Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. November 2014

Glücklich die Unglücklichen…

Carl und Gerlinde (XXXVII)

Oh Gott – warum ausgerechnet nach diesem himmlischen Steak mit Champignons und Broccoli? Sogar der Riesling hatte die richtige Temperatur. Was nicht selbstverständlich war bei Gerlinde. Doch heute war sie perfekt – die Temperatur! Und dann das… ZZDimg130

Aber irgendwie hatte alles schon so blöd angefangen, als Carl vom Büro heimgekommen war: Gerlinde spitzte völlig unerwartet schmollend ihr knallrotes Mäulchen nach dem flüchtigen Begrüßungskuss und blieb schweigend vor ihm stehen. Ihr fordernder Blick während dieser stummen Geste war irgendwie peinlich. Unter dem Vorwand aufs Klo zu müssen, beendete Carl schließlich diesen grotesken Prolog! Ihm war aber klar, dass der Höhepunkt des Trauerspiels noch ausstand…

Und dies ausgerechnet an einem Tag, an dem in der Firma wieder einmal der Katastrophenknüppel ausgepackt worden war! Zwar hatte der umtriebige Spartenleiter Dr. Osterkorn die siebzehn Power Point Folien mit permanent sinkenden Auftragseingängen in allen Bereichen der Wäschesparte bei TRIGA anfangs kommentarlos vorbeihuschen lassen, dann aber doch ohne jede Vorwarnung auf die brutalst mögliche Art das volle Ausmaß der ‚russischen Unterwäschekatastrophe’ an die Projektionswand geklatscht!

Denn seit Putin Mitte des Jahres in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone ein Einfuhrverbot und Produktions- und Verkaufsverbot für Spitzenunterwäsche erlassen hatte, gab es praktisch keine Aufträge mehr von den beiden russischen Unterwäschegroßhändlern ‚ARMED’ und ‚Suwen’! Der gesamte Geschäftsverkehr mit Russland war von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen. Und das nur, weil Väterchen Putin meinte, neben der Ukraine sich auch um die Gesundheit seiner Landsleute kümmern zu müssen! Schließlich setzten diese nicht saugenden Spitzenhöschen und satanischen High Heels seinem ohnehin schon durch Wodkaüberflutungen arg geplagten Völkchen in ungeahntem Ausmaß zu: denn die dadurch eingeschleusten faschistischen Geißeln, ‚Blasenkatarr’ und ‚Fußfehlstellung’, drohten nun auch noch die russischen Frauen zu dezimieren…

Carl zögerte!

Sollte er wirklich diesen kompletten Firmen-Schmarren vor Gerlinde ausbreiten und ihr die Laune verderben? Wo sie doch nach der arg wirren Begrüßungsstarre jetzt wieder richtig quicklebendig vor ihm herumzappelte und mit traumhaften Leckereien lockte. Und das alles bestimmt in einem ihrer bezaubernden roten Spitzenhöschen, wie sie Putin gar nicht mochte, da war er sich ganz sicher…

Nein – das tat er nicht!

Dazu war er auch viel zu müde und abgespannt!

Am Liebsten hätte er ohne ein weiteres Wort und ohne Gerlinde – aber mit dem schönen Riesling – nur das superbe Essen in sich hineingeschaufelt und Country Music gehört… Doch das rote Spitzenhöschen war nicht zu bremsen: denn kaum hatte Carl das zarte Steak zwischen seinen Zähnen zermalmt, durchgespeichelt, in den Magen versenkt und mit drei Gläsern Riesling abgelöscht, als Gerlinde ihn schon mit der Frage überfiel – ob er glücklich sei?

Carl prostete ihr abwiegelnd zu und versuchte lachend die Frage zu übergehen! Ja er entblödete sich nicht einmal – obwohl er unfähig war, auch nur noch einen Bissen in sich hineinzuwürgen – sie zu fragen, ob sie nicht doch noch eine klitzekleine ‚Nachspeiseüberraschung’ für ihn bereit hielte?

„Natürlich“ sagte Gerlinde verschmitzt, „ich möchte wissen, ob du glücklich bist, Carl“? „Heißt das, meine Nachspeise ist was zum Knabbern? Nämlich die Frage ‚bin ich glücklich’?“ fragte Carl neugierig.

„Ja!“

„Was bringt dich denn dazu?“, sagte Carl irritiert.

„Na ja, ich möchte es halt wissen? Hannelore ist nämlich nicht glücklich!“

„Was bei dieser überspannten Kuh, wirklich kein Wunder ist“! polterte Carl.

„Warum denn gleich so heftig“?

„Weil ich plötzlich das Gefühl habe, dass da schon wieder irgendjemand Unruhe stiften will! Wäre ja nicht das erste Mal?“ geiferte er.

„Sei doch nicht gleich so empfindlich, Carl! Man wird doch noch eine schlichte Frage stellen dürfen?“

„Ja gut, Gerlinde, frag! Befrage mich soviel und so lang du willst über das ‚Glück’! Aber erwarte bitte nicht, dass ich darob auch noch vor ‚Glück’ zerfließe! Ehrlich gesagt, wär’s nicht nur schade um das wunderbare Steak in mir, sondern ich weiß tatsächlich nicht, was dieses von dir nachgefragte ‚Glück’ ist, oder nicht ist?“ sagte Carl gereizt.

„Geht’s vielleicht weniger theatralisch?“

„Natürlich! Ich weiß aber wirklich nicht, was du mit ‚glücklich sein’ meinst?“ entrüstete sich Carl und suchte vergeblich Trost bei seinem längst raumtemperierten Riesling.

„Weiß ich auch nicht! Aber in der Werbung sind ja auch immer alle glücklich!“

„Denkst du da etwa an dieses himmlische ‚Abführmittelglück’ der verblühten Blonden, der in jedem ihrer Spots die Gedärme ‚glücks-bringend’ entknotet werden?“ frotzelte Carl.

„Ja, zum Beispiel!“

„Oder meinst du die strahlende Omi, die dank Voltaren plötzlich ihre Enkelchen wieder entdeckt, da sie sich zu ihnen hinunterbücken kann?“ ätzte Carl.

„Auch die…!“

„Du siehst aber schon“, giftete Carl weiter, „dass es immer Frauen sind, die spontan glücklich werden – nie Männer?“

„Wie immer neigst du zur Vereinfachung, lieber Carl! Es gibt nämlich schon ein ‚Glück’ außerhalb der Werbung, das sehr wohl euch Männer auch angeht?“

„Ich höre…?“ Carl spitz.

„Zum Beispiel das oft beschworene Glück in der Liebe?“

„Hm“ brummte er.

„Oder anders gesagt: bist du nun glücklich mit mir – oder bist du es nicht?“

„Gott – was soll das denn jetzt, Gerlinde! Ich dachte mit diesem Thema wären wir endgültig durch?“ stöhnte Carl.

„Na dann sag doch einfach ‚Gerlinde ich bin glücklich mit dir’!“

„Aber natürlich, das weißt du doch“, säuselte Carl gelangweilt.

„Dann weißt du also doch, was ‚glücklich sein’ heißt?“

„Ich ahne es vielleicht, Gerlinde! Und es hat sicher eine Menge mit Sicherheit und Zufriedenheit zu tun, wenn du so willst“, sagte Carl fast feierlich.

„Heißt das im Klartext, dass du zumindest zufrieden bist mit mir?“

„Ja – wenn du so willst! Aber ich bin mit allem hier zufrieden, liebe Gerlinde“, warf Carl sentimental ein, „auch wie du alles sauber hältst, auch mit dieser halbvollen Flasche Riesling, die gleich leer sein wird und natürlich auch, wenn wir danach ins Bettchen hüpfen…“

„Ist eigentlich diese Reihenfolge – Sauberkeit – Riesling – Bett – zufällig hingesagt oder ganz bewusst von dir so gewählt worden?“

„Wenn ich ehrlich sein soll, mag ich diese Reihenfolge“, sagte Carl erstaunlich selbstbewusst, „irgendwie ist sie für mich richtig und wichtig, wenn ich etwas wie ‚Glück’ empfinden soll!“

„Und meinst du deine Reihung würde eine kleine Variation aushalten?“

„Welche Variation denn…?“ fragte Carl zögernd.

„Ich mein die leicht abgewandelte Reihenfolge: Sauberkeit – Bettchen und dann erst Riesling! Bei der Reihenfolge könnte ich nämlich auch wieder manchmal glücklich sein!“

„A-h-a“, seufzte Carl und bedauerte spätestens da, dass die Besprechung über die verkorkste Auftragslage bei TRIGA nicht noch andauerte…

KH

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