Klaus Hnilica
Donnerstag, der 19. März 2015

Morgengrauen oder das Grauen vor morgen

Carl und Gerlinde (XLII)

Oh Gott der Wecker – 6 Uhr 15!

Höllisch! Teuflisch! Unmenschlich! Alles Begriffe die sich nur quälend langsam durch Carls warmlaufende Gehirnwindungen zwängten, während der Horrorwecker sein nagendes Gewinsel gnadenlos fortsetzte…

ZZZXMimg175Kein Wunder, dachte Carl, dass wir von diesem ‚morgendlichen Grauen’ nicht wegkommen, wenn wir uns jeden Tag aufs Neue so grauenhaft früh aus dem seligen Zustand des Schlaffriedens in das dröhnende Tageschaos schleudern lassen.

Selbst wenn wir uns angesichts dieses Grauens ab und an wieder unter unsere Kuscheldecken ducken, um uns aller Verantwortung zu entziehen, der morgendliche Alptraum der tagtäglich abrupt abgebrochenen Nachtruhe hinterlässt trotzdem seine Spuren in uns.

Und dazu noch diese höllische Finsternis draußen, murmelte Carl. Und diese Kälte, wie im ‚katholischen Himmel’, dem aber Gerlindes frostiges Schlafgemach in Nichts nachstand, da die Raumtemperatur nie über sechzehneinhalb Grad steigen durfte! Sie könnte sonst nicht durchschlafen, versicherte sie gebetsmühlenartig. Und Carl hatte es längst aufgegeben, dagegen zu argumentieren, da für ihn feststand, dass Gerlinde in ihrem früheren Leben mindestens ein Schneehuhn oder ein Pinguin gewesen sein musste: anders war dieser nächtliche Kältewahn nicht zu erklären! Jedenfalls nicht für ihn, den Unterwäschevertriebsmann und passionierten Thermowäscheträger!

Kein Wunder also, dass er unter Gerlindes polarem Schlafdiktat permanent mit roter Triefnase aufwachte, wenn er nächtens mit seinen Ohrenschützern ums Überleben kämpfte, da diese Dinger im Schlaf wieder nach unten gewandert waren, sich um seinen Hals gelegt hatten und ihn zu strangulieren drohten. Was nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen war, dass er sich im Schlaf konstant um die eigene Achse drehte, wie die rotierende Erde, die in der tödlichen Kälte des Kosmos nach der Leben spendenden Wärme der Sonne gierte.

Leider fand Carl in dem von Gerlinde beherrschten Schlafgemach keine Wärmequelle: denn links von ihm dämmerte bloß ein Energiesparlämpchen, das er nie vom Bett aus an- oder abzustellen wagte, da er keine Lust auf vor Unterkühlung absterbende Arme verspürte und rechts von ihm gab es bloß eine warme Vermutung! Nämlich die mollige warme Gerlinde, die er allerdings in jüngster Zeit nächtens weder zu Gesicht bekommen noch gespürt hatte, da sie gleich einer Füchsin im Bau komplett unter ihrer Bettdecke versteckt blieb und nur zur Frühstückszeit stöhnend hervorschnellte, um blitzschnell in der warmen Küche zu verschwinden.

Noch schlimmer waren aber die übergriffigen Gedankenblasen aus dem zu erwartenden Arbeitsalltag in dieser Aufwachphase, die sich stets bedrohlich in ihm aufblähten, obwohl er wohlweislich seine Augen selbst nach dem ‚Weckschock’ noch krampfhaft geschlossen hielt: dennoch trommelten bereits tausend Fragen zu Geschäftsergebnissen auf ihn ein – und zu dem windigen Dr. Osterkorn bei der anstehenden Wochenbesprechung – und zur Ukraine und dem Krieg dort – und zum ‚Islamischen Staat’ und seinen aktuellen Köpfabsichten – und zu Griechenland und Europa samt eventueller Auftragseinbußen dort – und zu seiner Sekretärin Bettina und ihrer Grippe – und zu seinem Vorhofflimmern vorgestern und so weiter und so weiter…

Gott – warum musste er nur all diesen Mist bereits an sich heranlassen, bevor er noch die Augen auftat?

Warum konnte er nicht einfach unter seiner warmen Bettdecke ohne peinigende Gedankenkaskaden genüsslich vor sich hindösen, bis Gerlinde ihn am späten Vormittag mit vorgewärmtem Morgenmantel und einem Gläschen Sekt aus dem Bettchen lockte und zum frisch gedeckten Frühstückstisch geleitete?

Ja – warum ging das nicht so?

Sondern nur mit diesem alptraumartigen ‚Weckschock’ im Morgengrauen – der mit Sicherheit bei Millionen tüchtigen männlichen und weiblichen Arbeitstieren posttraumatische Störungen hinterließ und ins Verderben führte!

Warum musste das sein?
Warum?

Wo doch erst unlängst der französische Visionär Michel Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ diesen äußerst viel versprechenden Plan B – in Form einer Islamisierung der westlichen Gesellschaft – aufgezeigt hatte, dachte Carl und stellte endlich mit einem präzisen Karateschlag den blöden Radiowecker ein für alle Mal ab, um doch noch einige Minuten unter der warmen Bettdecke die aufgezeigten Vorteile einer Konversion zum Islam überdenken zu können…

Allerdings mussten ihm noch eine erkleckliche Anzahl konversionsbereiter Landsleute folgen, wenn das Ganze Sinn machen und sich das Patriarchat wieder zur vollen Blüte entfalten sollte: die Familie stünde endlich wieder im Mittelpunkt; ausschließlich der Mann brächte das Geld nach Hause und zwei oder drei nicht berufstätige Ehefrauen kümmerten sich sowohl um den tüchtigen Familienversorger, als auch um das halbe Dutzend Kinder, die er mit ihnen gezeugt hätte.

Arbeit gäbe es genug in dieser konvertierten Gesellschaft, da die Frauen ein viel geringeres Bildungsbudget abgriffen, daheim blieben, keine Arbeitplätze wegnähmen, und dank Saudi-Arabischer Geldgeber die berufstätigen Männer auch mit auskömmlichen Gehältern versorgt würden, so dass sie nach Arbeitsschluss mit aller Muße ihre ausgeruhten Ehefrauen verwöhnen und genießen konnten. Und nicht befürchten mussten, am nächsten Tag im Morgengrauen schon wieder von westlich-dekadenten Radioweckern aus ihren kuscheligen Schlafstätten gedrängt zu werden.

„Klaro“, murmelte Carl und beschloss spontan nicht aufzustehen, sondern Urlaub zu nehmen und weiter zu schlummern, um so wenigstens einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das in Kürze über ihn – sein Land – und die EU – hereinbrechende neue islamische Patriarchat zu bekommen…

Allerdings war ihm noch nicht ganz klar, ob seine Gerlinde das Wohl der Frau in dieser transformierten Gesellschaft so ohne weiteres voll mitbekäme, oder ob er ihr da nicht doch noch mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen unter ihre ach so herrlich anzufassenden Ärmchen greifen musste. Und die Schleierfrage war auch ungelöst! Hoffentlich bestand sie nicht darauf, dass er auch mit einer Gesichtsmaske herumrennen musste – ähnlich wie Batman!

Bei Allah – und wenn sie dann möglicherweise aus falsch verstandenem Gleichberechtigungswahn für sich auch noch drei Männer beanspruchte, dann war die paradiesische Patriarchatsvision schneller dahin als er gucken konnte! Mensch – wie sollte denn all dieses ‚köpernah agierende Personal’ in seinem bescheidenen Häuschen Platz finden? Die traten sich doch gegenseitig mindestens auf die Zehen, wenn nicht sonst wo hin?

Schlimm war das mit diesen aufmüpfigen Frauen! Wirklich schlimm! Die konnten einem das Paradies richtig vergällen. Der Prophet hatte bestimmt auch seine liebe Not mit denen…

KH

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