Klaus Hnilica
Dienstag, der 5. Dezember 2017

Die zweite Finsternis

Carl und Gerlinde (Folge 55)

Als Carl aufwachte und quälend langsam zu sich fand, schienen die ersten rudimentären Wahrnehmungen seines noch nicht gänzlich betriebsbereiten Körpers das Öffnen der Augen weiterhin hartnäckig zu unterbinden!

Ja, die synchron mit den herangepeitschten Regenschauer scheppernden Rollläden schoben sogar den üblichen Vorgang der Tagwache bereits zum x-ten Mal auf einen späteren Zeitpunkt, da er trotz seiner nur partiell aktivierten Großhirnrinde zu ahnen schien, dass sich beim Öffnen seiner Augen keinesfalls ein erfreulicher Zustand darbot, sondern lediglich die durch geschlossene Augen hergestellte Finsternis in die zweite Finsternis der herabgelassenen Rollläden übergeführt würde, während die eigentliche Ursache seiner ‚Lidstarre’, nämlich das enervierende Regengeklatsche und Geschepper des Rollladens, in keiner Weise abgestellt oder unterdrückt wurde und für ihn somit nicht die geringste Chance bestand, mit einem freundlichen Tagesbeginn bei Sonnenschein rechnen zu können.

Was also tun an einem Sonntag wie diesen im Advent, der ihn wie durch ein Wunder von sämtlichen Verpflichtungen befreit hatte, da weder im Umkreis von hundert Kilometern eine alte Tante oder Freunde besucht werden mussten, noch Gerlinde neben ihm aufzuwachen gedachte, sondern nach der Geräuschkulisse zu schließen, im Tiefschlaf weiter in ihren verträumten Tauchgängen im Roten oder Toten Meer vor sich hin schnorchelte?

Unter derartigen Umständen konnte sich kein normaler Mensch – und schon gar nicht Carl – freiwillig aus seinem herrlich warmen Bettchen schälen: verfolgten doch alle sich abzeichnenden Widrigkeiten eines möglicher Weise schon heraufziehenden Morgens einzig und allein das Ziel, die durch niedrigen Blutdruck bedingte ohnehin beschissene morgendliche Laune noch beschissener zu gestalten.

Wer konnte und wollte das denn verantworten?, dachte Carl mit immer noch heroisch geschlossenen Augen, während er sich unelegant stöhnend in seinem Bette von links nach rechts wälzte, dies aber gleich korrigierte, da sein schnorchelndes Gerlindchen völlig unerwartet sich ebenfalls ihm zudrehte und ihm eine Böe der Stärke sechs bis acht ins Gesicht prustete, gerade so, als müsste sie ihren Mund tatsächlich vom salzigen Meerwasser befreien.

Wieder in der ursprünglichen Ausgangslage zurück, verweilte Carl, unter Aufrechterhaltung seiner selbst gewählten Finsternis, eine ganze Weile unentschlossen bei dem Gedanken, ob er versuchen sollte noch einmal einzuschlafen, oder ob es schon an der Zeit sein könnte das Frühstück zuzubereiten.

Ja es schlich sich sogar der vermaledeite Gedanke in eine seiner bereits neuronal aktivierten Gehirnwindungen, ob er ausnahmsweise jetzt in der Adventszeit es erstmalig wagen sollte, sich an die sonntägliche Frühstückszubereitung zu machen, um so seiner nach wie vor emsig schnorchelnden Gerlinde bei erwachendem Auftauchen aus den warmen Fluten des Roten Meeres die Überraschung des Jahrhunderts präsentieren zu können, nämlich einen von ihm höchst persönlich arrangierten, prächtig gedeckten Frühstücktisch mit allen von ihr gewünschten morgendlichen Leckereien einschließlich ihres geliebten kräftigen Kaffees…

Was für eine großartige Eingebung und herrlicher Liebesbeweis gegenüber seiner tatkräftigen Gerlinde, die nun schon seit einem halben Jahr auch wieder berufstätig war und jede Art von Entlastung zuhause umso mehr schätzte. Ja – Carl entdeckte sogar trotz seiner immer noch reduzierten Betriebsbereitschaft, dass plötzlich in ihm ein zartes Pflänzchen von Begeisterung aufzukeimen begann, begleitet von einer anrührenden Wärme, die sich nicht nur in seinem Kopf ausbreitete sondern zaghaft auch all seine Gliedmaßen erfasste…

Schön war das!

Sehr schön sogar! Inspirierend und aufbauend – aber auch eine Spur besorgniserregend – fand Carl, wenn er ganz ehrlich mit sich war und auch vor der Tatsache nicht die Augen verschloss, dass er vor Begeisterung zunehmend Schwierigkeiten hatte seine Augen geschlossen zu halten!

Und nicht nur das!

Mit einem Mal hatte er auch das beängstigende Gefühl, dass da etwas Unbekanntes, Fremdes in ihm zu wuchern begann und an ihm zerrte und zog, ja wie ein hässlicher Parasit an seinen Kräften saugte und sich labte.

Das war nicht schön! Gar nicht schön!

Carl spürte präzise und unmittelbar: wenn er jetzt diesen verstörenden Mächten nachgab, war die Nacht gelaufen und der vielleicht schon aufkeimende Morgen auch. Das durfte auf keinen Fall passieren, dachte er. Und schon gar nicht durfte er jetzt die Augen öffnen und doch noch in diese zweite Finsternis fallen, die ihm immer so zusetzte und zu tiefst deprimiert hinterließ…

Das Einzige was da half, war sein zweites Kopfkissen! Wie immer von seiner schnorchelnden Gerlinde in Besitz genommen entzog er es ihr aber jetzt unsanft!  Und noch während er es sich wie schon so oft, gekonnt um den Kopf wickelte, begann er bereits tonlos vor sich hin zu zählen – und war bei Dreitausendachthundertzweiundsiebzig tatsächlich wieder eingeschlafen!

Erst durch Gerlindes energisches zweimaliges Rufen aus der Küche, „Frühstück ist fertig“, wachte Carl wie neugeboren auf. Sich wohlig rekelnd und streckend war er sichtlich zufrieden mit sich, dass er dieser mehr als  verhängnisvollen Frühstücksversuchung mit ihren unabsehbaren Folgen in der Zukunft, mannhaft widerstanden hatte.

Nun fühlte Carl sich auch der zweiten Finsternis gewachsen und öffnete  lächelnd seine Augen…

KH

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