Klaus Hnilica
Montag, der 24. Juni 2019

Mit Tina Turner zu einer demokratischen Alltagsphilosophie

Sowohl Tina Turner als auch den amerikanischen Neo-Pragmatiker Richard Rorty und sein 1989 herausgebrachtes Werk „Kontingenz, Ironie, Solidarität“

/1 /, finde ich höchst erfrischend: nicht nur bei ihr – siehe weiter unten – sondern auch bei ihm geht es wirklich um die Dinge und Erkenntnisse des alltäglichen Lebens und nicht jedes Mal um die letzte Wahrheit nach der wir in Deutschland so gerne lechzen.

Entscheidend ist für Richard Rorty die Erkenntnis, dass Wahrheit nicht gefunden sondern gemacht wird!

Ein Gedanke übrigens, der vor etwa 200 Jahren in Europa aufkam, aber besonders im pragmatischen Denken der Amerikaner Fuß fassen konnte und sich nicht zuletzt aktuell – in einer zunehmend digitalisierten Welt mit all ihren „Fake News“, rasend schnell ausbreitet – ja vermutlich kaum mehr unter Kontrolle zu bringen ist.

Aber für Richard Rorty ist die Einsicht, Wahrheit sei gemacht, ein Befreiungsschlag!“

Er sieht nämlich mit einem Male die Möglichkeit dem jeweiligen historischen Stand des öffentlichen Bewusstseins einen Wahrheitswert zuzuschreiben – beziehungsweise wenigstens eine Indizwirkung!

Aus seiner Sicht trat nämlich im Laufe der Geschichte der Philosophie und der Demokratie an die Stelle der metaphysischen Konstrukte, die die Wahrheit in den Dingen sieht, plötzlich die Möglichkeit sich selbst und die Gesellschaft zum Positiven zu verändern.

Klar, dass dann nicht mehr die Figur des aufgeklärten, vernünftigen Bürgers das Ideal darstellt, sondern vielmehr die spielerische und ernsthafte Figur der „Ironikerin“, die Rorty die „liberale Ironikerin“ tauft und die die Kontingenz („Kontingent ist etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist sein kann, aber auch anders möglich ist.“. Siehe Niklas Luhmann) als Notwendigkeit erkennt, da sie von der Einsicht durchdrungen ist, dass sowohl ihre Überzeugungen, als ihr alltägliches Vokabular sowie die Gesellschaft in der sie lebt, auch anders sein könnte.

Und sie empfindet das nicht als Mangel!

Im Gegenteil, sie nutzt die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten und spricht mit fremdem Vokabular, um neue Erzählungen über sich und die Welt auszuprobieren und die Welt neu kennen zu lernen.

Die Ironikerin lässt alles in Schwebe, sehnt sich nicht nach Widerspruchsfreiheit sondern offener Synthese.

Die Ironikerin weiß was das Leben ausmacht und Kontingenzen politisch ermöglichen: nämlich

der Staat garantiert seinen Bürgern Freiheit und die Gesellschaft übt Solidarität mit den Verletzten und Eingeschränkten unter ihren Mitgliedern“!

Dieses Wissen macht die Ironikerin zu einer Liberalen!

Der Liberalismus gepaart mit ironischer Welteinstellung ergibt somit eine geeignete Haltung, um den heutigen Sehnsüchten nach festen Identitäten demokratisch zu begegnen.

Doch trotz dieser Ergänzung von Ironie und Solidarität muss bei einer radikal – demokratischen Perspektive erkannt werden, dass zwar die Ironikerin die Kontingenzen des Lebens bejaht, dass aber Solidarität die Fähigkeit erfordert nationale und religiöse Unterschiede bei Menschen als vernachlässigbar zu sehen, im Vergleich zur Ähnlichkeit von Schmerz und Demütigung.

Von der Vernunftsethik der Aufklärung unterscheidet sich Rortys solidarischer Ansatz durch den Verzicht auf allgemeine Prinzipien.

Er empfiehlt eine Wende zur Erzählung, damit Literatur und Öffentlichkeit die Möglichkeit bekommen zu mehr Sensibilität gegenüber menschlichem Leid beizutragen – und Solidarität hervorzubringen.

Allerdings muss in diesem Zusammenhang schon gefragt werden,

was als Schmerz zu bewerten ist und ob diese Bewertung nicht selbst kontingent ist und von den jeweiligen sozialen Vorstellungen abhängt?

Und ob solidarische Praktiken nicht erst in ihrem Vollzug schrittweise Vorstellungen liefern, was als überwindbares Leid gilt?

Denn was bei einem europäischen Diskurs im Jahr 2019 als Schmerz bezeichnet wird, ist mit Sicherheit nicht ohne weiteres verallgemeinerbar.

Angesichts dessen stellt sich schon die grundsätzliche Frage, ob Rortys Denken eher ein Beitrag zur Lösung oder als Symptom der politischen Lage zu betrachten ist?

Oder ist Rortys Ansatz nicht eher eine Abrüstung der Philosophie – ganz im Sinne von Tina Turners Popsong „We Don‘t Need Another Hero“ aus dem Jahr 1985 – was heißt, dass wir keine Gegenhelden mehr brauchen an Stelle der alten Metaphysik, sondern einen pragmatischen Bezug zur Lösung der alltäglichen Probleme einer Gesellschaft?

Was wiederum impliziert, dass der typische Charakter der Menschen in liberalen Demokratien tatsächlich langweilig, berechnend, kleinlich und unheroisch ist.

Nach Rorty ist das eben der Preis der politischen Freiheit!

Und anders als Max Weber fällt Rorty darüber in keinen Kulturpessimismus, sondern sagt auf saloppe amerikanische weise „Was soll‘s?“ und empfiehlt Erhabenheit und Heldentum als Vokabeln nur mehr im Privatbereich zu verwenden aber nicht in der Öffentlichkeit, denn:solche Sehnsüchte fügen dem liberalen Gemeinwesen Schaden zu !

Überhaupt scheint scheint Rortys Frage nach dem Vokabular, dass in der Öffentlichkeit gesprochen werden sollte anregend zu sein in der Gegenwart.

Denn Rortys Anliegen religiöse Sprechweisen und andere Identitätsargumente im öffentlichen Diskurs wegzulassen, weil sie als ‚Conversations Stopper‘ dienten, brachte ihm erbitterte Gegner auf der linken und rechten Seite des Spektrums ein – und auch bei den Religionsgemeinschaften!

Denn wer diese Gruppen ausschließt läuft in Gefahr seinen solidarischen und liberalen Anspruch zu verlieren.

Andererseits muss man sich natürlich auch fragen, worin denn das Gemeinsame in einer Gesellschaft besteht, die sich weltanschaulich polarisiert?

Und wie findet sie eine gemeinsame Sprache die unbedingt erforderlich scheint für den Zusammenhalt?

Der Verzicht auf Letztbegründungsfiguren scheint aus heutiger Sicht weniger als eine philosophische Wende, denn als politisches Problem verstanden zu werden.

Am Ende könnte dies ganz im Sinne einer Philosophie sein, die den „Vorrang einer Demokratie vor der Philosophie“ behauptet, ihr Vokabular nicht stur zu übernehmen, sondern ihr Vokabular kreativ auf die politische Gegenwart anzuwenden – und wenn nötig auch zu korrigieren!

K H

PS: /1 / Oliver Weber in der FAZ über ein Seminar zu Richard Rortys „Kontingenz,Ironie,Solidarität“

4 Kommentare zu “Mit Tina Turner zu einer demokratischen Alltagsphilosophie”

  1. Chris Wood (Montag, der 1. Juli 2019)

    I was happy to see a bit of philosophy in the blog, as I have made a bit of a hobby of this since I retired. But this was dispelled when I read it. The German language seems to provide special scope for writing nonsense.
    „Die Ironikerin weiß was das Leben ausmacht und Kontingenzen politisch ermöglichen: nämlich
    der Staat garantiert seinen Bürgern Freiheit und die Gesellschaft übt Solidarität mit den Verletzten und Eingeschränkten unter ihren Mitgliedern
    Dieses Wissen macht die Ironikerin zu einer Liberalen“!
    How can something be „Wissen“ when it is generally false?
    Is every „Ironikerin“ or „Liberal“ crazy or stupid?
    China is trying to provide comfort at the cost of freedom.
    N. Korea is similar but more extreme. The „Gesellschaft“ is even more variable in what it does, than the family, (but can hardly be said to do anything. What does it do for me?
    Too many people regard themselves as philosophers, but are locked in the present or recent past. They tend to ignore evolution. Read Harari!

  2. Chris Wood (Montag, der 1. Juli 2019)

    P.S. I would give zero stars for this posting, but I remember that that does not work.

  3. KH (Montag, der 1. Juli 2019)

    Zugegeben Chris, dieser Beitrag ist nicht ganz einfach zu verstehen, und es könnte ausserdem sein, dass Dir der Begriff ‚Kontingenz‘ nicht geläufig ist, dann ist die Ironikerin schon gar nicht zu verstehen.

  4. Chris (Dienstag, der 2. Juli 2019)

    No, contingency is not the problem. Probability theory was part of my maths studies. The problem is the (German?) tendency, in such articles, not to write exactly what is meant. The word “Wissen” is here used to mean something like “Glauben”. A page or two of such sloppiness is enough to confuse almost anyone.
    Another aspect is the tendency to write in a national context, without saying so. One notices this much more, when living in a foreign country. But perhaps this is stronger in Germany, rather than in my country, where one needs to remember that UK is not England, and the Empire was again different. What this article says about “Staat” and “Gesellschaft” probably refers to here and now. But where did it say so? It would fit Germany better than China, but still could be hotly disputed.

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