Klaus Hnilica
Donnerstag, der 23. Februar 2012

Otello – und die Lust zu würgen

Carl und Gerlinde (XIX)

Carl war platt! Der Otello – tatsächlich ausverkauft! Und er, Carl, war drinnen, andere draußen! Und die es nicht glauben wollten, hielten im Eingangsbereich der Oper immer noch Pappkartons hoch, auf denen sie tapfer um Karten bettelten! Carl hätte am Liebsten seine Karte gleich meistbietend verscherbelt, denn der Verdi und sein Otello konnten ihm wirklich gestohlen bleiben; nur – das konnte er Hannelore nicht antun! Sie hatte ihn so nett eingeladen!

Außerdem war das schon ein gutes Gefühl, wenn man etwas hatte, das andere nicht hatten! Das fühlte sich prima an…

„Da siehst du wieder einmal“, sagte Hannelore mit ihrem gefährlich verschmitzten Lächeln, „was du mir alles verdankst, lieber Carl“ und drückte ihn mehr als ihm lieb war an sich, als er beim versuchten Gleichschritt über die wenigen Stufen bis zum Eingang ungeschickt stolperte.

Leicht irritiert sagte Carl, dass ihn bei diesen vielen Opernfans schon interessieren würde, ob die wirklich nur wegen Verdis Musik kämen, oder ob sie sich im Stillen nicht doch daran delektieren wollten, dass da einer noch konsequenter als der triebstarke Wetterfrosch seine Würgespielchen durchzog…

„Es ist ja nicht jeder wie du, Carl “, spöttelte Hannelore und steuerte zielstrebig die Garderobe an.

Entschuldigend fügte sie hinzu, dass sie gern zugebe, dass in seiner momentanen Verfassung der ‚Otello’ nicht gerade aufbauend sei, aber er war halt im Abo, und ihr goldiger Kurt guckte lieber Fußball, als sich dieses Gejodle anzutun, bei dem er eh nur einschlafe…

Ein kluger Mann, der Kurt, dachte Carl, nahm Hannelore den Mantel ab und wünschte, er hätte ähnlich couragiert wie Kurt ihrer Opernverlockung widerstehen können. Aber mit Gerlinde musste er auch immer in die Oper. Er war abgehärtet. Als Trost ging’s ja danach stets ins „Fundus“!  Für heute Abend hatte er da auch einen Tisch reservieren lassen! Sie käme aber nur mit, sagte Hannelore spitz, wenn er sie nicht mit ‚Gerlinde hier und Gerlinde da’ zulabere. Überhaupt sollte für den Rest des Abends das Thema Gerlinde tabu sein und er sich, wie ein echter Gentleman, nur um sie kümmern!

„Nicht wahr, mein goldiges Carlchen“?

„Abgemacht mein Hannelörchen – mit den roten Mauseöhrchen!“

„Mistkerl“, sagte sie  lachend.

Und er sagte „Miststück“ und meinte nicht nur sie, sondern auch Gerlinde und alle anderen Frauen in der Welt…

Denn Fakt war, dass er selbst nach acht Wochen keine Ahnung hatte, wo sich ‚sein heiß geliebtes Luder’ Gerlinde – wenn sie denn noch ‚seins’ war – aufhielt, beziehungsweise mit wem sie sich herumtrieb… Was sie bestimmt tat!

Ein Kind von Traurigkeit war sie nie gewesen. Gott sei Dank! Aber jetzt setzte ihm gerade diese Tatsache besonders zu! Und wie! Er hätte wahnsinnig werden können! Genau wie Otello! Der aber weniger Grund hatte; denn seine kreuzbrave Desdemona hatte sich nie außerhalb seines ‚Würgehorizonts’ herumgetrieben!

Nicht so Gerlinde, die sich einfach aus dem Staub gemacht hatte und ihn armen Tropf nicht nur kränkte und demütigte, sondern ihm auch noch jede Möglichkeit nahm sie zu würgen! Miststück: so ein bisschen ‚angewürgt’ hätte er sie schon gerne, wenn er ehrlich war…

Und wenn das schon nicht ging, dann hoffte er, dass er sich wenigstens so lange wach halten konnte bis Otello würgte.

Denn trotz aller Wut überfielen ihn gleich von Beginn an die üblichen gesanglich stimulierten Müdigkeitsattacken. Ein einsamer heroischer Kampf von Arie zu Arie! Nur unter Aufbietung all seiner Kräfte gelang es Carl, seinen Kopf nicht auf Hannelores einladende Schulter sinken zu lassen. Oder gar in ihren weichen Schoß! Nein, dieser süßen, lockenden Versuchung durfte er nicht erliegen. Im Gegenteil, er musste und wollte sich ganz deutlich von ihrem langweiligem Kurt abheben und  immer – oder fast immer – aufrecht und erhobenen Hauptes dasitzen!

Ja er wollte ganz bewusst so tun, als würde ihn das Gejaule auf der Bühne faszinieren! Genau wie die lauschende Schar von Musikkennern um ihn herum.

Komisch war nur, fand zumindest Carl, dass die sich überhaupt nicht wunderten, dass Otello in dieser Inszenierung ein ‚Weißer’ war?

Und der übliche ‚Schwarze’ lag wie ein abgelegter ‚Negersack’ am rechten Bühnenrand herum! Und schlief sogar, wie es schien! Beneidenswert; das wär’ echt sein Traumrolle gewesen!

Noch dazu wo neben dieser ‚schlummernden schwarzen Glückseligkeit’ keine Hannelore thronte, die gnadenlos ihre Ellenbogen in seine Seite rammte, sobald ihm trotz aller Anstrengung auch nur für den Bruchteil einer tausendstel Sekunde doch sein Kopf auf die weiße, Krawatten gezierte, Brust kollerte…

Aber geschnarcht – nein – das hatte er nicht! Das konnte Hannelore, die jetzt tatsächlich ihre roten Öhrchen hatte, in der Pause noch so oft behaupten wie sie wollte!

Es war einfach nicht wahr!

Nach zwei Gläser teurem Sekt, sah sie das wohl auch ein und wechselte übergangslos zu einem belehrenden Vortrag über Verdi, der sich mit diesem brillanten Alterswerk in Sachen Oper völlig neu aufgestellt und sein Komponieren gänzlich auf Wagner hin ausgerichtet hätte! Mit dem sensationellen Ergebnis einer  ‚Dramatische Oper’ auf Italienisch, mit wunderbaren arienähnlichen Gesangslinien, rief Hannelore so begeistert, dass auch sämtliche vorbestellten Lachshäppchen, wie von selbst in ihr unersättliches Mäulchen sprangen!

Carl ließ sie gewähren, erinnerte sich aber schon mit Wehmut, dass bei Gerlinde er  immer die Häppchen essen durfte – und ihren Sekt trank er auch immer aus…

Doch dann sagte Hannelore etwas, was ihn wirklich aus der Fassung brachte, da ihm Ähnliches auch durch den Kopf gegangen war!

Sie sagte, dass ihr die Rolle dieses üblen Bösewichts Jago mit Abstand am besten gefalle: seine geniale Niedertracht sei einfach grandios, da könne selbst sie noch etwas lernen!

Gut, dass die Pause zu Ende war, denn Carl spürte wie ihm schlagartig kalt und heiß wurde, weil sich mit jedem weiteren Satz von Hannelore bei ihm die Gewissheit festigte, dass dieses Miststück das gleiche Luder war wie Gerlinde und beide bestimmt gemeinsame Sache machten! Schließlich hatten sie ja seinerzeit sein Techtelmechtel mit Gerlinde auch geschickt inszeniert. Warum nicht auch das Ende?

Und als Hannelore im dritten Akt lieblos Carls linke Hand streifte und Desdemona erneut den eifersüchtigen Otello bat, er möge Cassio endlich diese vertrackte Taschentuchnummer verzeihen, genoss Carl förmlich die sich langsam in ihm aufgipfelnde Wut…

Und dieses Taschentuchgetue widerte ihn nur mehr an!

Um sich abzulenken flüsterte er Hannelore zu, dass er froh sei Papiertaschentücher zu verwenden! Jago hätte damit keine Chance gehabt, denn mit verrotzten Papierknäueln von der Desdemona hätte er nie die Intrige starten können…

Doch statt eines zustimmenden Lächelns oder Anerkennung, dass er noch wach war, zischte ihm nur ein giftiges „Blödmann“ entgegen!

Irgendwie unpassend stimmte Desdemona ausgerechnet in diesem Moment von Todesahnungen getrieben, das berühmte ‚Lied von der Weide’ an, das dann alles ins Rollen brachte…

Und zwar zog Carl in der bald darauf folgenden Szene, in der Otello in Desdemonas Schlafgemach eindrang und sie nach einem Kuss mit großer Theatralik singend erwürgte, die völlig ahnungslose und überraschte Hannelore plötzlich auch an sich und legte ihr, trotz ihres verängstigten Blickes, beide Hände eigenartig verträumt um den Hals und trompetete ihr ins Ohr, dass er sie genau wie Otello erwürgen werde, wenn sie ihm im „Fundus“ nicht endlich verrate, wo Gerlinde sei?

„Bist du jetzt völlig durchgeknallt?“ kreischte Hannelore und stieß ihn verärgert von sich.

Sichtlich verwirrt begannen Leute hinter ihnen und um sie herum zu murren.

Hannelore rieb sich übertrieben ihren angeblich malträtierten Hals und schimpfte laut auf Carl ein. Vor ihr forderten verärgerte Besucher Ruhe! Carl von den fatalen Ereignissen überrollt lächelte erst verlegen, drehte dann aber seinen Kopf so heftig hin und her und im Kreis, dass er sich bestimmt selbst stranguliert hätte, wenn nicht Otello, Gott sei’s gedankt, durch Selbstmord diesem unsäglichen Treiben rechtzeitig ein Ende bereitet hätte…

Danach tosender Applaus!

Die Menschen sprangen begeistert auf!

Carl merkte, dass er Glück gehabt hatte, denn das Paar hinter ihnen, das zwar im Gleichtakt heftig applaudierte, beschimpfte ihn immer lauter! Zu zweit riefen sie drei Mal laut „Schweinerei, Schweinerei, Schweinerei!“ Was wiederum andere Besucher in der Reihe vor Hannelore, die von Otello begeistert waren, so empörte, dass sie sich umdrehten und das ‚Schweinerei – Paar’ beschimpften. Das brachte wohl bei dem Dickwanst neben Carl das Blut derart in Wallung, dass sich plötzlich nicht nur sein Kopf rot färbte, sondern er allen nach hinten schimpfenden Besuchern androhte sie auch gleich zu erwürgen! Genau wie Otello, zischte er, genau wie Otello! Woraufhin seine Begleiterin, eine zierliche, hässliche Frau, hysterisch aufschrie und ihren Viktor ohne Rücksicht auf die anderen, die nun auch los polterten, durch ihre Stuhlreihe in Richtung Ausgang zerrte…

Nur das junge Mädchen neben Hannelore bewahrte Ruhe; sie umarmte Hannelore und fragte besorgt, ob sie helfen könne, was Hannelore aber mit vorgetäuschter Gelassenheit dankend ablehnte…

Und Carl lachte, schimpfte zurück und applaudierte! Mit Staunen stellte er fest, dass die durch ihn ausgelöste Welle der Empörung, in immer aggressivere ‚Schweinerei’ – Rufe gipfelte und sogar schon bedenklich bis zur Bühne vor schwappte, begünstigt durch den Umstand, dass der gesamte Saal stehend Desdemona und Otello feierte!

Und dann merkte Carl endlich auch, dass Hannelore weg war! Ihr Sitz war leer! Das besorgte junge Mädchen von vorhin deutete Carl, dass Hannelore gegangen war, ja er konnte sie sogar noch erspähen, wie sie vorne in einer der Ausgangstüren verschwand, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihm umzudrehen…

Tja – eine schöne Bescherung! Jetzt konnte er sich erwürgen!

KH

PS: Und in zwei Wochen am 8. März 2012 sind wir schon wieder bei „Carl und Gerlinde“

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