Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Juli 2012

Ochsenblut und Hexenzauber

Martin und Gernot gehörten zusammen wie die Sonne und der helle Tag – wo der eine war, war auch der andere!

Sobald einer der Buben morgens seine Augen aufrubbelte, sprang er von seinem platt gedrückten, nach Urin stinkenden Strohballen in der grob gezimmerten Bettstelle und rannte noch in Schlaflumpen über die Straße zum anderen. Oft stießen sie auch an den Pfützen der Hauptstraße, die sich zwischen den beiden Gehöften durchzwängte zusammen und knobelten aus, bei wem sie weiterschliefen.

Seit Menschengedenken wurden in den beiden gegenüberliegenden Gutshöfen Ochsen gezüchtet. Martins und Gernots Eltern hatten die Höfe vor etlichen Jahren in Rodenbach übernommen und da sie ähnlich aneinander klebten wie ihre Söhne, sorgte das im Dorf  immer wieder für  böses Getratsche:

„Wahrscheinlich“, tuschelten die Leute, „wissen diese drecks Ochsenzüchter vor lauter sodomitischer Geilheit gar nicht mehr, welcher der beiden Buben ihr eigener ist“?

Aber Martin und Gernot scherten sich nicht um dieses Getuschel.

Als sie nach etlichen Jahren die Höfe von ihren Eltern übernahmen und an einem Dienstag im Mai ihre Frauen Gertrud und Hildegard heirateten, blieben sie trotz allen Geredes genau so unzertrennlich wie vorher. Schon bald nach der Hochzeit gebar Gertrud unter Schmerzensschreien, die einen ganzen Tag lang im Dorf zu hören waren, einen kräftigen Sohn, den ihr Mann auf den Namen Siegfried taufen ließ, und Hildegard schenkte ihrem Gernot eine Berta, bei der alles viel leichter ging. Aber es war halt nur ein Mädchen!

Auch da witzelten die Dörfler: Siegfried käme auf Martins Freund Gernot raus und Berta hätte den gleichen  Silberblick wie Martins Schwester.

„Ach lasst doch dieses blöde  Volk quatschen“, sagten Martin und Gernot zu ihren genervten Frauen, wenn die klagten, weil sie sich wieder einmal von einigen dieser bigotten Dörflern scheinheilige Unverschämtheiten anhören hatten müssen. „Schade nur, dass zu uns niemand was sagt“, riefen sie dann lachend und streckten feixend ihre rechten Fäuste, an denen alle Finger fehlten, drohend gegen den Wolken verhangenen Himmel von Rodenbach.

Berta und Siegfried wuchsen genau so wild und ungestüm heran wie vormals ihre Väter und allen war klar, dass die beiden auch wieder heiraten und Ochsen züchten würden, wie es dem ehernen Gesetz dieser Höfe entsprach…

Doch dann kam alles anders!

Denn auch in diesem gottverlassenen Dorf Rodenbach trieben es die Hexen immer dreister und schickten den ratlosen Bauern und Handwerkern grässliche Hagelschauer und sintflutartige Regen, Feuersbrünste, die große Teile des Alten Dorfes einäscherten – und die Pestilenz…

Selbst als bereits jeden Sonntag von der Kanzel der kleinen Kirche in Rodenbach die Gläubigen aufgerufen wurden, jedwedes Anzeichen von Hexerei sofort der Inquisition  zu melden, und auch schon zwei Hexen im Ort aufgespürt und in Bruchköbel hingerichtet worden waren, fühlte sich die Dorfgemeinde immer noch durch die allgegenwärtige Hexenbrut bedroht! Diese teuflischen Hexen seien es auch, rief der Pfarrer zornig den verängstigten Menschen in den prallvollen Kirchenbänken entgegen, die die Pestilenz immer näher an Rodenbach heranlockten und Alt und Jung ins Verderben rissen, wenn nicht endlich die heilige Inquisition diesem satanischen Spuk den Garaus machte!

Es war Hagen, ein Neffe von Martin, der in Gelnhausen lebte und weit in der Welt herumgekommen war, der den beiden Freunden dringend riet, sich auch dieser heiligen Bewegung anzuschließen: „Wartet nicht bis ihr mit euerem wenig gottgefälligen Leumund selbst  Opfer der Inquisition werdet! Stellt euch an die Spitze! Helft  mit, die Hexenbrut auf die  Scheiterhaufen zu bringen; diese heiligen Feuer dürfen nie verlöschen“! rief er Martin und Gernot sonntags beim Frühschoppen im ‚Gasthaus zum Schützenhof’ zu und beglückwünschte sich selbst mit  einer neuen Runde Met zu seiner prächtig florierenden Tischlerei: Särge, Särge und nochmals Särge! Jammerschade, dass er nicht in der Lage war noch hundert mal mehr Särge herzustellen, klagte er, die Leute würden sie ihm selbst zum doppelten Preis aus den Händen reißen…

Als Hagen in ein heiseres Raunen fiel, krochen Martin und Gernot  förmlich  in ihn hinein, um ihn noch zu verstehen: “Macht es doch wie die da unten vor Afrika“, raunte Hagen, „die stellen aller Orten ‚heilige, rote Stühle’ auf, wie man hört! Denn wenn diese stinkenden Hexen sich bei ihren nächtlichen Ausritten an ihren geilen Besenstielen wund gerieben hätten, müssten sie unbedingt  einmal in der Nacht  absitzen, sagt man“.

„Doch gnade ihnen Gott, diesen verdammten Verführerinnen“! krächzte Hagen, „wenn die auch nur ein einziges Mal auf diesen ‚roten Stühlen’ aufhockten, ließ sie die ‚heilige Kraft Gottes’ augenblicklich stocksteif erstarren! Für die Wächter der Inquisition war es dann ein Leichtes, dieses verfaulte Hexengesindel im Morgengrauen von den ‚roten Stühlen’ zu pflücken und an Fleischerhaken  in die Abdeckerei zu schleifen“.

„Und wisst ihr, womit diese Stühle, die ich euch natürlich in meiner Tischlerei trotz der vielen Särge leicht noch anfertigen könnte, geweiht werden?“ fragte er nach dem dritten Humpen Met, „die werden in geweihtes Ochsenblut getaucht, versteht ihr? In geweihtes Ochsenblut, dem die Wächter der Inquisition noch geheime Substanzen beimengen, um das dunkle Rot der Sünde noch wochenlang leuchten zu lassen“!

„Und da diese ‚roten Stühle’ durch das Ochsenblut an heißen Tagen schon nach wenigen Stunden unangenehm rochen, sorgten Schwärme von Schmeißfliegen von den benachbarten Misthaufen Gott sei Dank dafür, dass sich kein anständiger Christenmensch irrtümlich auf diesen ‚Hexenfallen‘ niederließ“, fügte Hagen noch mit einem schäbigen Grinsen hinzu und machte sich schleunigst auf den Heimweg, da er seine Alte schon maulen hörte, wenn er wieder zu spät zum sonntäglichen Schweinebraten kam, den ihm die reichlichen Profite aus den Särgen unschwer ermöglichten.

Bald danach stand tatsächlich so ein müffelnder ‚roter Stuhl’ beim östlichen Wehrturm in Rodenbach! Und in der nächsten Nacht einer an der Ecke Mühlstrasse – Bachstrasse! Und ein Dritter in der Kirchstraße, nahe der Hainstrasse! Und noch einer bei der Befestigungsmauer – und einer draußen beim ‚Weidertsbörnchen’, wo immer noch viele Rodenbacher morgens ihr Trinkwasser holten! Und allesamt stanken sie derart in den hellen Tag, dass sich selbst Gott für diese ‚säuischen Stühle’ schämte, wie ein vorbei humpelnder Soldat besoffen in die stechende Sonne grölte…

Offiziell hatten Martin und Gernot kein Wort über die ‚roten Stühle’ verlauten lassen, sondern sie klamm heimlich ab der Nacht zur Sonnenwende aufgestellt. Trotzdem musste sie irgendwer dabei beobachtet haben, denn seit diesem Tag  verstummte jedes Gerede sowohl über die beiden, als auch ihre Familien und ihren angeblichen sodomitischen Lebenswandel!

Auch der Pfarrer pries vom ersten Tag an lauthals die ‚heilige Bestuhlung von Rodenbach’ und nannte sie einen großen, göttlichen Sieg im ewigen Kampf gegen das Böse! Und dies obwohl weder unmittelbar danach, noch später jemals eine dieser  ‚stocksteif erstarrten Hexen’ auf den ‚roten Stühlen’ entdeckt wurden, sondern nur  Marder und Ratten sich  nächtens darunter versteckten und die Dorfbewohner erschreckten, die sich jede Woche aufs Neue über den widerlichen Geruch dieser ‚Hexenfallen‘ beklagten. Aber niemand wagte sie anzutasten…

Doch wenn Martin und Gernot damals schon geahnt hätten, welches  Unglück diese ‚roten Stühle’ über ihre Familien bringen würden, hätten sie sich nie und nimmer bei jedem Frühschoppen, unausgesprochen, dafür feiern lassen und sich verschmitzt zugegrinst!

Und dass dieses Unglück ausgerechnet über Berta und Siegfried hereinbrechen würde, konnte damals erst recht niemand ahnen, da die beiden Kinder trotz der schweren Zeiten unbekümmert, wie die wilden Zicklein heranwuchsen und zumindest nach außen hin wegen ihrer fröhlichen Unbefangenheit und rührigen Hilfsbereitschaft von allen im Ort geliebt wurden! Die beiden waren doch ausgesprochene Glückskinder, denen niemand Böses wollte!

Vor allem Siegfried, der schon von frühester Kindheit an, an geheimen Orten unter der Anleitung seines Vaters vortrefflich mit der Armbrust schoss! Und trotz allem Bitten und Flehen von Gertrud, Siegfried nicht auch in diese verdammte Wilderei hineinzuziehen, die nur Unglück brachte und Martin bereits  alle Finger der rechten Hand gekostet hatte, nahm ihn dieser schon in ganz jungen Jahren mit auf seine nächtlichen Jagdtouren, in denen er mit Gernot hinter Wildsauen und Wölfen her war, die ihnen und den anderen Bauern jeden Sommer die Felder verwüsteten und die Schafe rissen…

Schlaf schien der Siegfried, genau wie sein Vater, nicht zu brauchen! Auch nicht als er einige Jahre später, unerschrocken ganz  alleine nächtens unterwegs war! Komisch war nur, dass er plötzlich immer seltener mit gewilderter Beute heim kam und immer gereizter auf Martins aber auch Bertas Nachfragen reagierte. Ja er verbat sich sogar von einem Tag auf den anderen mit hochrotem Kopf zornig ihre dreisten Verhöre, wie er sagte und überhaupt jede Art von Einmischung: Schließlich wären sie noch lange nicht Mann und Frau und wer wüsste schon ob sie das jemals werden würden…?

Berta war wie vom Donner gerührt, so grob hatte sie Siegfried noch nie angegangen! Weinend versteckte sie sich in ihrer Kammer, verriegelte die Tür, aß nichts mehr, sondern nippte höchstens ein wenig an dem frischen Wasser, dass ihr ihre tief besorgte Mutter Hildegard jeden Morgen in einem Krug vor die Tür stellte.

Aber vielleicht waren es ja nicht nur Siegfrieds rüde Worte gewesen, die sie so verstört hatten, vielleicht hatte sie ja doch schon das eine oder andere Mal die Dörfler tuscheln hören, dass nicht nur die Wildschweine ihren Siegfried in die nächtlichen Wälder zogen, sondern auch die weithin bekannten offenherzigen und gastfreundlichen Töchter der Köhler rund um Niedermittlau! Und dass sie es waren, die ihn schon über Wochen morgens so erschöpft heimkommen ließen, wie die anderen Wilderer auch aus der Umgebung, die sich wie er in den Netzen dieser geilen Köhlerbräuten verfangen hatten…

Und wie man sich heute noch im Alten Dorf erzählt, war Berta auch an diesem verhängnisvollen Totensonntag nicht bereit gewesen, ihre verriegelte Tür auf zu machen, als ihr Vater Gernot und sogar Martin energisch an die Kammertür pochten und sie anfangs flehentlich, später ungeduldig und zornig baten zu helfen, da Siegfried in höchster Not sei!

Nach zwei stürmischen Nächten hatte nämlich die Frau des Bäckers, als sie am Totensonntag Morgen Wasser geholt hatte, den vollkommen erschöpften Siegfried auf dem ‚roten Stuhl beim Weidertsbörnchen’ vorgefunden: ‚stocksteif’ saß er da, mit fieberrotem Kopf, konnte sich weder rühren noch sprechen und an seinem Hals quollen bereits die daumengroßen Beulen  der Pestilenz aus seiner zerfledderten Joppe…

Schreiend war die gute Frau zurück ins Dorf gerannt! Wie von Sinnen rüttelte sie erst an den Haustüren der Ochsengehöfte und dann beim Pfarrhof. Der Pfarrer wusste sofort was zu tun war und ließ schleunigst die Kirchglocken läuten: in dem rasch angesetzten Notgottesdienst verkündete er, dass jetzt nur eine unbefleckte Jungfrau helfen könne! Sie müsse bereit sein sich zu opfern und durch einen Kuss auf Siegfrieds Lippen den Hexenzauber von ihm nehmen, anderenfalls sei er unwiederbringlich verloren und mit ihm das gesamte Alte Dorf!

Nach mehreren Vaterunsern brach die verängstigte Kirchengemeinde schweigend auf – alle wussten was  zu tun war!

Aber Berta öffnete ihre Kammertür nicht!

Da auch Gertruds und Hildegards eindringliches Flehen nichts half, wurde nach kurzer Beratung die schwere Eichentür mit einer Axt aufgebrochen.

Doch der Vogel war ausgeflogen! Durch einen Geheimgang, den nicht einmal ihr Vater Gernot kannte!

Als die aufgebrachte Dorfbevölkerung mit viel Glockengeläute gleich darauf in einer Prozession zum Weidertsbörnchen aufbrach, musste sie verwundert, aber auch erleichtert feststellen, dass Siegfried auch verschwunden war…

Selbst die eiligst herbeigebrachten Jagdhunde von Martin und Gernot fanden keine heiße Spur von den beiden, sondern kamen schon nach kürzester Zeit  winselnd aus den Wäldern zurück, in die sie hineingehetzt worden waren…

Tja – und so wird noch heute im Alten Dorf gerätselt, was da eigentlich passiert war? Einige meinen, es wär ein abgekartetes Spiel zwischen Martin, Gernot und der Bäckersfrau, bei der sie sich nur allzu gerne aufhielten, gewesen, um die zerstrittenen Kinder wieder zusammenzuführen, andere wieder waren sich sicher, dass die unglücklich Liebenden leibhaftig in den Himmel aufgefahren waren, und der Rest der Dorfbevölkerung schwor darauf, dass Siegfried und Berta entweder vom Teufel geholt worden  oder aber ins nahe Bayern geflohen waren – was beides ziemlich auf das  Gleiche hinauslief…

KH

PS: Diese Geschichte ist vollkommen frei erfunden und fußt auf keinerlei historischen Grundlagen; alle eventuelle Ähnlichkeiten sind rein zufälliger Natur.

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2 Kommentare zu “Ochsenblut und Hexenzauber”

  1. six (Donnerstag, der 12. Juli 2012)

    Eine wilde Geschichte, Klaus. Ich hoffe, Du findest im Morgengrauen noch ein klein wenig in den Schlaf.

  2. KH (Donnerstag, der 12. Juli 2012)

    Leider nicht, Detlev! Die Hexen geben ja keine Ruh‘! Schau Dir doch nur das Wetter an und die Finanzkrise…

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