Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. April 2012

Gerlinde reicht’s! Oder doch nicht?

Carl und Gerlinde (XXIII)

Natürlich hatte der Carl sie oft genervt! Und in den letzten Wochen, bevor sie zugegebener Maßen etwas feige und stillos das Weite gesucht hatte sogar ununterbrochen fand Gerlinde, die ausgerechnet an ihrem Ruhetag auf ihrer Terrasse in Porto Santiago wieder einmal nach Entschuldigungen für ihr reichlich verpfuschtes Leben suchte! Aber so katastrophal war der Carl dann letztlich auch wieder nicht gewesen, wenn sie ehrlich war!

Na ja, diese ewige Biersauferei war schon ekelhaft und sein Schwabbelbauch, den er wie eine Trophäe vor sich hertrug, widerte sie auch an, das schon! Aber insgesamt schaute er gar nicht so schlecht aus! Zumindest von hinten! Und charmant konnte der Carl  sein, das musste ihm der Neid lassen! Leider! Einige seiner ‚speziellen Unterwäschepflanzen’ erlagen ja seinem Vorstadtcharme fast wöchentlich, oder? Und das waren nicht nur die Hannelore und die, na wie hieß sie doch gleich? Sondern auch Kolleginnen und Kundinnen, denen es rein ‚wäschemäßig’ in keiner Weise ums  ‚Ver- triebliche’ ging, sondern ausschließlich ums ‚Triebliche’!

Dabei war der Carl im Bett wirklich nicht der Knaller!

Aber – und das war für einen Mann schon eine Menge – wenn er wollte, konnte er  einfühlsam und phantasievoll sein! Den meisten reichte das offensichtlich! Ihr ja auch lange Zeit…

Und – großzügig war der Carl schon! Geldsorgen hatte sie bei ihm nie gehabt! Nicht so wie jetzt, wo es trotz kostenfreier Logis hinten und vorne nicht reichte! Irgendwie hatte sie das damals bei ihrem überstürzten Aufbruch ganz falsch eingeschätzt, wie so etliches andere auch! Wenn ihr Anna nicht die Möglichkeit geboten hätte, in der Cafeteria ‚Salzburg’ mitzukellnern, wäre sie ganz schön blöd dagestanden. Aber so, war das eine prima Sache: sie hatte zu tun, ihr fiel die Decke nicht auf den Kopf und sie entwickelte sich zu einem beispiellosen Trinkgeldmagnet: so schnell konnten die armen Männeken gar nicht gucken, wie ihre Cents auf den Rechnungsteller flutschten…

Na ja, ihre Arbeitskleidung war aber auch echt verboten knapp! Atmen konnte sie in den engen Blüschen wirklich kaum! Bequem war anders! Und der arme Dottore Satori rang auch ständig nach Luft, wenn sie sich zu ihm hinunter beugte… Wenn das nur mal gut ging?

Kein Wunder, dass der anatomisch so interessierte Dottore bald der Meinung war, sich allein schon ‚trinkgeldmäßig’ soviel Anrechte an ihr erworben zu haben,  dass er sie nach Belieben zulabern und zum Essen einladen konnte. Ein-oder zweimal, oder auch dreimal, war sie auch mit ihm ausgegangen. Ohne es Anna gebeichtet zu haben!

Lecker war das schon immer gewesen…

Wenn er aber mit seinem gelifteten Begleitschatten auf einen Aperolspritzer vorbeikam kam, oder auf einen großen Braunen mit  Apfelkuchen, war er steif wie frisch geschlagener Eierschnee; peinlichst vermied er jede freundliche Geste, um seiner eifersüchtigen ‚Botoxmumie’ ja keinen Anlass für dumme Gedanken zu geben.

Wahrscheinlich hockte die Mumie auch auf dem Geld! Und das nicht zu knapp, denn beide wohnten, wie Anna wusste, schon seit Jahren jeden Winter, über mehrere Wochen in dem luxuriösen 5-Sterne Terrassen- Hotel, unweit von Gerlindes Bungalow-Anlage!

Nur – welches Ziel der gute Dottore verfolgte, wenn er sie jede Woche aufs Neue anbaggerte, war Gerlinde nicht ganz klar, denn bei seiner misstrauischen ‚Aristokratenomma‘ konnte er sich eh keine ausschweifenden Seitensprünge leisten, ganz abgesehen davon, dass sie überhaupt keinen Nerv dafür hatte: ihr Leben war eh kompliziert genug.

Aber vielleicht war ja auch nur das Testosteron schuld, das genau wie bei Carl, alle vernunftgesteuerten Hirnregionen schlagartig lahm legte, wenn ein beutetaugliches weibliches Objekt im Sichtbereich auftauchte und das verbleibende Resthirn automatisch auf Notbetrieb stellte: Kalbsaugen, anzügliches Grinsen, verstärkter Speichelfluss und so weiter und so weiter…

Anna sagte, dass es bei ihr auch über ein Jahr gedauert hätte, bis der Dottore die Anbaggerei aufgegeben hätte; allerdings hatte sie, wie sie Gerlinde gestand, sich einmal spät abends in der Küche zu einem kleinen ,Nahkampf’ hinreißen lassen, was ein dummer Fehler gewesen war, da der gute Dottore daraus Rechte ableitete, die ihm wirklich nicht zustanden. Irgendwann hatte er das aber begriffen und bekam deshalb immer ein etwas größeres Apfelkuchenstück als die anderen…

Tja – und Gerlinde musste sich unter ihrem Sonnenschirm eingestehen, dass sie sich vermutlich auch morgen im ‚Salzburg’, genau wie in den vergangenen Tagen, wieder dabei ertappen würde, sich zu wünschen, dass nun endlich einmal auch ihr  ‚Unmögling’ an irgend einem der Tische säße und nicht nur der Dauergrinser Satori.

Doch – ehrlich gesagt –  hatte sie keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn da wirklich plötzlich ihr unmöglicher Carl lächelnd oder schmallippig ein Bier bestellen würde? Würde sie ihn ignorieren? So tun als sei er ihr fremd? Oder ihn gar fortschicken…? Oder würde sie sich vielleicht – sogar freuen? Und zwar so freuen, dass sie ihm gleich um den Hals fallen und ihn abknutschen würde?

Und das obwohl er wirklich ein ekelhafter, selbstgerechter ‚Chauvi’ war, der Frauen nur ausnützte! Selbst aber daheim nicht das Geringste auf die Reihe brachte! Und der sie ganz bewusst durch gelegentliche Unkultiviertheit und Flegelhaftigkeit provozierte und ärgerte, und dessen Dickwanstigkeit nur noch durch seine Schweißausbrüche, sein Walross-Geschnarche und sein brüllendes Lachen überboten wurde – den man aber trotzdem, und das war das Komische – aus irgendeinem nicht erklärbaren Grund mögen konnte…?

So dass Gerlinde, bei den angenehmen 26 Grad unter ihrem Sonnenschirm, von Aperolspritzer zu Aperolspritzer sich immer intensiver und lauter fragte, warum diese dumme Kuh von einer Hannelore diesen Unmögling Carl nicht schon längst so deutlich Bescheid gestoßen hatte, dass diesem Knallkopf endlich aufging, wo, wann und wie er seine geschundene Gerlinde wieder finden konnte und dass diese vielleicht eventuell, gnadenhalber, unter gewissen Umständen bereit sein konnte, wenn es denn sein musste und er hoch und heilig Besserung gelobte und sie richtig schön darum bitten würde, mit ihm noch einmal einen Versuch zu wagen, und wenn auch sonst alles passte, sie ausnahmsweise dieses eine Mal doch noch mit ihm heim fliegen könnte…?

Oder spielte diese Schlange Hannelore ein falsches Spiel? Zuzutrauen wär’s ihr…

KH

PS: Übrigens, die ‚komischen Hühner‘ zeichnet der Autor selbst…

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