen darbot – sondern könnte bis in den Nachmittag hinein in ihrem rosa Bettchen von ihm träumen und an ihn denken – aber bitte nur an ihn! Und wehe wenn er auch nur ein einziges Mal einen anderen Gedanken in ihrem hübschen Köpfchen entdeckte, sagte er, mit einem spitzbübisch verqueren Grinsen…

Warum sie dann eines Nachts in ihrem rauschhaften Glück Fred zu der steinernen Brüstung dirigiert hatte, wusste Nahla später nicht mehr zu sagen?

Vielleicht hatten sie sich gegenseitig verschwiegene Lieblingsplätze anvertraut oder Anderes – magische Orte an denen sie Gott oder den Teufel gesucht, geweint oder geträumt hatten. Orte die die Hoffnung aufkeimen ließen, wenigstens ein paar Stunden lang eine karge Glückseligkeit spüren zu können, die nicht ständig künstlich befeuert werden musste…

Und vielleicht reagierte sie deshalb gerade an ihrem Lieblingsort so überaus enttäuscht auf Freds ständige, platte Forderung, sie müsse einzig und allein und immerzu nur noch an ihn denken, während er sich breit wie ein hingeklatschter Pfannkuchen auf die hellgraue Brüstung lungerte und an seiner Gürtelschnalle nestelte, ohne sie in der schimmernden Nacht auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen…

Und möglicherweise verfestigte sich in Nahla erstmals in diesem Moment ganz konkret die dumpfe Gewissheit ihm vollkommen ausgeliefert zu sein. Ihm nie mehr entkommen zu können! Eine Gewissheit, die wie in einem neckischen Spiel fast von selbst dazu führte, ihm mit der rechten Hand völlig unerwartet einen winzigen Stoß zu geben, als er sich auf der Brüstung mit gespreizten Beinen herausfordernd weit nach hinten lehnte…

Seinen überraschten Gesichtsausdruck bekam sie trotz der Dunkelheit sogar noch mit, als er nach hinten wegkippte, da von irgendwo ganz kurz ein Licht aufleuchtete. Und auch der spitze, erschrockene Schrei klang noch deutlich in ihrem umnebelten Kopf nach und stimmte sie – vollkommen unpassend – beschwingt, als sie anschließend ohne sich noch einmal umzudrehen, zu ihrem Auto zurückging…

Und wenn sie heute, im zaghaften Schatten der ausladenden Platane, nach unendlich langer Zeit an ihrem ehemaligen Lieblingsort wieder ins Blaue starrte, fiel ihr zwar auch ihr supercooler Fred wieder ein und sein hinreißender Geruch; aber ob hinter diesem flirrenden Blau irgendwann Afrika auftauchte, wusste sie immer noch nicht…

KH

Zum Bild:
Elke Rech – „Bildnis einer Unbekannten“
Ölmalerei; 80×100 cm

PS: Und am Donnerstag den 25.Aug. 2011 sind wir mit „Carl und Gerlinde“ beim Heurigen…


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7 Kommentare zu “Die magische Pille”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 11. August 2011)

    What is it that the limeys say? I cannot think of a good English equivalent of „Rechnung ohne den Wirt gemacht“. The nearest that comes to mind is „counting your chickens before they are hatched“. But that fits badly in a story about a sailor.

  2. KH (Donnerstag, der 11. August 2011)

    Chris, statt “ da hat er aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, kann ich auch sagen “ da hat er sich aber verkalkuliert“…

  3. Chris Wood (Donnerstag, der 11. August 2011)

    Yes, but the limeys (British) do not say that either. They talk English! Can it be that „Limey“ has become a German word, which has lost its English meaning?

  4. KH (Donnerstag, der 11. August 2011)

    Irgendwie läuft da jetzt etwas quer in der Argumentation; soweit ich weiß und wie ich es auch aus den Londoner Tanzhallen in den 60er Jahren kenne, wo mir von Farbigen, natürlich spaßhalber, gesagt wurde, ich sei ein ‚Limey‘, kann ich nicht sehen wo hier das Problem liegt.Oder was sind denn deiner Meinung nach Limeys, wenn nicht eine abwertende Bezeichnung für Britische People! Und meine Intension hier in der Kurzgeschichte ist, dass ich durch diesen Begriff die Einstellung der Farbigen Nahla charakterisiere, allerdings aus einer deutschen Erzählpersekptive nicht aus einer Britischen…

  5. Chris Wood (Freitag, der 12. August 2011)

    The word „limey“ is American slang for „British“. It originated because the British found out about vitamin C deficiency (scurvy), and started providing limejuice for passengers and crew on long ship journeys, e.g. to USA. Perhaps the blacks you met in London confused this with the white colour of lime or chalk, and used the term to mean „white“.
    But even if Nahla had the same confusion, she would not think that white people said „Rechnung ohne den Wirt gemacht“, because the whites she would meet would not be German. And as I wrote, there seems no English equivalent. (And if she lived in Namibia, she would not have picked up the word „Limey“ from confused black Londoners).

    Note that „poms“ is Australian slang for British, derived from pomegranate, due to the red faces of newcomers down under. It has nothing to do with the British taste for chips, „pommies“.
    „Pommies“ is derived from the French word for apple.

  6. KH (Freitag, der 12. August 2011)

    Chris ich danke Dir sehr für die erhellende Diskussion und ich denke nach wie ich meinen Text passend ohne allzu große Eingriffe ändern kann. Für mich ist das so interessant, weil es zeigt welche Aspekte man beim Erzählen berücksichtigen muß, wenn man aus seinem üblichen Erfahrungsmuster ausbricht! Und wenn sich dann jemand so detailliert meldet ist das schön.Thank you!

  7. Chris Wood (Freitag, der 12. August 2011)

    Dear Klaus, thank you for being so kind. With my pedantry and your creativity, we might make a good team!

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