Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. September 2013

Männer in Not – oder die lauernde Erotik im Haushalt

Carl und Gerlinde (XXXIV)

„Du warst beim Friseur!“ stellte Gerlinde überrascht fest, als sie das Glas Spätburgunder hob und Carl mit vollem Mund zuprostete; ein  unerklärlicher Heißhunger zwang sie, gleich noch ein Stück Vollkornbrot mit der köstlichen italienischen Mortadella nachzuschieben, obwohl sie den ersten Bissen noch gar nicht vollständig geschluckt hatte..

ZFimg089„Du – ja – auch – vor – zwei – Tagen …“, würgte Carl in letzter Sekunde aus sich heraus, bevor er mit blutrotem Kopf an einem üblen Hustenanfall zu ersticken drohte: er hatte sich verschluckt!

Immerhin brachte er alles noch soweit unter Kontrolle, dass die im Riesling schwimmende ungarische Salami in seinem Mund, nicht gänzlich über den frisch gedeckten Tisch verteilt wurde.

Doch während er mit Gerlindes Hilfe die schlimmsten Folgen des ‚Wurst-Wein-Chaos’ beseitigte, rang er immer noch nach Luft und hüstelte unentwegt in einem gedämpften Stakkato vor sich hin; aus seinen geröteten Augen drückten dicke Tränen…

„Ich wundere mich ja, dass du meinen Friseurtermin überhaupt wahr genommen hast“, sagte Gerlinde mitleidig spöttelnd, als Carl wieder ansprechbar war; sie leerte ihr halbvolles Glas nach dem überstandenen Schreck in einem Zug.

„Klaro – so was seh’ ich immer…“, krächzte Carl mit belegter Stimme.

„Dann könntest du ja zur Abwechslung auch einmal etwas sagen, oder?“

„Wieso denn, du weißt doch, dass du mir immer gefällst…“!

„Hm – hättest du bei deinem Friseurbesuch nur einen Blick in die neue ‚Bild der Frau’ geworfen, dann wüsstest du, wie wichtig so kleine positive Anmerkungen in Partnerschaften sind, mein lieber Carl!“

„Das mag sein“, sagte Carl und hüstelte sich erneut die Kehle frei, „dafür kenn ich aber die Probleme, die der Jogi Löw mit dem Mats Hummels hat und weiß, dass der Schweini beim Guardiola immer noch nicht richtig angekommen ist…“

„Apropos, Schweini – hast du auch den Schweinkram im „Stern“ gelesen?“ fuhr Gerlinde dazwischen.

„Nein – aber du wirst ihn mir bestimmt gleich erzählen – euch Frauen interessiert ja so etwas immer“, feixte Carl und nippte nach seinem überstandenen Erstickungstod ein erstes Mal wieder vorsichtig an seinem Riesling.

„Du –  ich weiß gar nicht, wie man darüber reden soll, aber laut „Stern“ passieren angeblich im Nachgang zu der Erotiktrilogie ‚Fifty Shades of Grey’ in London plötzlich die abenteuerlichsten Unfälle…“

„Keine Ahnung, Gerlinde – ich hab nur gelesen, dass sich der Poldi bei Arsenal London verletzt hat“, sagte Carl süffisant – jetzt wieder bei voller Stimme, und füllte Gerlindes leeres Glas aufs Neue mit dem seidigen Spätburgunder, der auch schon eine gewisse Wirkung in Gerlindes Äuglein zeigte, denn sie sagte kichernd: „du mit arsenal oder anal oder so haben die Unfälle in London nichts zu tun, die Feuerwehr hat da echt ganz andere Probleme zu lösen, wirklich peinliche…“

„Wie peinlich?“

„Na – die nackigen, entfesselten Gefesselten wissen offensichtlich nicht nur nicht, wie sie ihre Schlüsselchen für die Handschellen wieder finden, wenn sie sich nackig gefesselt haben, sondern müssen auch immer wieder aus allen möglichen Haushaltgeräten befreit werden, in denen sie sich auf die peinlichste Weise verfangen haben…“

„Aus Haushaltsgeräten?“

„Ja – aus Toastern, Staubsaugern und anderen praktischen Gerätschaften – und natürlich sind’s wieder die Männeken, die da rausgeholt werden müssen, lieber Carl…“

„Wie, die müssen aus Toastern befreit werden? Das glaub ich nicht!“

„Doch, Carl – steht laut „Stern“, alles im Londoner Feuerwehrreport…“

„Oh Gott“, stöhnte Carl, trank endlich das angefangene Glas Riesling aus, fuhr sich mehrfach mit einem Papiertaschentuch über seine tränenunterspülten Augen und sagte: “wieso plagen wir uns eigentlich bei TRIGA jede Saison aufs Neue mit immer raffinierteren Wäschekollektionen ab, wenn nach ‚Fifty Shades of Grey’ nicht nur Handschellen und Reitpeitschen die Leutchen in Fahrt bringen, sondern auch die stinknormalen Haushaltgeräte? Die Toaster und Staubsauger? Irgendetwas stimmt doch da nicht Gerlinde, oder?“

„Das ist eine gute Frage, Carl…“ sagte Gerlinde mit flackerndem Blick und unschuldig hochgezogenen Schultern, „aber vielleicht stimmt ja auch mit uns beiden etwas nicht? Vielleicht sind du und ich ja schon so abgestumpft, dass wir überhaupt nicht mehr in der Lage sind, genug Fantasie aufzubringen, um uns solche Dinge vorzustellen?“

„Also bitte – Gerlinde – jetzt gehst du aber zu weit…“

„Wieso zu weit? Hannelore hat schon alle drei Bände der Trilogie durch…“

“Und der Kurt“?

“Der interessiert sich auch nur für die kaputten Sprunggelenke von diesem Grötze oder Grütze…“

“Götze – Mario Götze, liebe Gerlinde… immerhin sind die zierlichen Sprunggelenke dieses ‚Götzen’ mehr als 30 Millionen Euro wert!“

“Na ja, so wertvoll bist du definitiv nicht, lieber Carl, das weiß ich ganz bestimmt – auch wenn ich schon ein bisschen betütelt bin! Aber immerhin könntest du deinen nur geringfügig niedrigeren monetären Wert schnell anheben, wenn du mir noch eines dieser köstlichen Fläschchen Spätburgunder aus dem Keller holst, was meinst du dazu“?

„Aber nur, wenn du mir versprichst, mich nie mit Handschellen zu fesseln – und schon gar nicht nackig…“, insistierte Carl und unterstrich seine Forderung dadurch, dass  er ein weiteres Glas kühlenden Riesling durch seine wieder genese Kehle jagte.

„Versprochen“, flötete Gerlinde.

„Gut, dann mach ich mich vollkommen entfesselt auf den Weg in den finsteren Keller“, grinste Carl.

„Aber vorher musst du mir noch schwören, dass du dich niemals und unter keinen Umständen an meiner Haushaltgerätschaft vergehen wirst! Schwöre das, Carl…“ lallte Gerlinde, schob mit großer Geste ihren schmutzigen Teller samt Besteck weit von sich, und bettete vorsichtig ihr schwer gewordenes Köpfchen auf den Tisch…

„Ich schwöre…“, intonierte Carl laut und sichtlich zufrieden, dass seine Stimmbänder wieder intakt waren.

Aber da Gerlinde bereits deutlich hörbar durch Worte nicht mehr zu erreichen war, sagte Carl auf dem Weg in den Keller zu sich selbst, dass die Alten vormals schon ihre guten Gründe gehabt hätten, darauf zu achten, dass Küchenarbeit und Putzen reine Frauensache blieb…!

Schließlich sollten ja ihre triebhaften jungen Männer möglichst unverstümmelt in die Kriege ziehen können…

Nicht so wie heute, wo die armen Männer nicht nur bei jeder Art von  Frauenkram mitmachen müssen, sondern dabei auch noch von Toastern und Staubsaugern attackiert werden…

Schlimme Zeiten sind das, murmelte Carl in den muffigen Keller – konnte sich dann aber am nächsten Morgen definitiv nicht mehr erklären, warum er voll bekleidet in Hose und Pullover auf seinem Bett lag – und die schlafende Gerlinde mit pinkfarbenen Handschellen an ihn gefesselt war.

KH

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