Klaus Hnilica
Donnerstag, der 30. Mai 2013

Schlafen oder Wachen – Carls mühsamer Weg zu Friedrich Schiller

Carl und Gerlinde (XXXI)

Ausgerechnet am Freitagabend wurde Carl von Gerlinde und Hannelore zu Schillers ‚Maria Stuart’ – ins Schauspielhaus – geschleppt!

ZBimg071Schlimmer konnte es der bedauernswerten Maria Stuart auch nicht gegangen sein: denn Carl wurde nicht nur exakt zwischen die beiden bildungshungrigen Theaterenthusiastinnen in einen engen Folterstuhl mit beklemmend geringer Beinfreiheit gepresst, sondern zusätzlich noch wie auf einem mittelalterlichen Pranger einer feixender Schülerhorde als abschreckendes Entzugsobjekt vorgeführt, da deren schnelle Gehirne längst mitbekommen hatten, was Gerlinde und Hannelore nur in homöopathischen Dosen Carl mitzuteilen wagten, nämlich, dass die infernalische Aufgipfelung seiner Qualen ein zweieinhalbstündiger ‚Pilsentzug’ sein würde!

Die unfähige Theaterregie hatte nämlich nicht nur Maria Stuart entgegen allen gewerkschaftlichen Bestimmungen jede Art von Pause auf ihrem Leidensweg zum Schafott untersagt, sondern auch dem zahlenden Publikum! Und damit in einem Aufwasch Carls Entzugsschicksal besiegelt…

Und das am Freitagabend! Nach einer aufreibenden Woche gnadenloser Preisverhandlungen seiner Firma TRIGA mit vietnamesischen Unterlieferanten auf dem Sektor Herrenunterwäsche und Damenslips, an deren Ende sich Carl nichts anderes mehr wünschte, als drei Flaschen Bier, sein Sofa und eine stumpfsinnige Fernsehserie, die das vorabendliche Kurzschläfchen sicher stellte…

Kein Wunder, dass Carl, als er die ‚pausenlose’ Unverschämtheit der Theaterregie endlich auch von Gerlinde links und Hannelore rechts zugeflüstert bekam, aus Protest sofort in eine Art ‚Schlafstarre’ fiel, die darin gipfelte, dass er den gesamten ersten Akt des Schiller-Dramas durchschlief, ohne sich auch nur im Geringsten um die verheerende psychologische Wirkung auf die jungen Menschen um ihn zu kümmern…

Ja – er ließ sich nicht einmal durch die grauenhafte musikalische Untermalung zwischen den einzelnen Szenen beeindrucken, die aus einem ins Wahnsinnige gesteigerte, quietschenden Schabegeräusch von ‚Kreide auf trockener Tafel’ bestand, das nicht nur allen Zuschauern vom Rücken abwärts alles zusammenzog, sondern auch sämtliche Hörgerätträger in den Tinitus trieb… Leider zeigte diese geisterbahnartige Geräuschkulisse mit fortschreitender Dauer dann doch auch bei Carl Wirkung: sein Schlaf gestaltete sich zunehmend unruhiger als daheim vorm Fernseher, mit der Folge, dass er einige Male recht rüde vom Bühnengeschehen gestört wurde! Insbesondere von dieser riesigen, knarrenden, hin und her schwenkenden schwarzen Wand! Ein grotesker Regieeinfall!

Vermutlich um das Bühnenpersonal vorausschauend ausdünnen zu können, wie Carl im Halbschlaf murmelte, indem gezielt alterschwache Schauspieler zwischen Bühnenrand und ‚Schwenk–Wand’ zu Tode gequetscht wurden – oder zumindest verstümmelt, wie dieser Mortimer, der aber trotz seiner korkenzieherartigen Leibesverkrümmung weiterhin zäh am Leben zu hängen schien und der tödlichen ‚Schwenk–Wand’ unermüdlich auswich…

Die bedauernswerte Maria Stuart hatte wohl nicht soviel Glück gehabt: ihr Oberkörper war bereits bei ihrem ersten Erscheinen arg nach vorne gequetscht! Was schmerzhaft gewesen sein musste…Nur Königin Elisabeth war verschont geblieben, sie stolzierte aufrecht und gelassen über die Bühne; ihrem panzerartigen Reifrock konnte die tödliche ‚Schwenk–Wand’ offensichtlich nichts anhaben!

Besonders ärgerlich empfand Carl, dass bei dieser unseligen Freitagabendinszenierung alle Schauspieler plötzlich vom Publikum gehört und verstanden werden wollten! Denn entgegen der bisherigen Gepflogenheiten sprachen sie nicht mehr mit dem Rücken zum Publikum in den hinteren Bühnenraum hinein, wo kein Mensch war, sondern ratterten ihre Schillertexte wie Maschinengewehrsalven derart laut ins Publikum, dass sie Carl bis in den Schlaf hinein verfolgten…

Nur die böse Königin Elisabeth, hatte Mitleid: sie flüsterte hartnäckig in Richtung Beleuchtung. Natürlich tat sie das nicht aus Respekt vor Carls Schlaf, sondern bestimmt aus Scham wegen ihres giftgrün geschminkten Gesichtes. Vermutlich hoffte sie unentdeckt zu bleiben? Eine folgenschwere Fehleinschätzung: denn Mortimer erspähte sie in ihrem pinkfarbenen Reifrock blitzschnell zwischen der hin und her schwenkenden Wand und machte sich nach ein paar hübsch gereimten Frechheiten auch sofort über sie her. Rücksichtslos griff er ihr trotz Geflüster und Reifrock ohne lang zu Fackeln dreist in den Schritt!

Das war unerhört, wie Carl in einem der wenigen wachen Momente, im Gegensatz zu Gerlinde und Hannelore, fand; eine skandalöse Schweinerei! Schließlich saß viel junges Volk vor ihm, das bei dieser Szene recht irritiert kicherte! Der Bursche schräg vorne grinste sein Nachbarmädchen besonders dreckig an!

Und als sich Elisabeth – immer noch flüsternd – zu allem Überdruss auch selbst zwischen die Beine langte, wurde die Sache echt oberpeinlich! Die zwei blutjungen Mädels links vor ihm schauten verlegen auf den Boden! Carl war richtig froh, dass sich in dieser peinlichen Situation die rechtwinklig hingequetschte Maria Stuart mühsam für einen Augenblick aufrichten konnte und Königin Elisabeth strafend zuschwallte…

Einige Schüler wurden unruhig! Sie brauchten eine Zigarette! Genau wie Carl sein Pils! Aber nein, die geile Elisabeth wich nicht! Selbst die schwarze Wand war plötzlich bedeutungslos: Elisabeth stand unerschrocken in ihrem Reifrock da, total grün im Gesicht, von allen verlassen und hätte in diesem Moment ihr Gesicht bestimmt auch tief rot einfärben lassen, wenn ihr das irgendwie weiter geholfen hätte, oder auch gelb, oder blau, oder pink getupft…

Nur nicht schwarz! Diese Farbe schien ihr abhanden gekommen zu sein; vielleicht auch wegen der bedrohlichen Wand, die eh ausreichend schwarz war, dachte Carl hellwach, da das kühle Pils quasi schon gegen sein Gaumenzäpfchen schwappte… Beim Pils würde ihm bestimmt auch einfallen an welche aktuelle Politikerin ihn diese vereinsamte Elisabeth erinnerte, sagte er halblaut zu Hannelore, als endlich das Licht anging…

Natürlich bedeutete das Pils im ‚Fundus’ nach dieser Kulturtortur nicht nur für Carl eine Erlösung! Das Lokal war brechend voll und alle labten sich bei Wein und Wasser wie nach einer langen Hungerperiode an den teuersten kulinarischen Leckereien des Restaurants. Schiller und seine Verse waren vollkommen vergessen! Auch die tote Maria Stuart und die böse Königin Elisabeth! Selbst Hannelore und Gerlinde kicherten nur noch über die verschrobenen Paare an den Nebentischen – und Carl genoss unbehelligt bereits sein drittes Bierchen, ja er überlegte sogar, ob nicht wenigstens er Friedrich Schiller seine Referenz erweisen – und eine tüchtige Portion dieser köstlichen ‚Schillerlocken’ bestellen sollte?

KH

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1 Kommentar zu “Schlafen oder Wachen – Carls mühsamer Weg zu Friedrich Schiller”

  1. rd (Donnerstag, der 30. Mai 2013)

    Genial – erinnert mich an eine unselige Aufführung von Schillers „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“, die ich zur Wiesnzeit im Residenztheater erlebt habe …. Ist mir als „Fiasko von Genua“ haften geblieben … 🙂

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