Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH

Kommentar verfassen

*