Klaus Hnilica
Freitag, der 3. Juli 2015

Nur Verzeihen befreit

Natürlich saldiert in uns der ‚moralische Buchhalter’ das Böse und Gute!

Klaus Grün hat ihn unlängst im ‚IF-Blog’ sehr anschaulich aus der Anonymität geholt und uns nahe gebracht! Und sicher stimmt jeder zu, dass es ihn gibt.

img198 Denn wir alle leiden seit den frühesten Kindheitstagen an ihm: können keine Kränkung, keine Verletzung und Demütigung (siehe Foto) vergessen, die er unablässig in unseren Gehirnen als Schuld unter ‚Soll’ verbucht.

Auf der ‚Haben’–Seite suchen wir bei dieser Art doppelter Buchführung den Ausgleich: wir notieren da – bewusst oder unbewusst – akribisch auch die angenehmen Dinge, die uns widerfahren: Anerkennung von anderen, spontane Freundlichkeiten uns gegenüber und auch die Freude, wenn wir helfen konnten, etc…

Aber wir registrieren auf der ‚Haben’–Seite auch das ‚klammheimliche Vergnügen’, wenn wir uns erfolgreich rächen konnten für die eine oder andere Schändlichkeit, der wir ausgesetzt waren. Wenn wir außerdem unsere Objekte der Rache noch leiden sehen, steigert das zusätzlich unser Vergnügen…

Spätestens hier, aber eigentlich schon früher, wenn wir unseren Racheplan aushecken, beginnt das persönliche Verhängnis: plötzlich beschäftigen wir uns nämlich in fataler Weise ausgerechnet mit der Person, die uns seelisch oder körperlich (siehe Foto) verletzt hat und die wir hassen und verabscheuen!

Der Gedanke nach Vergeltung quält uns über Tage und Nächte, eskaliert in uns und lässt keinen Raum mehr, uns mit den Menschen zu befassen, die wir lieben und die unsere Zuneigung verdienen!

Das heißt, ausgerechnet jenes Subjekt, das uns verletzt hat, bekommt durch unseren ‚Drang nach Vergeltung’ zusätzliche Macht über uns und bestimmt unser Handeln in einer Weise, die wir nie und nimmer gewollt hätten.

Genau das aber vermeiden wir, wenn wir verzeihen können!

Denn – wir lösen uns dann nicht nur von der verletzenden Kränkung, sondern auch von dem Menschen, der sie uns zugefügt hat.

Ich sage nicht, dass das leicht ist!

Aber wenn wir diesen Mechanismus durchschauen, können wir ihn üben und finden immer schneller nach jeder Kränkung unsere innere Ruhe und Gelassenheit wieder.

Nebenbei nähern wir uns Schritt für Schritt dem Ziel, ein ‚autonomer Mensch’ zu werden, der sein Handeln möglichst selbst bestimmt!

Wobei wir aber nie vergessen sollten, dass diese Autonomie beschränkt bleibt und letztlich nur von Fall zu Fall geborgt ist, denn das ‚Tier’ in uns ist mächtig und nur schwer zu zähmen…

KH

PS:

Foto Waldtraud Schmalenberg, der Autor als ‚Konrad Flesser‘ in der szenischen Performance ‚Das Schandmahl‘

5 Kommentare zu “Nur Verzeihen befreit”

  1. Martina (Samstag, der 4. Juli 2015)

    Oh ha…
    dann bin ich es jetzt – das Objekt der Rache.
    Die Zielscheibe der Aggressionen.
    Wenn ich mir das Bild recht betrachte…
    schließlich habe ich den blutigen Pinsel geführt, bei dieser schändlichen Vorbereitung auf die Rolle des bösen, einst so mächtigen Konrad Flesser, der unerwartet als Geschundener zum „Schandmahl“ hinzukommt und mir die Freude gehörig vermasselt.
    Wer weiss was sich der Autor für Rachepläne ausdenken wird.
    Oder aber er hat sich selbstbekehrt und ist zum autonomen Menschen herangereift . Aber das ist nicht einfach sagt er, der Autor. Drum hege ich kaum Hoffnung und rechne mit dem Allerschlimmsten!
    Er wird sicher wieder das Tier aus sich heraus lassen.
    vielleicht…

  2. six (Samstag, der 4. Juli 2015)

    Ist dieses Verzeihen ein strategisches Verzeihen oder ein tatsächliches? Oder andersrum: Kann man sich Verzeihen (auch in späten Jahren) antrainieren, ist es familiär aufwuchs-technisch entstanden oder kommt man gar mit einer verzeihenden Grundhaltung auf die Welt?

  3. Klaus Hnilica (Sonntag, der 5. Juli 2015)

    Ja – liebe Martina, auch wenn Du es witzig meinst, aber im Rahmen unserer Performance „Das Schandmahl“, wäre es für das Ekelpaket Konrad Flesser sicher gesünder gewesen, wenn er rechtzeitig auf den Modus ‚Verzeihen‘ umschalten hätte können…

  4. Klaus Hnilica (Sonntag, der 5. Juli 2015)

    Eigentlich ist es unerheblich, ob ’strategisch‘ verziehen wird oder ‚von Herzen‘. Wichtig ist nur, dass der Verhaltensmechanismus erkannt und die verhängnisvolle ‚Rachekettenreaktion‘ nicht in Gang gesetzt wird. Und ich meine, dass dieses Verhaltensmuster ‚des Verzeihen können‘ auch in uns angelegt ist, sonst hätten es die christlichen Religionen nicht so erfolgreich aufgreifen können. Dies im Gegensatz zu den alten ‚clanstrukturierten‘
    Gesellschaftsformen, die diese Neigung gezielt unterdrücken.

  5. Erland Wippermann (Donnerstag, der 9. Juli 2015)

    Verzeihen?!

    Wenn six fragt, ob das strategisch oder tatsächlich gemeint ist, dann ist das die Kernfrage.

    Wenn ich als Opfer mit dem Täter ansonsten nichts zu tun habe, so ist das eine andere Situation, als wenn ich mit ihm/ihr in irgendeiner Art von Kooperationsbeziehung stehe oder stehen muss (Familie, Gruppe, Verein, Firma …). Jede Kooperation lebt von Reziprozität: Hängt die Waage schief, wird dieser Zustand des Ungleichgewichts als Störung betrachtet, das System strebt den Ausgleich an. Dafür braucht es die „Buchhaltung“. Für die Vorteile, die ich aus der Systemmitgliedschaft einstreiche, muss ich den Preis bezahlen, dass diese Buchhaltung aktiv ist.

    Joshua Green nennt Beispiele: Fehlverhalten hat Konsequenzen, Strafe, das eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzip wird verletzt, Verlust der Ehre, Forderung nach gezeigtem Schämen, Tratsch … Insofern ist auch das Verzeihen etwas Strategisches: Ich erzeuge beim Täter eine Sollposition, die er/sie irgendwann ausgleichen muss und wird, auch auf Druck der Community.

    Wenn sich die Kooperationsforderung nicht stellt, dann gebe ich meinen Anspruch auf Ausgleich des Sollsaldos – man nennt das wohl Sühne – ab an die Justiz. Das muss mich nicht über die Maßen beschäftigen oder Macht über mein Tun gewinnen, wie KH meint, oder mich vom Wichtigeren abhalten.

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