Klaus Hnilica
Donnerstag, der 21. April 2011

Oh Gott – wieder Anton Bruckner…

Carl und Gerlinde (VIII)

„Die ‚Alte Oper’ heißt wohl so, weil da nur alte Leute herumkrabbeln“, motzte Carl, als er Gerlinde an diesem milden Frühlingsabend die Eingangstür kurz aufhielt, ehe sie beide von einem Schwarm Grauhaariger widerstandslos nach innen gedrückt wurden…

Aber Gerlinde liebte nun einmal diese „Sonntagabend– Konzerte“ in der ‚Alten Oper’ in Frankfurt!

Und Carl ging mit!

Und eine ganze Herde von „Silberhaaren“ auch, grad so als gäbe es unbegrenzt Freibier – und nicht die 5. Sinfonie von Anton Bruckner!

Der uniformierte Schnösel im Eingangsbereich, der die Konzertkarten kontrollierte, glaubte der wirklich, ein Carl und eine Gerlinde hätten nicht bezahlt?

Eine Zumutung! Und die Sucherei in allen Taschen, nach den Karten  eine noch größere! Schlimm!

Aber typisch – Gerlinde hatte wieder gepennt!

Hunderte Male hatte er sie schon gebeten auch aufzupassen, wo er die Eintrittskarten hin steckte, wenn er schon mit ihr ins Konzert ging.

Aber nein, er musste wieder alleine nach den blöden Karten suchen!

Kein Wunder, dass der rabiate Seniorenhaufen hinter ihm schon schabte und murrte wie eine hitzige Rinderherde…

Und natürlich nahm er, Carl, wieder alles auf sich!

Ihm blieb ja gar nichts anderes übrig! Er konnte sich doch nicht umdrehen und diesen ungeduldigen „Silbermähnen“ erklären, dass seine hochgeschätzte Gerlinde wieder einmal gepennt hatte, als er die Eintrittskarten an sich nehmen hatte müssen.

Außerdem hätte sich bei diesem Gedränge nicht einmal ein Kampfstier umdrehen können! Er und Gerlinde wurden ja von der grauen Herde förmlich in den mickrigen Eingangsbereich der ‚Alten Oper’ hineingesogen und  an einer immer enger werdenden Wendeltreppe, wie an der Schleuse einer Rinderkoppel, quasi vereinzelt und sortiert: Die Klugen trieb es gleich zur Bar, wo sie ihre Konzertentscheidung in Sekt und Bier ertränkten und die Beschränkten, wie er und Gerlinde, trotteten erst zur Garderobe und zur Beschaffung eines Programmheftes…

Da gleich die erste Katastrophe!

Keine Pause!

Dafür aber ununterbrochen Anton Bruckner: ein großartiges Meisterwerk, gespielt von großartigen Philharmonikern unter der Leitung eines noch großartigeren Dirigenten: jung und schwarzhaarig hatte der schon in allen großen Opernhäusern der Welt dirigiert!

Aber Carl wollte ein Bier!

Er wusste, wenn er jetzt keines auftrieb, saß er den ganzen Abend auf dem Trockenen. Da Gerlinde auch ein Glas Sekt trank, konnte er sogar noch schnell ein zweites Bierchen hinten nachschieben, ohne dass sie ein Gesicht zog.

Im Gegenteil, Carl nickte ihr nach dieser Stärkung anerkennend zu, als sie sagte, dass sie wirklich neugierig sei, ob es ihr endlich einmal  gelänge, im Molto Vivace desScherzos das Thema des vorgehenden Adagios zu erkennen, bisher wär ihr das noch nie geglückt…

Ein zweites anerkennendes Nicken war ihm nicht mehr möglich, da sich völlig unerwartet vor ihm ein seehundartiges Geschöpf mit Toupée aufpflanzte, dessen Hässlichkeit nicht einmal die begleitende Dame ertragen konnte, da sie zwanghaft an dem Seehundmensch vorbeistarrte, während dieser frontal in den Raum schwieg…

Carl spürte eine gewisse Scham in sich hochsteigen, dass er auch dieser Spezies angehörte und drängte seine Gerlinde sanft aber bestimmt in den bereits gut gefüllten Konzertsaal, um sich im Getümmel zu verlieren…

Das Orchester war gewaltig!

Nicht einmal die drei schnatternden Damen vor ihm mit ihren gebirgsartigen Frisuren hatten eine Chance es gänzlich zu verdecken.

Sogar einige Körperteile des Dirigenten konnte Carl noch erspähen, da der gute Mann gleich von Beginn an wie ein kampferprobter Boxer zu präzisen Schlägen ausholte und seinen Musikern gar keine andere Chance ließ, als sich hinter einem ohrenbetäubenden Getöse vor ihm in Sicherheit zu bringen…

Dann Stille!

War der Satz schon zu Ende?

Carl konnte sein Glück gar nicht fassen und schaute freudestrahlend zu Gerlinde…

Doch – da jammerte von hinten schon eine heimtückische Flöte los!

Der Dirigent, auch überrascht, schwenkte drohend seinen Taktstock, aber dieses impertinente Flötending dachte gar nicht daran, sich zu Verdünnisieren.

Und prompt passierte das, was Carl befürchtet hatte: als der Dirigent nach kurzem inneren Kampf hilfesuchend die Arme hob und sich ergeben wollte, brach das infernalische Getöse von Neuem los!

Unzählige Trompeten und Posaunen dröhnten und schepperten, was das Zeug hielt und katapultierten zusammen mit zwei Dutzend Pauken und Tuben etlichen Konzertbesuchern in den ersten fünf Reihen die Hörgeräte aus den Ohren…

Eine bodenlose Rücksichtslosigkeit!

Aber außer Carl schien das niemand  zu stören; Gerlinde strahlte…

Doch der Dirigent spürte wohl schon einen Schwächeanfall, denn er  beugte sich plötzlich vollkommen unvermittelt ganz tief nach vorne und versuchte, sich mit weit ausholenden Armbewegungen auf dem  Boden der Orchesterbühne abzustützen, wie es schien …

Carl fiel bei der Gelegenheit ein, dass er im Sommer unbedingt das Wohnzimmer tapezieren musste und dass er da auch sein Kreuz arg strapazieren würde, genau wie dieser gebeugte Dirigent, der die Musik nun aus dem Keller hoch zu schaufeln versuchte und so letztlich ohne Not einen Bandscheibenvorfall riskierte…

Welch eine Opferbereitschaft für die Musik?

Naja – das Adagio im zweiten Satz war wirklich arg langsam. Bei etwas mehr Speed wär’ da leicht eine Pause unterzubringen gewesen. Für ein Laugenbrezel  und ein Bier hätte es allemal gereicht!

Stattdessen – verflixt – machte plötzlich die Nase Schwierigkeiten!

Verzweifelt versuchte Carl die Luft anzuhalten und das hochsteigende Kitzeln in sich hineinzupressen, aber selbst als er seine Nase mit der rechten Faust brutal abzuquetschen versuchte, hatte er keinerlei Erfolg!

Ausgerechnet – als von hinten wieder diese lästige Flöte losjammerte, prustete er so laut aus sich heraus, dass sich noch drei Reihen vor ihm die Konzertbesucher erschrocken umdrehten…

Und das ging so weiter!

Das flaumige Weiß der Papiertaschentücher, das von Gerlinde aufgeregt an seine Nase gefächelt wurde, schien das Ganze noch zu befördern. Doch wie durch ein Wunder fügten sich seine eruptiven Fanfarenstöße nach der abgewürgten Flöte plötzlich so harmonisch in das Klanggefüge der Sinfonie, dass selbst Anton Bruckner, dieser Meister der Harmonie und des Kontrapunktes ihm wohlwollend zugenickt hätte.

Das Thema aus dem Adagio war allerdings wieder unerkannt im Molte Vivace des Scherzos verkümmert …

Und dann war auch schon Schluss!

Tosender Beifall brandete auf, aber der Dirigent rannte nach einer kurzen Verbeugung sofort nach draußen – bestimmt auf die Toilette…

Wieder auf der Bühne, begrüßte er die verblüfften drei grauhaarigen Geiger, von denen einer, wie eine Frau ausschaute, mit kräftigen Handschlägen, obwohl sie ohnehin die ganze Zeit vor ihm gegeigt hatten…

Das Orchester schien auch verwirrt, denn als er seine Hände zum Einsatz hob, spielten die nicht, sondern standen nacheinander auf.

Da hatte dann der gelenkige Dirigent wohl auch die Nase voll und wandte sich demonstrativ von seinen Musikern ab; er schwenkte dreimal hintereinander dem Publikum seinen mächtigen Oberkörper entgegen und ergriff wie vorhin die Flucht…

Kaum zurück, begrüßte er wieder die drei grauhaarigen Geiger, die nun  nicht mehr ganz so verwundert wirkten, da sie sich natürlich noch gut an ihn erinnern konnten…

Während er dann aber unentwegt in den hinteren Teil des Orchester deutete und die Oboe und das Fagott verwirrte, da beide nicht wussten, ob sie spielen oder aufstehen sollten, näherte sich ihm von hinten ein riesiger Blumenstrauß!

Der gute Mann hatte wohl derartiges noch nie gesehen, da er sich vor Begeisterung kaum mehr auf den Beinen halten konnte, dann aber doch in einem letzten übermenschlichen Kraftakt den prächtigen Strauß an der einzigen grauhaarigen Geigerin vorbei zu einer blutjungen Bratschistin dirigierte. Die tat zwar erfreut, stand aber dann ganz schön blöd da mit dem  Riesending und ihrer Bratsche…

Carl konnte gut verstehen, dass der Dirigent sich die Junge ausgesucht hatte, aber warum der dann gleich wieder hinaus rannte, war ihm schleierhaft!

Egal, es war ohnehin an der Zeit zu gehen.

Und da Gerlinde so begeistert von dem Konzert war, beschloss Carl wenige Meter vor Erreichen der Garderobe, dass ihm der Anton Bruckner ab heute auch gefalle.

Und dabei blieb er, selbst als sie nach einer vollen Stunde immer noch eingekeilt im Parkhaus standen…

KH

PS:
Am 5.Mai 2011  sind Carl und Gerlinde übrigens wieder im Blog!

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