Klaus Hnilica
Donnerstag, der 14. Juli 2011

Messerscharf…

Elsbeth erwachte, sie lag nackt auf der Straße…

Als sie ihr zerschundenes Gesicht endlich vom blutverschmierten Asphalt abheben konnte, stierten ihre leeren Augen auf eine Ameise, die emsig zwischen ausgefransten Hautfetzen eines armähnlichen Stück Fleisches hin und her lief, neugierig ihren Kopf streckte, als nähme sie Witterung auf, um in der nächsten Sekunde hastig die reichlich dargebotene Blutspeise zu prüfen. Irgendwann verschwand sie zwischen zuckenden Fingern, die sie zerquetschten.

Elsbeth drehte ihr Gesicht unter starken Schmerzen noch etwas mehr von der Asphaltdecke weg, hob den Kopf ein winziges Stück höher und erkannte schließlich im Dämmerlicht des Morgens gegenüber das Ende der nassen Asphaltdecke. Und zu beiden Seiten die Fortsetzung einer Straße, die sie vernichtet hatte.

Dann endlich wieder ein Regenschwall.

Zaghaft und unentschlossen fühlte sie neues Leben in sich hoch kriechen, als sie das Klatschen des Regens auf ihrer Haut spürte und jeden dieser Einschläge auf Armen, Beinen, Rücken und Kopf wie eine Liebkosung empfand. Ihr weggeworfener Körper war zurückgekehrt und schien seine Funktion wieder aufgenommen zu haben. Einzelne Teile des malträtierten Fleisches ließen sich sogar wieder bewegen.

Sie hörte, sah, spürte und  schmeckte wieder und konnte wieder weinen.

Instinktiv kroch sie näher an den Straßenrand, rollte sich mit einer letzten Anstrengung auf den Rücken und genoss auf ihren abgeschürften Brüsten und zerkratztem Bauch die reinigende  Frische dieses Regens.

Der wolkenbruchartige Regenschwall schwemmte alles Schmutzige weg, kam aber gegen ihre Scham nicht an. Gegen die Angst auch nicht!

Konnte Hugo zurück kommen? Hatte er ihre Attacke überlebt?

Sie wusste selbst nicht mehr, woher sie die Kraft und Entschlossenheit genommen hatte, als sie ihm plötzlich während der Fahrt sein eigenes Messer, das er grinsend  vor ihr unter die Windschutzscheibe platziert hatte, in die Seite gerammt hatte.

Erschrocken über seinen tierischen Schrei hatte sie sich, völlig von Sinnen, in die Regennacht hinausgestürzt und war nach einem dumpfen Aufprall wie verlorenes Ladegut über den nassen Asphalt geschlittert und endlich irgendwo liegen geblieben.

Aber was war mit  Hugo? War er verletzt ins Meer gerast? Oder hatte er nach der Kurve da vorne angehalten, um wieder zurückzukommen?

Bei diesem Regen sicher nicht! Die Strasse war ein  reißender Bach geworden.

Mit großer Beharrlichkeit hob sich Elsbeth aus dem dahin schießenden Wasser ab, torkelte den Straßenrand entlang und wurde mit jedem Schritt sicherer und zuversichtlicher. Sie schloss die Augen und wollte schreien, tat es aber nicht. Vielleicht war Hugo  trotz seiner Verletzung doch noch in der Nähe? Seine lauernde Gegenwart schien immer da zu sein…

Dann dieses  Auto, das sich von oben langsam durch den Regen quälte. Elsbeth stand nackt im Scheinwerferlicht. Hilflos versuchte sie mit den Händen ihre Blößen zu bedecken. Weglaufen ging nicht. Der Schock lähmte sie. Das Auto zwängte sich vorsichtig  vorbei und hielt knapp hinter ihr an.

Eine Frau stieg aus. Der Regen schien ihr nichts auszumachen.

Sie rief Elsbeth etwas zu, doch die verstand kein Französisch. Aber „Broken English“ ging!

Elsbeth stakste zögernd ihrer vermeintlichen Retterin entgegen. Kannte sie diese Frau? Die Frau, mittleren Alters, musterte sie kurz, holte eine Decke aus dem Kofferraum, wickelte diese sorgfältig um Elsbeth und bat sie in ihr Auto zu steigen. Das war  beschwerlich, aber die Frau half  mit großer Umsicht.

Gott sei Dank war sie alleine. Sie fragte nichts. Sie half. Vorsichtig schnallte sie das eingepackte Bündel Mensch an und fuhr langsam die Küstenstrasse nach unten.

Die Straße war kurvig. Elsbeth konnte sich nur mit größter Anstrengung aufrecht halten. Bei  jeder Kurve hoffte sie auf ein durchbrochenes Geländer, wo Hugo in den Abgrund gerast war.

Aber da war nichts.

Die Frau am Steuer fuhr konzentriert und redete leise vor sich hin.

Einmal sagte Elsbeth „Hospital“? Die Frau nickte.

Der Weg nahm kein Ende.

Die Wärme in der Decke tat gut. Elsbeth fürchtete  einfach wegzugleiten  und einzuschlafen. Trotz des Regens wirkte jetzt alles friedlich. Auch das Meer weit draußen. Das passte nicht zusammen: wo war die Hölle geblieben?

Eine Ortschaft  tauchte auf.

„In a few minutes we’ll reach the hospital“, sagte die Frau lächelnd und fügte noch hinzu, dass sie Celine F. heiße.

Dank Celine gestaltete sich die Aufnahme in dem Krankenhaus unproblematisch! Elsbeth hatte plötzlich sogar das Gefühl, dass sie hier schon einmal war und wurde unruhig. Aber irgendwann lag sie in einem Bett und dämmerte weg…

Schreiend fuhr sie hoch. Eine junge Krankenschwester versuchte sie zu beruhigen. Sie sprach gut Deutsch und war wohl schon die ganze Zeit bei ihr gesessen.

Sie sagte, man habe sie gebeten Bescheid zu sagen, wenn Elsbeth aufwachte, dann würde der zuständige Arzt sie untersuchen und sie, Geraldine, würde dolmetschen. Aber Dr. Hugo L. spreche auch gut deutsch, da er viele Jahre in Berlin an der Charité gearbeitet  habe.

Elsbeth erstarrte.

Geraldine merkte die Veränderung und fragte, ob ihr nicht gut sei.

Statt zu antworten zog Elsbeth wie besessen an ihrer Bettdecke und versuchte  sich  am Bügel ihres Krankenbettes hochzuziehen.

Sie würgte und  sagte sie möchte zur Polizei, eine Aussage machen.

„Das sei ohnehin vorgesehen“, sagte Geraldine aber erst müsste ihr Gesundheitszustand überprüft werden

„Nein, nein“, kreischte Elsbeth hysterisch, „erst die Polizei, bitte Geraldine, ich flehe sie an, erst die Polizei…“

„Keine Polizei“, sagte eine energische Männerstimme, als die Tür des Krankenzimmers aufging.

Es war Hugo – Dr. Hugo L.

Dahinter Celine F. mit zwei Krankenpflegerinnen .

Elsbeth geriet in Panik.

Sie saß wieder in der Falle.

Hilflos und verzweifelt zerrte sie an ihrem Nachthemd. Sie stöhnte, rang nach Luft und stürzte sich plötzlich mit einem gurgelnden Schrei aus dem Bett. Aber Dr. Hugo L. war schneller. Geschickt fing er sie auf und legte sie trotz heftiger Gegenwehr mithilfe der beiden Krankenpflegerinnen sehr fürsorglich zurück ins Bett.

Dabei war ihm das Messer aus seinem Arztkittel gefallen.

Ein Trickmesser für Zauberer! Beim  Zustechen schob sich die Klinge in den Griff.

Dr. Hugo L. zeigte auch dieses Mal Elsbeth den Mechanismus, als er das Messer in seine Kitteltasche zurück steckte. Vor einem halben Jahr hatte sie ihn auch damit erstochen. Davor geschah das monatlich. Das Messer war Teil der Therapie, es half ihre Attacken zu kanalisieren.

Elsbeth wusste, dass er log. Im Auto war das ein anderes Messer gewesen.

Und als er sie in ihrem Versteck aufgespürt hatte und sie verzweifelt einsehen hatte müssen, dass auch dieses Mal ihr Ausbruchsversuch aus der Klinik fehl geschlagen war, hatte er auch das andere Messer dabei gehabt. Und sie bedroht. Sie hatte sich nackt ausziehen müssen. So kannst du mir nicht davonlaufen, du kleines Miststück, hatte er gesagt und sie energisch wie ein Stück Vieh in sein Auto geschoben.

Elsbeth beruhigte sich endlich! Vielleicht wirkten die Medikamente, die ihr gespritzt worden waren.

Sie starrte auf Celine und fixierte Hugo.

Ihre hässlich angeschwollenen Gesichtsreste versuchten ein schiefes Lächeln, so als ahnte sie –messerscharf – dass auch er längst in ihrer Hölle angekommen war…

KH

Zum Bild: Bettina P. McKinney „Elsbeth“, B 90 cm, H3 x 30 cm, Acryl-Collage auf Leinwand

PS: Und in zwei Wochen am 28.7.11 radeln wir mit „Carl und Gerlinde die Donau entlang!

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