Klaus Hnilica
Dienstag, der 20. Mai 2014

Fast allein im Bett…

Carl und Gerlinde (XXXV)

Fantastisch – endlich hatte Carl ein ganzes Wochenende für sich!Er konnte tun und lassen was er wollte – und musste mit keiner Gerlinde noch zum Einkaufen hetzen und zum Samstagnachmittagkaffee, bevor es abends nach Frankfurt ins Kino ging! Oder ins Theater, die Oper – oder gar ins Konzert! Trost brachten eigentlich nur die Schoppen danach. Doch auch den dicken Kopf, wenn er gleich am nächsten Tag im Morgengrauen mit Gerlinde um die Wette strampeln musste, da Bewegung ja so gesund war! Selbst bei Regen wurde erst vom Rad gestiegen, wenn die aufgeweichte Haut am Po erste Wellen schlug. Gott sei Dank stieg er wenigstens vom Elektrofahrrad!

ZFast img114 „Endlich hast du einmal Ruhe von mir“, zwitscherte Gerlinde neckisch, als sie Samstagmorgen am Bahnhof aus seinem Auto sprang. Für einen flüchtigen Kuss reichte es grad noch, dann verschwand sie auch schon in ihrer schnatternden ‚Girly Group’: man fuhr nach Köln, um sich weiß Gott was für einen Kram anzuschauen…

Unglaublich! Er saß jetzt tatsächlich ganz alleine zu Hause auf seiner Terrasse! Nur er und sein Bier! Beide linsten zufrieden in einen Garten, der ihnen fast jubelnd entgegenblühte. Welch wunderbare Ruhe. Niemand laberte ihm die Ohren ab. Und niemand beschimpfte sein Bierchen. Er hörte sogar die Vögel singen: die waren ihm noch nie aufgefallen, außer sie lagen ohne Kopf beim Rhododendron, weil Nachbars Angorakatze Stuppsi wieder auf Kriegspfad gewesen war. Aber mit Kopf tirilierten sie jedenfalls beeindruckend, selbst wenn Carl keines dieser emsigen Klangwunder benennen konnte. Schade eigentlich, über Vögel hätte er gerne mehr gewusst; vermutlich gab es da eine ähnliche Vielfalt wie bei den Bieren, die auch beachtlich war.

Eigentlich war es etwas schwül heute Vormittag! Umso mehr genoss Carl die angenehme Kühle auf der Terrasse. Vollkommen entspannt ließ er Schlückchen für Schlückchen in sich hineingurgeln, musste dann allerdings schnell feststellen, dass auch dieses Fläschchen schon wieder leer war. Donnerwetter – das ging ja ratzfatz! Vermutlich war es gar nicht richtig voll gewesen: heutzutage musste man ja mit allem rechnen…

„So und was tun wir jetzt?“ fragte Carl dann laut den Hibiskusstrauch vor ihm, während er in sich hineinhörte, um auch die nächsten Schritte optimal gestalten zu können. Auf keinen Fall wurde auch nur ein Handschlag im Garten gemacht! Das stand fest! Dazu war die ‚Gerlindelose Zeit’ viel zu kostbar. Heute wollte er wirklich einmal so richtig ‚die Seele baumeln lassen’, wie sein Freund Kurt zu sagen pflegte.

Immerhin war es jetzt zehn Uhr und der Vormittag noch blütenweiß und unverbraucht! Gott – die Zeitung! Auf die hätte er beinahe vergessen. Das war’s doch! Dazu einen wunderschönen Espresso – und da ihn heute keine strafenden Gerlindeblicke in die Hölle schickten, durfte er sich auch die eine oder andere seiner feinen ‚Davidoff–Zigarillos’ genehmigen!

Die blöde Espressomaschine war unerwartet sperrig! Doch nach drei ‚Herzinfarkt nahen Anläufen’ und einer nicht unerheblichen Überschwemmung in der Küche hatte er’s geschafft. Danach lauerte allerdings schon die nächste Nobelpreis verdächtige Aufgabe: es musste ihm gelingen, aus Gerlindes tausendfacher bunter ‚Nespressokapselvielfalt’ genau jene Kapsel herauszufischen, die ihn in die von ihr kultivierte Espressoglückseligkeit gleiten ließ! Doch diese Anforderung bewältigte Carl überraschend pragmatisch! Er trank zwei Schnäpse, schloss die Augen, griff sich irgendeine Kapsel und stand dreißig Minuten später schon mit einem herrlich duftenden Etwas auf der Terrasse! Tja wenn es sein musste, konnte er eben alles!

Leider war starker Wind aufgekommen. Es begann auch zu regnen und Carl meinte sogar ein leichtes Grollen aus der Ferne zu hören. Die Zigarillo lockte bei diesem Wetter natürlich nicht mehr so stark. Aber Carl ließ sich die Laune nicht verderben. Er kroch mit seinem Espresso ins Haus zurück, schloss die Terrassentür und machte es sich auf dem ausladenden, weichen Ledersessel bequem. War auch nicht schlecht! Und statt der Zigarillo genehmigte er sich einen prickelnden Aperol Sprizz. Und weil der gar so schmeckte, gleich noch einen hintennach. Ja und dann war da noch die Zeitung gewesen! Doch als er unschlüssig nach ihr zu suchen begann, spürte er plötzlich irgendwie ein leichtes Hungergefühl in sich hochsteigen. Die kleine Portion Heringssalat, die Gerlinde um diese Zeit gelegentlich mit einem Stück Schwarzbrot als Brunch servierte, wär’ jetzt nicht schlecht gewesen. Zugegeben. Aber es ging auch ohne! Ja sogar sehr, sehr gut ohne! Außerdem hinderte ihn niemand daran, das von Gerlinde vorbereitete Spargelrisotto zu wärmen – mit Lachs, den er nur aus dem Keller holen musste. Aber sollte er sich wirklich jetzt in die Küche stellen und herumpatzen? Das wär ja noch schöner gewesen: er schickte doch nicht seine ‚Haushaltsgeliebte’ für ein komplettes Wochenende nach Köln, um selbst in der Küche herumzuturnen? Aber hallo, wo waren wir denn? Er musste sich doch nicht vollständig zum Affen machen. Als Mann war man heutzutage ohnehin von morgens bis abends der Depp, oder?

Draußen krachte es richtig! Tatsächlich war ein Gewitter aufgezogen. Von wegen ‚schnell mal zum Italiener gehen’, war nicht mehr! Die hereingebrochene Sintflut war schlimmer als alles was er je auf Gerlindes Regenmarathonradtouren erlebt hatte! Selbst Stuppsi wurde vom letzten erreichbaren Vogelnest weggespült und suchte verängstig zwischen den Mülltonnen Schutz. Gerlinde hätte hämisch gegrinst, sie hasste diese Vogelmörderin! Besorgt pilgerte Carl von Fenster zu Fenster, um den Weltuntergang aus allen nur möglichen Blickwinkeln miterleben zu können: auch wie sich seine prächtige Trauerbirke bei jeder neuen Böe in einen ängstlichen Bodendecker verwandelte und Nachbars Riesenfichte frech zu seiner Terrasse herüberfasste – noch ein, zwei Windstärken mehr und sie fingerte mit ihrem Wipfel prompt in seinem vierten Aperol Sprizz herum…

Gegen 15.00 Uhr überfiel Carl ein derartiger Heißhunger, dass er sich kurz entschlossen doch über Gerlindes Spargelrisotto machte. Ohne Lachs, denn das blöde Vieh hatte natürlich vergessen sich rechtzeitig aufzutauen! Na ja – von Fischen konnte man nicht mehr erwarten. Und das Risotto war offensichtlich ähnlich tumb und brannte an – aber es half ihm nichts, Carls Hunger trieb es trotzdem durch seine Speiseröhre und wie es mit den nachgeschütteten Schnäpsen zurecht kam, war dann wirklich nicht mehr sein Problem. Und das Geschirr auf dem Tisch konnte ihm auch gestohlen bleiben. Für ihn gab es jetzt nur noch sein weiches Bettchen im abgedunkelten Schlafzimmer…

Als Carl aus dem Mittagsschlaf hoch schreckte, war es Punkt 18.00 Uhr! Das war knapp – noch ein Viertelstündchen länger und er hätte den Beginn der Sportschau verpasst! Hurtig schlüpfte er in seinen Morgenmantel, schnappte sich ein Bierchen und ein paar Chips und schon saß er vor dem Fernsehapparat! Das heißt er lag mehr als er saß – denn heute konnte er ja genüsslich seine nackten muskulösen Beine in voller Länge auf die kühle Glasplatte des Beistelltisches platzieren. Wenn er sie kurz anhob, was bauchmuskeltechnisch gar nicht ohne war, waren da echt prächtige dunkle Flecken auf der frisch polierten Glasplatte. Carl verzichtete auch freiwillig auf die bequemen Kissen, die er sonst unterlegte. Denn das wär nur der halbe Spaß für Gerlinde gewesen: die richtigen satten Abdrücke brachten nur kräftige, schwitzende Männerbeine! Das war Tatsache!

Tatsache war aber auch, dass Dortmund gegen Leverkusen nicht mehr gewinnen konnte, sondern schon wieder Unentschieden spielte und dass er schon wieder Hunger hatte! Musste er jetzt wirklich den ganzen Fresskram selbst herbeischaffen? Und auch noch Aufdecken und danach wieder alles wegräumen? Nee, das konnte Gerlinde an seinem freien Tag wirklich nicht von ihm wollen – so boshaft konnte selbst sie nicht sein. Energisch zog Carl seine nackten Beine von der Glasplatte, langte im Kühlschrank nach der aufgeschnittenen Zungenblutwurst und trabte dumpf wie ein angezählter Elch auf die Terrasse. Der Abend war überraschend mild nach dem fürchterlichen Unwetter! Carl konnte es gar nicht fassen. Mit ungeahnter neuer Beweglichkeit schaffte er binnen weniger Minuten Weißbrot, Käse, Butter, zwei Flaschen eiskalten Jechtinger Rivaner und die volle Packung Zigarillos auf den Terrassentisch. Und als sich dann auch noch die völlig durchnässte Stuppsi aus der Nacht schälte und ihn verängstigt beäugte, warf er ihr gutgelaunt eine köstliche Zungenblutwurstscheibe nach der anderen hin… Nur – warum dann auch noch Gerlinde aufgetaucht war, konnte sich Carl beim besten Willen nicht erklären, als er in der Nacht kurz aus seinem Tran hoch dämmerte. Sie war es doch, oder? Wenn auch auf der falschen Bettseite? Er hatte ihr doch gerade mehrfach durch ihr flauschig feuchtes Wuschelhaar gekrault? Gerlinde liebte das, sie konnte dann schnurren – wie die Stuppsi… KH

 

1 Kommentar zu “Fast allein im Bett…”

  1. Martina (Dienstag, der 20. Mai 2014)

    toll!

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