Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. Januar 2012

Jammerlappen – oder ein Mann in den besten Jahren

 

Carl und Gerlinde (XVIII)

Wenn Carl in der Küche die Berge von schmutzverkrustetem Geschirr und ekelerregenden Essensreste sah, spürte er doppelt und dreifach, wie sehr ihm seine geliebte Gerlinde fehlte. Ohne sie drohte schon nach zwei Wochen das Chaos – ja  der Weltuntergang!

Warum tat sie ihm das nur an?

Sie musste doch wissen, wie sehr er sie liebte und wie hilflos er ohne sie war?

Wie sollte er denn ohne sie zu Recht kommen?

Ja – wie überleben – ohne ihre Fürsorglichkeit und himmlischen Kochkünste?

Und ohne ihre flinken ‚Putz – Händchen’? Vor allem aber ohne ihre wunderbaren, weichen, gebügelten Hemden, deren Hals umschmeichelnde Krägen zum ersten Mal in seinem Leben ihm keinen Blutstau im Kopf verursachten und keinen nervösen Ausschlag an Hals und Brust?

Und wer kaufte ihm jetzt, mit sicherem Blick, die passenden Unterhosen, die nicht  zwischen den Pobacken hoch krochen; und die richtigen Socken, die sich nicht in seinen handgefertigten Schuhen zu Faltengebirgen auftürmten?

Wer besorgte ihm die Pflegecreme fürs Gesicht? Und sein Spezialshampoo und seinen Deostift, der nicht juckte?  Er wusste doch gar nicht, wo das alles stand, in den Regalen der Supermärkte…

Und die Nachbarn! Hatte Gerlinde die vollkommen ausgeblendet?

Sie musste doch wissen, dass diese dreiste Siebenerbande sich dumm und dämlich lachte, wenn sie erfuhr, dass Gerlinde von einen Tag auf den anderen abgehauen war. Dieser ‚Solar – Fuzzy’ Konrad, der platzte doch vor Schadenfreude! Und seine Schnepfe Luise, die ihm natürlich nicht wegflog, erst recht! Hoffentlich entblödete die sich niemals, ihm scheinheilig ihre Hilfe anzubieten, sonst rastete er aus…

Trotzdem – allzu lange konnte er sich diese neugkeitsgeile Bande sicher nicht vom Leib halten, das war klar wie sonst etwas!


Schließlich hatte er ja bereits nach einer halben Woche größte Schwierigkeit gehabt Gerlindes Fußpflege – und Kosmetiktermine zu verschieben. Schon da musste er sein gesamtes Raffinement an Überredungskunst aufbieten, um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen. Von zusätzlichen Kosten ganz zu schweigen!

Bei der  Fußpflege konnte er ja zur Not noch ein, zwei Termine auf sich umbuchen, ohne dass das besonders auffiel, denn seinen Füßen tat es ja wirklich mehr als gut  von all dem Schorf und eingewachsenen Zehennägeln befreit zu werden, die er sich über die Jahre angezüchtet hatte! Aber bei der  Kosmetikerin ging das schon nicht mehr so einfach!

Er konnte sich ja nur schwerlich die Augenbrauen zupfen und die Körperbehaarung entfernen lassen, ohne sich zum Gespött zu machen. Da musste schon etwas anderes her!

Etwas wie eine Kreuzfahrt vielleicht! Eine dieser Kreuzfahrten von denen Gerlinde oft geschwärmt, er aber immer auf Durchzug gestellt hatte. Gerlinde konnte sich doch endlich einmal von ihren Freundinnen zu einer Kreuzfahrt in den Südpazifik überreden haben lassen, die er nie machen wollte, da er weder auf einem dieser Luxusschiffen herumliegen wollte noch auf Samoa! Aber immerhin ließen sich mit so einer Kreuzfahrt spielend drei bis vier Wochen überbrücken: Wochen in denen man nicht von blöden Fragern belästigt wurde.

Und fürs  Büro passte das auch perfekt! Die Wolf, sein guter Engel, war da sicher mit von der Partie; schließlich ging es doch auch um den guten Ruf ihres heiß geliebten Chefs, dem nach seiner Frau Inge nun auch seine Freundin davon ist! Ruhmesblatt war das keines und irgendwann machte das natürlich auch die Runde in der Firma, aber es musste ja nicht schon morgen sein.

Was machte er nur falsch, fragte sich Carl in den letzten Tagen immer wieder, dass ihm ständig die Frauen davonliefen?

Er war doch kein schlechter Typ! Oder?

Und er musste sich auch nicht schämen, wenn er in den Spiegel schaute?

Er war doch charmant. Kein schlechter Liebhaber. Das wurde ihm wenigstens dutzende Male von den verschiedensten Frauen innerhalb und außerhalb des Bettes bestätigt!

Auch Hannelore gab ihm zu verstehen, dass sie ihn super toll fände. Und ein paar Mal war sie  ja auch wirklich dicht an ihm dran gewesen – aber Schwamm drüber; der Gentleman genießt und schweigt!

Schweigen war momentan sowieso angesagt, denn in seinem verwahrlosten Haus  gab es gegenwärtig wirklich nichts zu genießen! Wenn er nicht bald eine tüchtige Putzfrau fand, konnte er sein Haus nur noch sprengen, alles Weitere lohnte sich dann nicht mehr…

Hannelore musste ihm auch unbedingt schnellstens zeigen, wie die neue Geschirrspülmaschine zu bedienen war, über die sich Gerlinde noch so riesig gefreut hatte. Mehrfach hatte sie gesagt, dass das Geschirrspülen jetzt das reinste Vergnügen sei.

Aber geholfen hatte es dann letztlich auch nichts mehr!

Vielleicht hätte er dieses ‚Projekt Geschirrspüler’ auch nicht zwei Jahre lang vor sich herschieben sollen. Gerlinde hatte ja sogar immer etwas von zwei Spülmaschinen gefaselt, die man unbedingt bräuchte, damit nie schmutziges Geschirr herumstand und man es auch nie sofort aus dem Spüler nehmen musste. Das wär’ ihr wohl sehr wichtig gewesen!

Tja jetzt war diese Erkenntnis zu spät!

Dabei hatten sie damals, als der neue Geschirrspüler geliefert worden war, echt  einen bombigen Abend gehabt – übrigens den letzten, wie sich im Nachhinein herausstellte…

Gerlinde hatte damals abends eine ganz tolle ‚Saure Leber’ gemacht, da er die so gerne aß und er hatte sich auch nicht Lumpen lassen und war mit  seiner teuersten Flasche ‚Brunello’ angerückt  Richtig schön und gemütlich war es damals bei ‚candel light’ – nach dem Uta Daniella Film gewesen – der Gerlinde völlig unerwartet irre in Fahrt gebracht hatte! Jedenfalls legte sie los wie in der ersten Zeit, als sie sich kennen gelernt hatten, und wenn er nicht so unvorsichtig gewesen wäre und nicht wieder zu viel geschluckt hätte, da er mit aller Gewalt seinen Ärger über Dr. Osterkorn hinunterspülen wollte, dann hätte er auch nicht plötzlich so komplett abgebaut und wär nicht auf dem Teppich vor dem Fernseher, auf den ihn Gerlinde – ständig lachend – gezerrt hatte, eingeschlafen, während sie sich wie eine Stripperin auszog…

Na ja, aber dass er ein Alkoholproblem hätte, wie Gerlinde dann am nächsten Tag, behauptete, das war ja wohl mehr als ein Witz! Und er war auch richtig sauer auf sie gewesen, was aber nicht lange angehalten hatte, da er Gerlinde alles großzügig verziehen hatte, auch die komische Teppichnummer, die ja wirklich aus der untersten Schublade gewesen war! Aber Schwamm drüber, so etwas konnte schon mal passieren, doch wenn man ein so großes Herz hatte, wie er, dann fiel Verzeihen nicht schwer!

Tja – aber  trotzdem ist sie dann einfach davon und ließ ihn, Carl, hilflos in seinem verdreckten Haus sitzen…

Dabei hatte er seit sie weg war, echt  keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt und sich enorm zurückgehalten bei Schnaps, Bier und Wein! Aber da er ja nicht wusste wo sie war, konnte er ihr dieses stolze ‚Über sich hinaus Wachsen’ nicht einmal mitteilen! Weder per Telefon, noch per SMS, noch als Flaschenpost…

Apropos Flaschenpost – brauchte man dazu nicht eine leere Flasche?

Eine von den hellen, schön durchsichtigen, wie die gestern gekaufte ‚Pinot Grigio’ Flasche?

Na dann an die Arbeit!

KH

PS: Und in zwei Wochen am Donnerstag den 9. Februar 2012 kommt „So geschah es – eine Fallanalyse“

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