Klaus Hnilica
Freitag, der 8. September 2017

Nackter Schneckenterror

Carl und Gerlinde (Folge 53)

Irgendwie konnte Carl, diese jäh aufflackernde Mordlust in den Augen seines Nachbars Konrad gut nachvollziehen, wenn das Wort ‚Nacktschnecke’ fiel!

Schließlich hatte dieser friedfertige Solaranlagenbetreiber einen stattlichen Garten – mit einer Unmenge Gemüse und prächtigen Blumenrabatten. Ähnlich wie er selbst! Und er, Konrad, wollte sich und seine Familie auch nicht durch übermäßige Schneckenkorn Anwendung mit ‚Metaldehyd’ vergiften?

Was also tun? Wenn jeden Sommer bei Einbruch der Dunkelheit diese ekelhaften, fingerdicken, braunen ‚Schleim-Schleicher’ wie mordende Guerillabanden sich von allen Seiten des Gartens lautlos über wehrlose Zucchinipflänzchen und frisch gepflanzten Tagetes hermachten, und sich erst am frühen Morgen, wenn alles gnadenlos abgefressen war, wieder hinterhältig in ihre Efeu umrankten Verstecke zurückzogen?

Kein Wunder, dass da nicht nur Konrad sondern auch viele andere Gartenbesitzer mit Kopflampen, Gartenscheren oder messerscharfen Spaten, wie südamerikanische Mordbrigaden durch ihre Gärten streiften und ihr tödliches Handwerk verrichteten – und zwar genau so lautlos und unerbittlich wie diese schleimigen ‚Schneckenmonster’!

Ja – Carl musste zugeben, dass er sich auch liebend gern an derartigen Rachefeldzügen gegen diese ‚Nacktschneckenpest’ beteiligt hätte. Und dass er mit Taschenlampe und Gartenschere auch schon mal heimlich unterwegs war, wenn Gerlinde sich abends außer Haus herumtrieb. Aber deswegen ‚Dauerkrach’ mit Gerlinde provozieren – das wollte er unter gar keinen Umständen!

Schließlich war sein Gerlindchen leidenschaftliche Tierschützerin, die keinem Tier etwas zu leide tun konnte und sich deswegen meistens auch vegetarisch ernährte! Außer ein überfallsartiger Heißhunger zwang sie spontan, einen Berg Schweineschnitzelchen zu braten, oder eine Lammkeule zu schmoren. Oder noch schlimmer, eine hinterhältige Schnake oder Bremse erdreistete sich, nicht in Carls Unterarm zu stechen, sondern ihren lilienweißen Nacken zu attackieren: da konnte sie schon mal todbringend zuschlagen!

Gott – was  war das nur für ein Theater gewesen, als er vor zwei Jahren mit Bierfallen dem Nacktschneckenterror beizukommen versuchte und  dazu mehrere mit Bier gefüllte Marmeladegläser im Garten  schneckenstrategisch versenkt hatte! Und diese Gläser morgens – wie es sein sollte – rammelvoll mit ertrunkenen Nacktschnecken waren. An sich kein unschöner Tod – sollte man meinen – so im ‚Krombacher’ zu ertrinken. Aber sein sensibles Gerlindchen war da anderer Meinung!

Sie bekam fast einen Schreianfall, als er ihr unvorsichtiger Weise eines der gut gefüllten Gläser mit den ‚ausgeschleimten’ Nacktschnecken zeigte, bevor er sie in die Kanalisation entsorgte.

Zugegeben –  richtig appetitlich sah das nicht aus!

Aber besonders gelitten hatten diese armen Schneckchen mit ihren winzigen Gehirnen auch nicht, nach allem was er darüber gelesen hatte.

Da Gerlinde aber selbst in mehrstündigen Gesprächen davon nicht zu überzeugen war, wurde ihm schnell klar, dass er vielleicht den Kampf gegen die ‚Nacktschnecke’ auf diesem Weg gewinnen konnte, aber seine ‚nackte Gerlinde’ dabei sicher verlor! Das war die Sache natürlich nicht Wert, da sollten diese goldigen Schneckchen doch lieber ungehemmt den ganzen Garten auffressen – wenn sie und Gerlinde das denn so wollten!

Völlig unerwartet kam die Lösung des Problems dann ausgerechnet von Gerlindes Freundin Hannelore! Denn Hannelores tierlieber Kurt hatte  nämlich folgendes Vorgehen gegen die böse Nacktschnecke entwickelt: morgens streifte er mit Teilen der FAZ vom Vortag durch das taufrische Gras seines Gärtchens und sammelte mit den riesigen Doppelblättern der Zeitung immer zwei oder drei gut gesättigte Nacktschnecken auf ihrem schleimigen Nachhauseweg ein, packte noch das eine oder andere Blatt einer angenagten Funkie dazu und formte anschließend handliche, mehrschichtig verpackte Päckchen,  umspannt von Gummiringen.

Diese drei bis vier täglichen Päckchen im Sommer mit den noch lebenden Nacktschnecken verschwanden anschließend lautlos in der Biotonne –  und außer den Schnecken waren alle glücklich!

Natürlich durfte die Papierschicht dieser ‚Schneckenpost’ nicht zu dünn sein, sonst war in ‚Null Komma nix’ alles durchgeschleimt und die niedlichen Nacktschneckchen saßen anderen Tags morgens schon wieder munter auf der Unterseite des Biotonnendeckels und das Verpackungsprozedere konnte von Neuem beginnen, und zwar so lange bis die Tonnen montags entleert wurden.

Tja – und genau das war die Schwäche dieses von Carls Tierfreunden  konzipierten ‚Nacktschneckeneliminierungsprogramms’!

Carl entdeckte nämlich plötzlich bei sich eine bisher unbekannte Sentimentalität, als die eine oder andere ‚schleimige Pflanzenfresserin’  trotz sorgfältigster Verpackung auch bei ihm wieder morgens am Rand oder unter dem Deckel der Biotonne saß und gottergeben vor sich hindöste!

Komisch? – plötzlich taten ihm die schleimigen Monsterchen, die noch gestern seine Zucchini angenagt hatten, auf einmal leid und er merkte verschämt, dass er nicht mehr die Kraft besaß, diese Biester wieder in die Tonne zurück zu schicken, nachdem sie sich so tapfer aus ihren ‚FAZ – Verließen’ befreit hatten, sondern musste ihnen –  fast zwanghaft die Freiheit schenken…

Gerlinde und Hannelore zerdrückten sogar ein paar Tränchen, als er ihnen unlängst diese Schwäche bei einem Glas Bier beichtete – soviel Sensibilität hatten sie diesem gelegentlich doch recht groben Carl nie und nimmer zugetraut. Rührend war das – wirklich rührend…

Nach der dritten Flasche Bier fand Carl das genau so rührend, wie seine beiden Verehrerinnen, hielt es aber für klüger, lieber nicht zu erwähnen, dass er diesen ‚Wenigen die durchkamen’ schon die Freiheit schenkte –  aber natürlich die viel, viel verlockendere Freiheit im Nachbargarten – und nicht in seinem!

Und da ja Nacktschnecken von Natur aus verschwiegen sind, bestand auch keinerlei Gefahr, dass dieses kleine Geheimnis zwischen ihm und den Nacktschneckchen jemals ans Tageslicht drang…

KH

 

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