Klaus Hnilica
Donnerstag, der 22. März 2012

Hinter Sonnenbrillen vor Gomera

Carl und Gerlinde (XXI)

26 Grad in Puerto Santiago! Wolkenloser Himmel! Ein stahlblaues, glatt gebügeltes Meer! Und vor Gomera jede Menge winziger Schiffe…

Gerlinde hätte glücklich sein können in ihrem Appartement mit den klobigen spanischen Möbeln. Aber nein – sie hatte seit zwei Wochen diesen verdammten Matschkopf! Träge, antriebslos und vielleicht sogar verzagt suchte sie tapfer die alltägliche Siestatranigkeit abzuschütteln.

Dem ekelhaften ‚Kalima’ war die Puste ausgegangen! Gott sei Dank! Unter der Markise hätte sie den ganzen Nachmittag weiterdösen können…

Aber Gerlinde raffte sich auf, kaufte oben in der Calle de Honduras im Supermercado Weißbrot, Schinken, Eier und Orangenmarmelade und  wollte dann schnellstens nach Arena ins ‚Salzburg’. Zu Anna! Ohne Anna wäre ihr der Mund zugewachsen! Oft redete sie über mehrere Tage hinweg nur mit Anna…

So ausgestorben hatte sie sich die Bungalow-Anlage um diese Jahreszeit  nicht vorgestellt, als sie spontan den Entschluss gefasst hatte, hier zu überwintern, um mit sich und Carl ins Reine zukommen. Und das war auch nicht so, als sie mit Jürgen vor zehn Jahren dieses Appartement gekauft hatte. Jedenfalls war das damals ihr Eindruck gewesen; aber sie hatten ja auch nie im Winter länger hier logiert, sonst hätte sie vielleicht schon damals die doch sehr schwankende Anwesenheit der englischen Umzingelung wahrgenommen: sonnengegerbt, biergeschwängert!

Gerlinde hatte Carl nie von diesem kanarischen Refugium erzählt. Hannelore und Kurt kannten es natürlich; die kannten ja auch ihren geschiedenen Mann. Und vermutlich hatte Jürgen auch über die beiden Wind davon bekommen, dass der erste ‚Liebesrausch’ mit Carl abgeklungen war und hatte ihr deshalb, nicht ohne Hintergedanken, das Appartement zum ‚Nachdenken und Meditieren’ angeboten. Kostenlos, versteht sich  –  und mit dem Versprechen, sie nie und nimmer überfallen und belästigen zu wollen!

„Großes Indianerehrenwort“, raspelte er auf seine Art süß ins Telefon!

Und da er Gerlinde und ihre üblichen Winterdepressionen nur allzu gut kannte, war für ihn klar, dass sie nach diesem Köder schnappen würde.

Nach ein paar Schlückchen Sekt mit reichlich Aperol war sie dann auch bereit, sich in ihr weißes Leinenkleid zu zwängen, den schwarzen Strohhut passend auf ihren Kopf zu drücken und hinter ihrer übergroßen Sonnenbrille zu verschwinden. Alle Tranigkeit war verflogen! Aufmunternd rief sie sich zu, diesen neuen Nachmittag im „Salzburg“ in Arena entschlossen anzugehen und vor keiner Schandtat – hoffentlich bot sich bald eine an – zurückzuschrecken…

Dann dieser Zwischenfall, als sie vergnügt über die malerische Promenade nach Arena schlenderte: ein Mädchen auf dem einzigen weit ins Meer ragenden schwarzen Lavabrocken! Es starrte unentschlossen in die Tiefe, in der sich eine Welle nach der anderen krachend an den schwarzen Lavaklippen brach. Gänzlich in sich versunken nahm es von den vorbeigehenden Passanten keinerlei Notiz; und die ignorierten es auch! Vielleicht weil sie das alles schon einmal erlebt hatten!

Dabei war das Mädchen so zart, so schön, so zerbrechlich in ihrem winzigen Bikini, doch ehe Gerlinde – no, no don’t do it – rufen konnte, ging ein Zittern durch die zierliche Gestalt und unmittelbar danach verschwand das Mädchen ohne jedes Aufheben lautlos in der Tiefe!

Gerlinde eilte entsetzt zu dem Felsabbruch, doch da tauchte auf dem Promenadenweg von unten kommend im Laufschritt plötzlich ein drahtiger Badehosenjüngling von etwa sechzehn Jahren auf, lachte ihr fröhlich zu und hechtete ohne zu zögern und ohne zu schauen weit hinaus ins Meer. Er landete in etwa zwanzig Meter Tiefe aalglatt im wogenden Wasser. Lachend und schreiend kraulten die beiden aufeinander zu, umarmten und küssten sich ohne auch nur ein einziges Mal zu den wenigen Gaffern hoch zu schauen.

Gerlinde jauchzte auch, als sie weiterging, dieses bizarre Glück stimmte sie vergnügt und sie ertappte sich bei der Frage, ob ihr Carl jemals so nachgesprungen wäre? Wenn schon nicht gleich, dann nach wie viel Bieren? Eins? Drei? Fünf? Oder Zehn? Oder gar nicht? Tja und dann fragte sie sich, warum sie sich das fragte? Und war über sich selbst verwundert …

Anna hatte im „Salzburg“ Gerlinde wie immer schon ein Plätzchen frei gehalten. Unaufgefordert brachte sie den Cortado, ein üppiges Stück ihres herrlich mürben Apfelkuchens mit Sahne und eine große Flasche Aqua ohne Gas!

Anna war knapp Dreißig, ein hübsches dunkelhaariges Ding, das vor vier Jahren hier hängen geblieben war, nun aber schon wieder an anderem hing. Und Gerlinde hing an ihr…

Der schneidige Zigarillotyp, der komischerweise eine gewisse Ähnlichkeit mit Carl hatte, nur wesentlich jünger und durchtrainierter war, saß auch wieder mit der obligaten „Corriere Della Sera“ und der „Welt“ draußen am Ecktisch und nickte ihr wie schon gestern und die Tage davor freundlich zu, als sich ihre Blicke kreuzten. Doch Anna mahnte zur Vorsicht! Der Dottore Sattori sei nicht frei, sagte sie verschwörerisch, der begleite schon seit  Jahren eine gewisse Dagmar von Platen, mit der nicht gut Kirschen essen sei.

Bei der könne einem ganz schnell etwas zustoßen, flüsterte sie lächelnd und kam eine Spur zu hastig auf die Waldbrände zu sprechen, die schon seit Tagen auf der Insel wüteten und wie das Amen im Gebet jede Nacht an einem anderen Berghang aufloderten und trostlose, verkohlte Russwüsten hinterließen. Der Auslöser waren angeblich Familienstreitigkeiten, wusste Anna, aber natürlich hatten sich auch Nachahmer gefunden!

Letzte Nacht hatten die die Hänge bei der ‚Großen Gala’ abgefackelt. Drum flogen auch pausenlos die Löschflugzeuge und die riesigen Rauchfahnen sah man sogar vom Weltraum aus, sagte Anna, sprang auf und bediente rasch ein neu hinzugekommenes österreichisches Rentnerpaar, das sie offensichtlich auch kannte.

Ja und dann war es doch wieder spät geworden! Und Gerlinde hatte wieder zu viel getankt; sie verspürte so gar keine Lust, den Berg wieder hoch zu krabbeln über den sie  mittags heruntergezappelt war und den Hafen ein zweites Mal zu umrunden, um in ihr Appartement zu kommen.

Nein, sie leistete sich stattdessen von gegenüber lieber das übliche Taxi. Anna konnte leider wieder nicht mitkommen, die musste erst noch das Lokal säubern, absperren und die Tageseinnahmen auf der Bank deponieren. Schade, Annas Zärtlichkeiten taten ihr gut…

Gerlinde war müde und ausgelaugt als sie endlich in ihrem Appartement aufs  Sofa sank! Ohne Anna, ohne Carl, ohne Jürgen und ohne Dottore…

Und über sich nachgedacht, hatte sie wieder nicht! Und vermutlich würde sie das morgen auch nicht tun und übermorgen erst recht nicht: was sollte dieses blöde Nachdenken auch bringen…

Das Gelächter und Geschnatter aus den anderen Häusern trieb sie noch einmal auf die Terrasse. Die Nacht war so unverschämt samtig, und auf Gomera gegenüber zitterten die Scheinwerfer der Autos wie Glühwürmchen durch die schützende Dunkelheit, unter einem Himmel, der mit Sternen zugeschüttet war!

Doch was nützte diese lüsterne Nacht, wenn sie lieblos auf der Terrasse vertändelt wurde, dachte Gerlinde mit einem grimmigen Lächeln und genehmigte sich einen letzten ‚Carlos’, um nicht wieder los zu heulen…

Aber der allerletzte Absacker war dann auch getrunken! Und die vorletzte und letzte Zigarette auch geraucht!

Und als sie gegen Mitternacht für einen kurzen Moment aus ihrem Selbstmitleid auftauchte und die Terrassentür zuzog, spürte sie schockartig, dass dieses nächtliche Wagnis ein fataler Fehler gewesen war, da wieder eines dieser ‚Teufelsviecher’ blitzschnell ins Wohnzimmer gehuscht war…

Gott – wie unendlich gern hätte sie jetzt nach ihrem unmöglichen Carl gerufen!

Und sie rief auch! Ja sie brüllte sogar! Immer wieder schrie sie: Carl du Scheusal hier sind Kakerlaken! Kakerlaken! Kakerlaken…Riesige ekelerregende Kakerlaken!

Du musst sie umbringen, Carl, du musst sie unbedingt umbringen, da ich das nicht kann! Das weißt du doch…

Aber dieser Scheißkerl war nicht da! Wie immer wenn man ihn brauchte…

KH

PS: Und in zwei Wochen am 5. April 2012, sind wir schon wieder bei „Carl und Gerlinde“.

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