Klaus Hnilica
Freitag, der 20. Juni 2014

Don Giovanni oder die Ausdehnung der Kampfzone

Carl und Gerlinde (XXXVI)

„Diese Musik ist überirdisch – einfach zum Niederknien!“ stammelte Gerlinde musikalisch durchglüht, während sie vorsichtig hinter Carl durch die Bankreihe zum Ausgang stakste, da ‚Don Giovanni’ Pause machte! Carl registrierte von allen Seiten nur Zustimmung zu Mozarts Musik und den hervorragenden gesanglichen Leistungen der Interpreten. Großartig! Fantastisch! Überwältigend!

Aufgelöst vor Begeisterung schwebte auch Hannelore im Foyer auf Gerlinde zu, umarmte sie überschwänglich und schmiegte sich an Carl, wie Don Giovanni an die zappelnde Zerlina!
Zdon giovanni img115Selbst der strohtrockene Kurt nickte zustimmend, wenngleich diese Inszenierung von Christof Loy natürlich nicht im Entferntesten an die wunderbar ausgestattete Aufführung bei den Salzburger Festspielen herankam: damals wurde auch dem Auge was geboten, sagte er bedeutungsvoll. Carl nickte zustimmend, verkniff sich aber das Eingeständnis, bei dem fürchterlichen Kuddelmuddel rund um die drei Frauen von Don Giovanni zwei Mal kurz eingenickt zu sein.

Doch jetzt strömte das Mozart begeisterte Opernvolk bestens gelaunt ins großzügige Pausenfoyer: zielgerichtet steuerte es die vorbestellten Tische an, auf denen sich reichlich Lachshäppchen, Quiche Lorraines und Salzbrezeln zwischen noch mehr Wein, Wasser, Bier und Sekt herumdrückten.

Carl wäre einiger Maßen zufrieden gewesen im Kreis seiner Freunde, wenn da nicht plötzlich an ‚Tisch Zwölf’ diese unbekannte Rothaarige gesessen wäre, die aufmüpfig der achtköpfigen Runde entgegenblickte. Ja, die nicht unattraktive stramme Mittvierzigerin hielt sogar noch ihren rechten Arm schützend über einen weiteren Stuhl, den sie sicherheitshalber schon einmal eng an sich herangezogen hatte.

„Entschuldigen Sie bitte, könnte es sein, dass Sie sich bezüglich dieses Tisches geirrt haben?“ fragte Carl mit gebremstem Charme, nachdem er und die Dame sich eine ganze Weile schweigend begutachtet hatten.

„Wie kommen Sie denn darauf?“ erwiderte die Unbekannte robust.

„Nun, weil unsere Runde diesen Tisch hier für die Pause reservieren ließ!“

„Was heißt hier ‚reservieren ließ’, von wo kommen Sie denn, wollen Sie mich etwa fortscheuchen wie ein ungezogenes Kind?“

„Na ja, Sie sehen doch, dass auf dem Tisch unsere Bestellungen liegen und er für uns eingedeckt ist?“

„Also Sie sind mir einer: ich sitze hier friedlich an einem freien Tisch, halte auch noch einen Stuhl für meinen Partner von der Presse frei und da kommen Sie und pöbeln mich an!“

„Ich pöble Sie nicht an, sondern verweise nur darauf, dass dieser Tisch für uns reserviert wurde und wir jetzt nicht alle sitzen können, da Sie zwei Plätze belegen. Und wie es scheint unberechtigt, da ich von Ihnen keinerlei Bestellung auf dem Tisch sehe!“

„Wer sind Sie denn, glauben Sie, nur weil ich eine Frau bin, können Sie mich derart angehen? Von wo kommen Sie denn?“ rief die Dame ein zweite Mal lauthals in die erstaunte Schar um Carl.

„Wenn Sie den Stuhl neben sich freigeben und mich hinsetzen lassen, erzähle ich Ihnen gern woher ich komme! Ist das ein faires Angebot?“

„Das ist doch unerhört! Sie werden ja immer unverschämter!“ Carl nickte zustimmend und sagte, „ja – drum setzte ich mich jetzt auch einfach auf den freien Stuhl neben Ihnen, da der eigentlich meiner ist…“

„Von wo kommen Sie denn? Das können sie nicht machen, dieser Stuhl hier muss für die Presse frei bleiben!“ „Aber da ist doch niemand von der Presse, oder bin ich blind?“Belustigt versuchte Carl sich auf den unbesetzten Stuhl fallen zu lassen…

„Nein! Nein! Nein – das können sie nicht machen – gehen Sie weg!“ rief die Dame nun schon in einer Tonlage, die jeder Sopranistin zur Ehre gereicht hätte.

„Natürlich kann ich das und Sie werden staunen wie flott das geht…“, erwiderte Carl grinsend und machte neuerlich Anstalten sich zu setzen.

„Das kommt gar nicht in Frage, dass Sie mir den Stuhl wegnehmen, der ist für meinen Partner von der Presse“ schrie die Frau gellend ins Foyer und lenkte so auch die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf sich. Dabei zog sie den freien Stuhl ruckartig an sich und umarmte derart entschieden die Lehne, dass Carl ernsthaft befürchtete, sie würde ihren geheimnisvollen Pressepartner – falls er doch noch auftauchte – selbst noch während des verbleibenden kurzen Pausenrests auf dem Stuhl zu Tode quetschen!

Inzwischen hatte Hannelore den für die Reservierungen zuständigen Verantwortlichen geholt, der auch versuchte, der hartleibigen Dame klar zu machen, dass sie kein Anrecht auf die beiden Sitzplätze habe, da sie weder eine Reservierung vorzeigen könne, noch irgendetwas konsumiere. Nein – sie sitze richtig, behauptete die wackere Rothaarige aber dennoch unbeeindruckt weiter! Eine Dame an der Bar hätte sie ganz klar an diesen Tisch verwiesen. Außerdem sehe sie überhaupt nicht ein, warum sie von allen Seiten angefeindet werde, wenn sie in der Pause dieser wunderbaren Oper nur einen Augenblick sitzen und entspannen wolle! Für sie sei das ein unbeschreiblicher Vorgang, der ihr noch nie in ihrem Leben passiert sei…

Völlig unvermittelt tauchte plötzlich ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters auf und gab der heftig argumentierenden Rothaarigen mit zornrotem Kopf, ein Zeichen:

„Ilse, was streitest Du denn schon wieder herum! Wir haben doch ‚Tisch acht’! Immer dasselbe, Du bist wirklich eine unmögliche Kuh!“ zischte der Mann. Leider ertönte in diesem Moment auch ein erstes Läuten, mit dem das nahe Ende der Pause signalisiert wurde! Carl bedauerte das, denn die überaus passende Charakterisierung der Dame kam dadurch nicht mehr richtig zur Geltung.

Ilse, hatte aber die klare Ansage verstanden, sie sprang auf und warf Carl einen tödlichen Blick zu: „Na, sind Sie jetzt zufrieden, dass Sie und ihre feine Bekanntschaft mich die gesamte Pause über mit ihren Pöbeleien an diesem unsäglichen Tisch festgenagelt haben? Unfassbar, sagen Sie von wo kommen Sie denn? Soviel Rücksichtslosigkeit gegenüber einer Frau hab ich noch nie erlebt! Entsetzlich welch ein Pöbel sich heutzutage selbst schon in der Oper herumtreibt!“ Mit den letzten Worten schubste sie die etwas außer sich geratene Gerlinde zur Seite und eilte zu ihrem zornigen Pressepartner, der sie gleich weiter beschimpfte…

Carl blieb dagegen kaum noch Zeit sein Bier auszutrinken! Doch gut gelaunt schaufelte er auch noch Gerlindes Lachshäppchen in sich hinein: denn dieser rabiate, rothaarige Alptraum gestaltete plötzlich auch für ihn den Opernabend zu einem höchst erquickenden Spektakel! Besser und deutlicher als sie, konnte selbst Mozart mit seiner liebestollen Donna Elvira und verstörten Donna Anna nicht zeigen, wie weitab von jeder Logik sich Frauen immer noch in der Welt herumtummelten! Eine Tatsache, die er, Carl, schon seit Jahr und Tag predigte, Gerlinde aber nie zugeben wollte! Auch jetzt schüttelte sie nur wortlos ihren Kopf und raste rundum verärgert mit Hannelore zu ihrem Sitzplatz. Hoffentlich war der noch frei und nicht auch schon von dem rothaarigen Monster okkupiert? Wenn ja – wär’ Carl mit Sicherheit im zweiten Akt nicht mehr eingenickt…

KH

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