Klaus Hnilica
Donnerstag, der 15. Dezember 2011

Kein Tag wie jeder andere

Carl und Gerlinde (XVII)

Was für ein Morgen! Und dieses ekelhafte Kitzeln im Gaumen. Carl ahnte, dass da etwas hoch kroch und schnäuzte sich. Und dann wieder und wieder!

Dazwischen ein rotznasiger Entschluss. Nie mehr aufstehen! Nie mehr das herrlich warme Bett verlassen! Egal was da angehustet kam!

Aber irgendwann – tropfte er doch ins Badezimmer! Vielleicht hoffte er, eine heiße Dusche könnte ihn ans Ufer der Tüchtigen zurück spülen. Was ja auch klappte, denn Carl lungerte plötzlich hüstelnd und schniefend am Esstisch vor Gerlinde, die ihre erste Tasse Kaffee schon ausgetrunken hatte und mit der Zeitung vor der Nase am zweiten Toast mit Zwetschgenmarmelade knabberte.

Trotz seines heroischen Sieges über sich und seine Bestandteile war sich Carl nicht sicher, ob ihn Gerlinde schon wahrgenommen hatte? Erkennbar reagiert, hatte sie nicht! Und der Honig für seinen Tee fehlte auch. Und ein Löffel für die Zwetschgenmarmelade auch. Oder sollte er wie ein Chamäleon mit der Zunge ins Marmeladeglas schnalzen, während sie offensichtlich die Todesanzeigen auswendig lernte und von da in eine aufreizende Zeitungsbeilage über Damenwäsche eintauchte.

Komisch war das schon, dieses plötzliche Interesse an Dessous.

Aber nahm sie denn überhaupt noch wahr, was um sie geschah?

Etwa sein Gestöhne, als er sich hoch quälte, um den Honig und den Marmeladelöffel zu holen! Oder den ungenießbaren Tee, weil sie die Thermoskanne offen stehen hatte lassen? Oder seine aufkeimende Abneigung, bei soviel Ignoranz, überhaupt noch irgendetwas daheim zu frühstücken?

Ja – warum fuhr er eigentlich nicht gleich ins Büro und ließ sich von seiner stets freundlichen, immer elegant gekleideten Sekretärin einen schönen heißen Kaffee servieren? Exakt so heiß und süß wie er ihn mochte? Und auch einen ihrer Kuchen? Köstlich! Selbstgebacken!

Wortlos stand Carl vom Frühstücktisch auf und ging weg.

Als er nach einem lieblosen Abschiedskuss aus der Ferne, da er Gerlinde nicht anstecken wollte, doch noch entschuldigend anmerkte, heute Morgen einen frühen Termin bei Dr. Osterkorn zu haben, mahnte ihn Gerlinde zur Vorsicht: es wär’ glatt draußen!

Das auch noch!

Verärgert schleppte er sich zur Haustür, prüfte die Lage und wär um ein Haar gleich aufs Pflaster geknallt. Im letzten Augenblick erwischte er noch die Türklinke; der halbe Daumennagel war aber weg! Das tat weh…

Trotzdem musste er salzen, da blieb ihm gar nichts anderes übrig! In seinen Schuhen kam er ja nicht einmal bis zur Garage.

Aber als er dann fröstelnd im kalten Audi die Strasse entlang schlitterte, flackerte zu seiner Überraschung plötzlich sogar etwas wie Freude in ihm auf, da er überzeugt war, nach all diesen Widrigkeiten den schwierigsten Teil des Tages nun hinter sich zu haben …

Um neun Uhr vierundvierzig endlich im Büro! Trotz Rotznase und anderer Nickligkeiten merkte Carl gleich beim morgendlichen Gruß, dass auf dem viel zu stark geschminkten Gesicht seiner Sekretärin ein sorgenvoller Schatten lag…

Bei dem Wetter kein Wunder! Sein eigener Anflug von Heiterkeit hatte sich auf dem Weg zur Firma auch schnell verflüchtigt, ja war sogar ins Gegenteil umgeschlagen, da sich irgendein Blödmann von auswärts auch noch auf seinen Firmenparkplatz gestellt hatte. Das ging wohl doch so weiter!

Aber wenigstens der Kaffee war im Anmarsch und ein Stück Streuselkuchen, den ihre Tochter gebacken hatte, wie Frau Wolf nicht ohne Stolz, mit ernstem Gesicht, feststellte.

„Vergessen Sie bitte den Zehn Uhr Termin bei Herrn Dr. Osterkorn nicht“, fügte sie mit sorgenvoll geweiteten Augen hinzu. Carl nickte abwesend und suchte einige Daten und Fotos über die neue erfolgreiche Winter–Wäschekollektion ‚Burlesque’ in Beerentönen zusammen, um auch auf kleine heimtückische Attacken von Herrn Dr. Osterkorn reagieren zu können. Der ehemalige Experte für Kunstfasern und heutige Spartenleiter war immer für eine Überraschung gut!

Leider unterstand Herrn Dr. Osterkorn seit zwei Jahren auch der gesamte Vertrieb für die Sparte ‚Wirk- und Strickwaren’ und damit auch Carls ‚Wäschebereich’…

„Es gibt Gerüchte“, flüsterte Frau Wolf geheimnisvoll, da die Tür zum Vorzimmer noch offen stand und schob vorsichtig mit ihren blauen Fingernägeln die Tasse Kaffee auf den üblichen Platz am Schreibtisch.

„Bitte jetzt keine Gerüchte, Frau Wolf“, hüstelte Carl, „ich brauche einen klaren Kopf, sonst passiert heute noch eine Katastrophe beim Osterkörnchen…“

Er schnäuzte sich.

„Aber es ist vielleicht wichtig?“ setzte sie unsicher nach.

„Nein – bitte nicht Frau Wolf, ich trink nur noch meinen Kaffee aus und renn’ dann los“…

„Schade“, sagte Frau Wolf und schlich davon. Das marineblaue Kostüm stand ihr exzellent.

Dr. Osterkorn, um einen Kopf größer als Carl, braun gebrannt und voller Elan, begrüßte ihn mit der üblichen routinierten Freundlichkeit. Er erkundigte sich ohne wirkliches Interesse auch nach seinem Befinden. Als Carl zu Husten anfing und sich schnäuzte, meinte er lachend, dass sich das ja hervorragend treffe, dass er ihm in seinem angeschlagenen Zustand, ab sofort eine kraftvolle Unterstützung an die Hand geben könnte, die er, Osterkorn, aus Überlastung in der Vergangenheit nie beisteuern hatte können.

Frau Miriam Braun sei ab Beginn des nächsten Monats mit der Leitung des gesamten Vertriebes der Sparte ‚Wirk- und Strickwaren’ betraut. Frau Miriam Braun sei trotz ihrer Jugend eine ganz ausgezeichnete Kraft, der der Ruf vorauseile, nicht nur attraktiv zu sein, sondern auch äußerst durchsetzungsstark! Und er, Osterkorn, sei richtig stolz, sie bei der Konkurrenz entdeckt und abgeworben zu haben. Auf diesen gelungenen Coup wollte er jetzt mit Carl S., einigen anderen und Frau Braun anstoßen, sagte er, strahlte übers ganze Gesicht und bat seine Sekretärin, alles Nötige zu veranlassen. Und als er noch hinzufügte, dass Carl auf so eine attraktive Vorgesetzte stolz sein könne, versuchte der ein freundliches Lächeln, war dann aber froh sich hinter einem Hustenanfall verstecken zu können.

Als Carl diesen Schock fürs Erste verdaut und mit Frau Wolf noch einmal durchgesprochen hatte, und sie ihm riet früher heim zu fahren und sich in die Badewanne zu legen, tat er das auch.

Allerdings war er verwundert, dass daheim alles dunkel war.

Selbst die Weihnachtsbeleuchtung war ausgeschaltet…

Tja – und dann der Brief auf dem Esstisch!

Von Gerlinde!

Formlos!

Ein paar Zeilen auf der Rückseite einer bio frost–Bestellung: Sie bat Carl, nicht böse zu sein, aber bestimmt hätte er auch gespürt, dass sie sich beide in letzter Zeit sehr auseinander gelebt hätten. Für sie, schrieb Gerlinde, wär das immer unerträglicher geworden und für ihn bestimmt auch und drum hätte sie sich schweren Herzens dazu entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen und eine Auszeit zu nehmen. Da ihr aber der Mut und die Kraft  fehlte, alles mit ihm durchzusprechen, hätte sie heute einfach ihre Koffer gepackt! Sicher keine Meisterleistung und dafür entschuldige sie sich auch, aber reden, reden, reden… wär auch keine Lösung gewesen!

Bitte such mich nicht, Carl! Wenn ich zurückkommen sollte, dann will ich das aus eigenen Stücken tun und nicht gedrängt werden. In Dankbarkeit, Gerlinde.

Carl schnäuzte sich – und musste dann doch noch längere Zeit husten…

K H

PS: Oh-jeh, wie wird das nur weiter gehen…

 

 

 

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