Klaus Hnilica
Donnerstag, der 19. Mai 2011

Meerestiefen…

Dieser samtweiche Abend!

Die Sichel des abnehmenden Mondes hilflos auf dem Rücken, als sei sie aus Versehen über den Äquator gerutscht. Das Meer so glatt, dass selbst die kleinste Welle als Makel erschien. Wie tief diese Makellosigkeit wohl reichen mochte?

Dagmar von Platen steuerte im kunstvoll ausgeleuchteten Hotel zielstrebig den Tisch am Fenster an. In der dunklen Scheibe des Speisesaals kam sie sich selbst entgegen. Weg vom Meer dahinter, dessen saugende Tiefen sich zwischen den Lichtern des Saals verflüchtigten…

Sie fröstelte. Die Kälte kam aus ihr. Die dünne Stola war gut zu vertragen.

Tonio war noch nicht da!

Warum musste dieser Dottore Satori, wie sie ihn oft spöttisch nannte, ausgerechnet vor dem Abendessen immer diese endlosen Telefongespräche führen?

Oder war sie heute besonders nervös?

Carlos, der eifrige Kellner vom Festland, fragte schon zum zweiten Mal, ob Dagmar von Platen eine Vorstellung bezüglich des Weines hätte. Und ob er sonst noch etwas für sie tun könnte. Er kümmere sich gerne um sie, sagte er. Der freundliche, ältere Herr vom letzten Mal sei übrigens auch wieder im Hotel!

Dagmar starrte stumm auf Carlos Spiegelbild in der dunklen Glasscheibe bis es verschwand. Seine Vertraulichkeit war ihr widerwärtig.

Wie kam er dazu? Wusste er zuviel?

An den Nachbartischen wurde längst gegessen. Etliche Gäste waren bereits bei der Zabaione con Bacche. Einige hatten das Abendessen sogar beendet.

Endlich – Tonio…

Die  Stola war plötzlich überflüssig.

Er genoss die lauernden Aufmerksamkeit der abgestandenen Paare an den Nebentischen.

Ihr war das heute peinlich; auch Tonios verstohlener Blick auf den blonden Busen am Ecktisch.

Aber als er vibrierend vor ihr stand war alles belanglos.

Mit großer Geste bat er charmant um ein Plätzchen für einen ausgezehrten Pilger, umschloss ihre ewig kalten Hände und führte sie aufreizend langsam an seine Lippen.

Carlos eilte beflissen herbei, unter der Nase die Schweißperlen.

Ohne Tonio zu fragen, bestellte Dagmar gut gelaunt den „Alva“ Rioja, Jahrgang 68! Der passte prächtig zum pochierten Seeteufel an Weinschaumsauce mit wildem Reis.

Die Stimmung im Speisesaal frischte auf. Aus allen Richtungen schwappte Gelächter an ihren Tisch und zurück in den Saal. Sie waren beide heiter gestimmt und kamen auf einzelne Szenen des Nachmittags zu sprechen, den Dagmar so unerwartet  intensiv mit Tonio genossen hatte. Jetzt musste er ihr auch von den neuesten Filmen berichten. Er war der Experte. Sie schätzte seine lebhafte Art zu analysieren. Jedes Detail war ihr wichtig…

Die drei blutjungen Engländerinnen an dem Tisch schräg hinter Tonio hörten ungeniert mit und steckten häufig ihre aufreizend frischen Gesichter zusammen.

Tonio drehte ihnen beharrlich den Rücken zu. Seine ausgreifende Gestik reichte aber bis an ihren Tisch. Dagmar meinte scherzend, er solle sich doch zu ihnen setzen. Sie hätte ja ihren Anteil heute Nachmittag schon gehabt. Jetzt sei die Jugend dran! Wenn allerdings die Reife zähle, könne er auch bei ihr bleiben: so viele Jahre wie die drei zusammen brächte sie allemal an den Tisch.

Nachsichtig strich ihr Tonio über die gestrafften Wangen. Dagmar genoss diese gespielte Zärtlichkeit. Sie sagte, der Rioja sei so aufregend wie seine Zunge…

Der Speisesaal leerte sich. Dagmar verspürte keine Lust auf den üblichen Abendspaziergang. Aber Tonio wollte flanieren. Möglichst die ganze Nacht. Den üblichen Abschied hinausschieben.

Ein leichter Westwind hatte die spiegelnde Glätte des Meeres weggezogen: den Mond gleich mit. Die samtene Ruhe war dahin.

Wie an den vergangenen Abenden gingen sie den schlecht beleuchteten Weg über die nahe Steilküste bis in den englischen Teil der Stadt.

Das brünstige Geschrei der Sänger schwappte an ihre Ohren.

Lauernd fragte Dagmar ihren Dottore, ob ihn die drei Engländerinnen angespitzt hätten. Tonio drückte sich scherzhaft an sie und wies lachend auf die weißen Schaumkronen der Wellen. Er bat sie auf den Weg zu achten. Bei jedem Schritt könne man stolpern und in den Abgrund stürzen.

„Dann pass gut auf Dottore, wär’ schade um dich!“

Lustlos streunten sie an etlichen Lokalen vorbei, ohne sich entscheiden zu können. In einem der Gärten entdeckte Tonio die Engländerinnen. Dagmar konzentrierte sich auf den Weg. Tonio versuchte übertrieben besorgt, sie zu stützen. Vielleicht war sie ungerecht, aber plötzlich reizte sie seine Fürsorglichkeit.

Außerdem hatte sie genug von dem Geplärre der Sänger und wollte zurück ins Hotel.

An der Engstelle mit der winkeligen Treppe brach es aus ihr heraus.

Die  vorbeigehenden Passanten waren ihr egal, aber vielleicht gehörte es auch zur Inszenierung? Vielleicht auch der freundliche, grauhaarige Herr?

„Hol’ dir doch die englischen Schenkelchen, Dottore“, zischte sie giftig. „Glaubst du ich hätte deine gierigen Augen nicht bemerkt? Ich mag zwar alt sein, aber verblödet bin ich noch nicht!“

Tonio starrte sie überrascht an und verschwand…

Dagmar war gekränkt – und befreit!

Der aufkommende Wind störte sie nicht mehr. Das Meer wurde auf Knopfdruck aggressiv. Da kam etwas hoch aus den Tiefen. Seltsam leicht schlenderte sie ins Hotel zurück. Das Unterhaltungsprogramm lief noch, freie Plätze gab es auch…

Beim Frühstück, saß sie wieder alleine.

Der Sekt tat ihr gut, schon das zweite Gläschen! Die aufgewühlte Brandung krachte immer noch gegen die schwarzen Lavaklippen. Das feine Vibrato der Stoßwellen sickerte bis in den Speisesaal.

Tonio war nicht mehr aufgetaucht.

Den gebuchten Ausflug in die Barancos machte Dagmar ohne ihn. Selbst die schwierigsten Wegpassagen ging sie mühelos mit.

Am Nachmittag war sein Zimmer im gemeinsamen Apartment bereits geräumt. Auch das Kuvert mit dem vereinbarten Geldbetrag war weg.

Die drei noch verbleibenden Tage verbrachte Dagmar von Platen mit dem freundlichen grauhaarigen Herrn von der Stiege…

Das Wetter hatte noch einmal umgeschlagen: Unentwegt blies jetzt der heiße Calima über die Inseln. Das Meer war gelb. Überall der feine Wüstensand. Höchste Zeit abzureisen!

Statt Carlos trug schon den zweiten Abend ein neuer unbekannter Kellner das Abendessen auf. Vielleicht wollte er sich mit der wichtig vorgetragenen Meldung bei Dagmar von Platen und ihrem diskreten Begleiter einschmeicheln: ein schlimmer Vorfall sei das; an der nahen Steilküste bei der Treppe, die sie sicher kenne, hatte man im Morgengrauen eine vollkommen verstümmelte Männerleiche gefunden. Hungrige Fische hätten ganze Arbeit geleistet. Mit einer raschen Identifizierung des Toten war auf keinen Fall zu rechnen…

Schrecklich, sagte Dagmar lächelnd und biss herzhaft in einen der Pfirsiche, die sie statt Eis geordert hatte. Und dieses Lächeln wuchs sich in ein Gelächter aus, als sie auf ihrem Zimmer nach den Abendnachrichten in dem ausführlichen Bericht über die Filmfestspiele in Cannes ihren Dottore entdeckte, der die steinreiche Gräfin von Osterloh am Arm führte, die mit ihren 76 Jahren immer noch wacker einher schritt.

Dagmar von Platen prostet ihm zu! Trotz seiner Schwäche für die jungen Dinger war der Dottore ein verlässlicher Geschäftspartner.

Carlos leider nicht…

KH

PS: In zwei Wochen am 2.Juni 2011 geht es wieder nur um „Carl und Gerlinde„…

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2 Kommentare zu “Meerestiefen…”

  1. hans-peter kuhn (Donnerstag, der 19. Mai 2011)

    Mir fehlen die Worte, mir verschlägst die Sprache, ich staune Bauklötzer!!!!

    Klaus Hnilicas Prosa klatscht mich gegen die Wand, wirft mich in den Staub.

    Ich kann nur eins sagen, vielen herzlichen Dank lieber Klaus.

    Ich gebe 5 Sterne im Bewusstsein, dass sie ein erbärmliches Almosen für eine grosse Leistung sind.

  2. KH (Montag, der 23. Mai 2011)

    KH: Vielen Dank Hans-Peter! Dein Kommentar freut mich natürlich und ich helfe Dir auch gerne den Staub wieder abzuschütteln…

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