Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. August 2011

Heurigenschmäh…

Carl und Gerlinde (XIII)

„Oje Carl – ich fürcht’ heut haben wir Pech bei unserem Heurigen! Der ist von der Kronen-Zeitung so hochgejubelt word’n, dass ganz Wien eingefallen ist, wie’s ausschaut!“ sagte Ferdinand Nowotny verärgert zu seinem Freund…

Mist! Carl hatte sich den Abschluss seines Wienurlaubs mit Gerlinde und seinen Freunden anders vorgestellt! Ja, hier in diesem alten Innenhof mitten im wunderschönen Perchtoldsdorf wär er echt gerne gesessen! An allen Tischen wurde gelacht, getrunken und gegessen, herrlich! Da hätte er auch gerne mit Genuss ein paar Vierteln ‚Zweigelt‘ oder ‚Blauen Portugieser‘ mit Gerlinde verkostet. Und bestimmt noch mit zwei, drei  Achterln ‚Grünen Veltliner’ nachgespült!

„Ich hab’ dir’s ja gleich gesagt, Ferdl, dass wir unbedingt einen Tisch reservieren müssen“, motzte Nowotnys bunt bemalte Berta mit sandiger Raucherstimme. „Aber mein goldiger Ferdinand weiß ja immer alles besser“. Berta schaute Verständnis heischend zu Gerlinde und Hannelore, die beide enttäuscht die Schultern hochzogen und sich ein gequältes Lächeln abrangen.

„Ich weiß, Bertaputzi“, fuhr Ferdinand dazwischen, „ich mach immer alles falsch! Aber deswegen sind wir ja seit zwanzig Jahr’ so glücklich verheiratet, stimmt’s, oder hab’ ich recht?“

„Ja, ja red’ nur dummes Zeug, du Scherzkeks“, ätzte Berta und kramte hektisch in ihrer Tasche nach einem Lippenstift…

„Ferdinand sollen wir nicht lieber gehen?“ meinte Carl beschwichtigend. „Es gibt doch sicher noch andere Lokale in der Nähe, oder?“

„Moment-Moment mein lieber Carl! So schnell gibt ein echter Nowotny der sechsten Generation, geboren in Prag, aufgewachsen in Brünn und verheiratet in der schönen Wienerstadt nicht auf!

Und schon gar nicht, wenn endlich einmal der hochgeschätzte Vertriebschef Carl aus Deutschland uns die Ehre gibt“, sagte der aufgeweckte Ferdl und steuerte auf eine stattliche Kellnerin im hellblauen Dirndl zu, die sichtlich abgekämpft, mit einem großen Tablett voll leerer Gläser und Krüge, in Richtung Ausschank hetzte…

„Sie – sind meine letzte Rettung, schönes Kind“, rief Ferdinand mit großer Geste und allem Charme, den er in sich auftreiben konnte, dem Dirndl zu, „bestimmt haben Sie noch irgendwo ein geheimes Plätzchen für so nette Gäste wie uns, oder?“

Das schöne Kind, im gar nicht billigen Dirndl, musterte den um einen Kopf kleineren Ferdinand Nowotny erst überrascht, dann zunehmend widerwillig, da er nicht aufhörte sie anzugrinsen…

Genervt sagte sie, dass der gute Herr ja wohl selber sehe, dass alles voll sei! Jeder Tisch! Und dös schon seit Mittag! Dabei rennen sich eh alle die Haxen aus dem Leib; aber die Leut’ werden nicht weniger; wie wenn’s sie’s irgendwo auslassen hätt’n …

„Aber gehn’s, schöne Frau“, bettelte Ferdl hartnäckig weiter, „es wird sich doch noch irgendwo ein Eckerl für uns in ihrem schönen Lustgärtchen finden lassen…“

„Na wirklich nicht, tut mir leid…“

„Dös gibt’s doch nicht – das ist doch nicht ihr letztes Wort, so fesch wie sie san…“ schleimte Ferdl.

„Bitte schauen’s Sie sich doch um, sehen Sie irgendwo einen freien Platz?“

„Aber, aber wer wird denn gleich…“

„Also noch einmal mein Herr! Ich glaub ich hab mich deutlich genug ausgedrückt! Wir sind voll belegt und haben keinen freien Platz mehr! Tut mir leid! Auch wenn’s sie mir’s  nicht glauben wollen, oder schwerhörig oder blind san…!

„Aber gegans, wer wird denn gleich so hantig sein, in so einem feschen Dirndl.. “

„Hörn’s mit ihre Sprüch’ auf, lieber Herr, ich hab wirklich was Besseres zu tun…“ sagte das hübsche Kind im feschen Dirndl und ließ den entgeisterten Ferdinand einfach stehen.

Ratlos starrte der einen Augenblick vor sich hin…

Völlig unerwartet registrierte er auf einmal ein paar Tische weiter einen rührigen, grauhaarigen Herrn im eleganten Trachtenanzug, der von Tisch zu Tisch ging, sich freundlich nach dem Befinden der Gäste erkundigte, immer wieder einzelne Leute begrüßte und laut lachend Hände schüttelte…

Wie ein Spürhund, der plötzlich wieder die heiße Spur in der Nase hatte, steuerte Ferdinand, gleichsam von Geisterhand gelenkt, auf diesen rettenden ‚Grußonkel’ zu! Aber all seine Überzeugungskraft versagte schon nach kürzester Zeit: er konnte noch soviel reden, noch so sehr seinen Charme spielen lassen, noch so viel lamentieren und betteln, der freundliche Hoffnungsträger im Trachtenanzug hob immer nur bedauernd die Schultern und sagte gebetsmühlenartig seine Entschuldigungsfloskeln auf…

Resigniert und frustriert trat Ferdinand endgültig den Rückzug an! Jetzt war höchste Zeit den letzten Trumpf auszuspielen!

Von einer Sekunde auf die andere verwandelt, ging er plötzlich laut klagend  auf Carl und die anderen zu, riss hilfesuchend seine Arme hoch und rief mit verzweifelter Stimme: „Tut mir leid, Herr Botschafter! Heut’ muss ich wirklich eingestehen, dass ich versagt hab’! Es gibt für den Herrn Botschafter keinen Platz hier in Perchtoldsdorf! Ich bedauere Excellenz, dass ich das sagen muss, aber wir sind hier nicht willkommen…“

Noch ehe Ferdinand ausgeredet hatte, stand der rührige Heurigenwirt im Trachtenanzug wie aus dem Boden gewachsen vor ihm, nahm ihn vertraulich zur Seite und sagte, „hab ich richtig gehört, mein Herr, Sie sagten gerade etwas von ‚Botschafter’?“

„Ja, natürlich, ich wollt’ dem Herrn Botschafter und seiner Entourage endlich einmal den schönsten Heurigen in der Wiener Umgebung zeigen – aber irgendwie hat sich alles gegen uns verschworen, man will uns nicht…“

„Augenblick meine Herrschaften“, rief der gute Mann zu der Gruppe um ‚Botschafter Carl’, die sich schon dem Ausgang zugewandt hatte…

„Augenblick ich glaub’, ich hab’ da eine Lösung, entschuldigen sie mich ein ganz kurzes Momenterl…“

Er klatschte laut in die Hände und rief nach  ‚Antschi’, der resoluten Kellnerin, wie sich herausstellte, die gerade voll beladen mit Wein –  und Wasserkaraffen aufs Neue von der Ausschank zu den Gästetischen eilen wollte.

„Antschi, sag bitte sofort dem Pepi, dass er unbedingt noch einen Tisch und zwei Bänke für den Herrn Botschafter unterm Nussbaum aufstellen soll, das müsste noch gehen – aber schnell, seine Excellenz kann nicht mehr länger warten…“

„Ja, aber…“

„Nix aber –  stell’ das Tablett ab und renn’ sonst werd ich grantig…“

Ferdinand war begeistert, er floss über vor Beflissenheit, „das ist ja unglaublich Herr…?“

„Perlach – Perlach ist mein Name, ich bin der Besitzer von dem Heurigen!“

„Naja  das sieht mans gleich“, schmeichelte der Ferdl, „ wenn der Chef sich einmischt, dann funktioniert das halt, das ist genau wie bei Ihnen Herr Botschafter…“

„Aber, aber ich bitte Sie Herr Nowotny“, beschwichtigte Carl eloquent, dem seine neue Rolle immer besser gefiel, „ nur kein Aufsehen, wenn ich bitten darf – wir sind heute ganz privat …“

„Einspruch, Excellenz“, rief Herr Perlach mit kräftiger Stimme und erhobenen Zeigefinger, „Einspruch – Ihnen geht’s bestimmt wie mir, ich bin auch immer im Einsatz – Tag und Nacht im Einsatz – Freizeit kenn ich keine. Genau so wird’s Ihnen gehen Herr Botschafter, immer im Amt, immer auf dem Posten…“

„Da ist schon etwas Wahres dran, werter Herr Perlach, in diesem Amt kann man sich kaum seiner Pflichten entziehen“, fiel Carl dem guten Mann mit feierlicher Miene ins Wort.

„Sehen Sie Excellenz, genau wie ich gsagt hab’“, rief Herr Perlach und strahlte wie ein frisch lackiertes Hutschpferd…

Nicht ohne Stolz geleitete er dann den Herrn Botschafter und seine Entourage zu dem angesprochenen Plätzchen unter dem großen Nussbaum, wo bereits der vom Pepi  vorbereitete Heurigentisch mit bequemen Bänken und Polstern stand.

Und die ‚Antschi’ ging mit prüfendem Blick und noch dunkleren Flecken an Hals und Décolleté geschäftig auf und ab, um dem Herrn Botschafter endlich zu Diensten sein zu können…!

Aber dem prächtig aufgelegten Ferdinand gelang es trotz allem den ganzen Abend nicht, seinem kettenrauchenden Bertaputzi auch nur ein Wort der Anerkennung zu entlocken!

KH

PS:  Und in zwei Wochen am Donnerstag den 8. Sept 2011 wird es mit „Verbissen…“ wieder gruselig.

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