Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. August 2012

Sauberkeit und Ordnung

Carl und Gerlinde (XXV)

Was nützte Carl seine verdrängte Liebe zu Sauberkeit und Ordnung, wenn er keine Putze fand, die diese längst verschüttete Leidenschaft in ihm zu neuem Leben erweckte?

Wunderdinge verlangte er ohnehin nicht mehr! Schließlich hatte ja auch der sechste Putzfrauenversuch nur zur Folge gehabt, dass sein Haus eher einem aufgelassenen Obdachlosenasyl glich, als dem repräsentativen Wohnsitz eines Spartenvertriebsleiters der Firma TRIGA! Warum nur, fragte Carl sich tagtäglich und in letzter Zeit auch in schlaflosen Nächten, war es in Deutschland so unendlich schwer, eine Frau zu finden, die gegen vernünftige Bezahlung ordentlich putzte und gleichzeitig nicht wie ein Walross ausschaute?

Carl bestand ja nicht auf Heidi Klum! Aber er verspürte andererseits auch keine Lust mehr – wie früher als Kind in der Geisterbahn – jedes Mal zu Tode zu erschrecken, wenn er zufällig nachhause kam und auf eines dieser Putzmonster mit entsichertem Staubsauger stieß, in dessen schweißgeschwängerter Ausdünstung er allergische Hustenanfälle bekam! Es war doch kein unsittliches Verlangen, sich solchem Psychoterror nicht weiter Woche für Woche aussetzen zu müssen? Und schon gar nicht angesichts der stattlichen Honorarforderungen dieser Reinigungsamazonen, oder?

Bei dem neuen, siebten Versuch mit einer Frau Ilisevicz hatte Carl nach vier Wochen zwar nicht den Eindruck, dass sich seine bescheidene Wohnanlage weiter in Richtung Obdachlosenasyl entwickelte, dafür aber schien sie auf beunruhigende Weise mehr und mehr zu einer Art ‚Pferdegestüt’ zu mutieren. Denn statt schlicht aufzuräumen und zu putzen schwenkte diese robuste, pferdegesichtige Frau Ilisevicz wiehernd ihr drahtiges Hinterteil mit einer derart ignoranten Ausdauer über sämtliche Berge von zerfledderten Zeitungen, leeren Kunststoffverpackungen, angeschimmelten Essensresten und herumliegenden Getränkedosen, dass Carl bei ihr nicht nur auf die fleischgewordene ‚Reinkarnation eines Pferdes’ tippte, sondern vielmehr eines ‚erblindeten Pferdes’, wie sie früher durch die Bergwerksstollen trabten. Gegen diese Blindheit sprach allerdings die Tatsache, dass es ihr mit der  Eleganz eines Lipizzaners gelang, auch alle überquellenden Ascher und schmutzverkrusteten Teller auf den Stühlen und dem ausladenden Teppich vor dem Fernseher so geschickt zu umtänzeln, dass es nicht ein einziges Mal auch nur zu einer Millimeter großen Verrückung dieser Gegenstände kam! Und sie tappte auch niemals blind in die am Boden liegenden Unterhosen- und Sockenhaufen, oder in die zusammengerollten Oberhemdenstapel und verschwitzten T–Shirt – Klumpen, sondern erlebte diese vielmehr als anspornende Hindernisse, die es zu überspringen galt und nicht etwa aufzuheben oder gar zu waschen.

Drei Mal versuchte Carl durch vorsichtige Einwürfe, dieser ‚fortschreitenden Verstallung’ und Entfremdung seines Eigenheims Einhalt zu gebieten, bereute dies aber noch in der gleichen Sekunde, als ihm die ersten unbedachten Worte über die Lippen kullerten, da diese hingehauchten Ermahnungen jedes Mal ein orkanartiges indogermanisch-serbokroatischen Wortgewitter auslösten, dem er sich nur durch Flucht entziehen konnte.

Selbst die von seiner Sekretärin Bettina zu erwartenden Vorhaltungen hinsichtlich seines Versagens, erschienen ihm da im Vergleich zu der ohrenbetäubenden serbokroatischen Dauerbeschallung, geradezu lächerlich ja sogar eher wie eine sanfter, trostreicher Hauch des Himmels!

Und vielleicht bewog ihn ja gerade diese ruhige, anspornende Intervention seiner Sekretärin dazu, dass er nach dem dritten ‚Iliseviczschen Donnerwetter’ endlich einen energischen Schlussstrich unter dieses unsägliche ‚Pferdeabenteuer’ zog, und nicht der seltsame Umstand, dass er in den letzten Wochen bereits jeden Morgen vor Verlassen seines Hauses, erst mit der bereitliegenden Kleiderbürste die Staubflusen, Pferdehaare und Strohreste der vergangenen Nacht aus seinem dunklen Anzug bürsten musste…

Bei der nachfolgenden Frau Moravec hatte erfreulicher Weise Hannelore ihre Finger im Spiel, was bei Carl unvorsichtiger Weise gewisse positive Erwartungen weckte! Eine sehr, sehr gute Freundin habe ihr Frau Moravec dringend für ihn empfohlen, hatte Hannelore zu ihm gesagt und flüchtig hinzugefügt, er sollte vorsorglich den einen oder anderen zerbrechlichen Gegenstand rechtzeitig in Sicherheit bringen…

Natürlich hatte Frau Moravec nicht das drahtige Hinterteil der ‚Stute Ilisevicz’ und auch nicht deren aufreizende Nüstern, sondern wirkte mit ihrem kräftigen, dunklen Flaum um einen verkniffenen, faltigen Mund eher ausgelaugt und vom Leben gebeutelt – aber sie verstand zu putzen! Innerhalb von zwei Wochen hatte sie Carls ‚Quasi – Pferdegestüt’ soweit auf Vordermann gebracht, dass er nicht nur dieses Haus wieder als sein eigenes erkannte, sondern plötzlich sogar abends wieder gerne heimkam. Allerdings um den Preis, dass längst verheilt geglaubte Wunden, gnadenlos aufbrachen und er fast täglich schmerzhaft an den Verlust seiner geliebten Gerlinde erinnert  wurde –  bei der damals auch alles so blitzeblank und ordentlich gewesen war!

Irgendwie verwirrte ihn dann aber doch sehr schnell der Umstand, dass er bereits seit zwei Tagen vergeblich nach einem Zahnputzglas Ausschau hielt. Und im Badezimmer und auf der Gästetoilette fehlten plötzlich die gläsernen Halter der Klobürsten. Von den beiden teuren, tönernen Raben auf dem Dielenschrank schien auch einer das Weite gesucht zu haben. Und im Gästezimmer hatte sich offensichtlich das Nachttischlämpchen mit dem bunten Glasschirm, das zwar abgrundtief hässlich war, aber ein Erinnerungsstück seiner Mutter, auch irgendwie in Luft aufgelöst! Allerdings nicht gänzlich, denn als er in seiner Restmülltonne Platz schaffen wollte, um einen Eimer eingetrockneter weißer Dispersionsfarbe darin verschwinden zu lassen, entdeckte er das arme Lämpchen, das sich mit seinem grässlich zerdepperten Schirm ängstlich an den Boden der Tonne schmiegte…

Die Aussprache mit Frau Moravec im Beisein von Hannelore verlief feucht! Bei jedem neuen Tränenschwall beteuerte die gute Frau, wie leid ihr alles täte, sie wüsste auch nicht, was mit ihr los wäre, aber in letzter Zeit wären ihr immer wieder das eine oder andere Mal ausgerechnet die Stücke aus der Hand gepurzelt, die sie gerade reinigen oder abstauben wollte! Ohne ihr Zutun wäre das passiert, das müsse ihr Herr Carl glauben, schluchzte sie. Vor lauter Angst, diese gut bezahlte Stelle zu verlieren, habe sie dann die zerbrochenen Sachen unglücklicher Weise versteckt oder entsorgt, da sie gehofft hatte diese Ungeschicklichkeiten würden nie mehr passieren  – und dann waren sie doch wieder passiert!

Natürlich würde sie für jeden einzelnen Schaden aufkommen, soweit ihr das möglich sei, schluchzte Frau Moravec und bearbeitete verzweifelt ihre etwas zu lang geratene Nase, die dunkelrot anlief und wie eine pralle Rosenknospe jeden Moment aufzuspringen drohte.

Diesem Strom an Tränen hatte Carl nichts entgegenzusetzen!

Da half auch Hannelores Beisein nicht. Carl unterband daher den gebirgsbachartigen Tränenfluss von Frau Moravec auf die Weise, dass er sie vorsichtig bat, ab sofort nichts mehr zu verheimlichen, sondern jeden weiteren Schaden gleich zu melden, beziehungsweise zerbrochene Gegenstände auf dem Tisch in der Diele abzulegen. Überglücklich wollte Frau Moravec für diese neue Chance Carl umarmen und ihn dabei vermutlich, ungeschickt wie sie war, gleich  in ihrer Tränenflut ertränken. Doch der zog ein weiteres Mal die feige Flucht dem mannhaften Ertrinkungstod vor…

Natürlich hatte Carl in seiner naiven Art nicht damit gerechnet, dass er in den nächsten vier Wochen auf dem Tisch in der Diele den kaputten Tischstaubsauger und die ehemals schöne große Salatschüssel finden würde, sowie zwei gerahmte Drucke aus der Diele, die ihm noch Gerlinde geschenkt hatte, den Radiowecker und die teuere spiralige Lampe vom Beistelltisch im Wohnzimmer! Angesichts dieser neuerlichen Schadensrate war es aber für ihn dann nicht mehr schwer, den ungewollten Vernichtungsfeldzug der sauber putzenden Frau Moravec in seinem Haus zu stoppen: er überwies ihr zwei Monatsentgelte und erteilte ihr bis auf weiters Hausverbot!

Und ausgerechnet als dieses monströse Putzfrauendrama so grandios festgefahren schien, dass auch Hannelore nur mehr mutlos ihre zarten Schultern hochzog  und Carl wieder einmal am Beginn einer neuen trostlosen Phase großer Ratlosigkeit stand,  ausgelaugt und entnervt vom Büro heim kam und notgedrungener Weise nur mehr auf die entlastende Wirkung der täglichen Rotweininfusion zählen konnte – saß an einem Dienstag im August Gerlinde in seinem Wohnzimmer! Frisch und lecker wie ein reifer Pfirsich lächelte sie Carl derart liebevoll an, dass diesem trotz rotem Kopf und zittriger Knie sofort klar wurde, dass er gerade dabei war für sein vertracktes Putzfrauenproblem doch noch die finale Lösung zu finden…

KH

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