Klaus Hnilica
Donnerstag, der 7. April 2011

Schnitzelessen…

Carl und Gerlinde (VII)

Als Carl gut gelaunt aus der Firma heimkam, überraschte ihn Gerlinde mit leckeren, knusprigen Schnitzeln und ihrem legendären Kartoffelsalat!

Niemand bereitet diesen so köstlich zu, wie sie. Wohl ein Geheimrezept ihrer Mutter – Gott hab’ sie selig! Auf jeden Fall war neben einer kräftigen Prise Zucker auch Senf und Muskat in der Marinade und die Zwiebeln brühte sie kurz in echter Rinderbrühe, bevor sie alles unter die noch warmen, frisch geschnittenen Kartoffel mischte…Soviel wusste Carl! Mehr nicht! Was ihn aber nicht störte, da er sich viel lieber auf den Verzehr dieser Köstlichkeit konzentrierte…

Auf seine Frage, welchem freudigen Anlass dieses Festessen heute Abend zu verdanken sei, ging Gerlinde komischer Weise nicht ein, sondern deckte  geschäftig den Tisch. Mit Frühlingsservietten, frischen Primeln und den neuen Rotweingläsern!

Auch seine zweite Frage überging sie und spülte schnell die Bratpfanne und einen Topf…

Beim dritten Nachfragen, als er lachend beide Arme um sie schlang und an ihren üppigen Lippen knabberte, die köstlich nach Kartoffelsalat schmeckten, errötete sie aber, drehte ihren Kopf weg und wand sich rasch aus seinen Armen…

Jetzt war Carl  neugierig geworden und ließ nicht mehr locker!

Er fasste wieder nach ihr, presste sie kurz an sich und meinte, noch immer lachend, ob  sie ihm wirklich den Grund für dieses überraschende Festessen vorenthalten möchte?

„Ja“, sagte sie, „weil du mich nur auslachst…“

„Na, was soll denn das, Gerlinde?“

„Ja bestimmt, du wirst mich auslachen, weil es so lächerlich und peinlich ist, aber für mich eben nicht…“

„Gerlinde, auch wenn es dir peinlich ist, möchte ich es trotzdem wissen, denn bezüglich festlicher Essen bin ich ein gebranntes Kind, wie du weißt: nach dem letzten überraschenden Festessen hat mich meine liebe Frau Inge genau so überraschend verlassen…“

„Ja, ich weiß Carl, wie Inge das damals inszeniert hatte, du hast es mir ausreichend oft erzählt und dich selbst immer sehr bedauert!“

„War auch nicht schön gewesen…“

„Glaub ich, aber keine Angst, darum geht es heute nicht!

Obwohl wenn ich es mir so überlege“, sagte sie plötzlich erstaunlich gefasst und beinahe vergnügt, „geht es schon um so etwas wie Abschied und Verlust…“

„Na du machst es ja spannend…“

„Vielleicht? Will ich aber nicht!“

„Dann sag es doch, bitte!“

„Carl – mir ist das unangenehm…“

„Ist denn wer gestorben?“

„Ja!“

„Deine Oma?“

„Du Blödel, die ist schon lange tot…“

„Wer dann?“

„Niemand aus der Verwandtschaft!“

„Sondern?“

„Hm…“

„Du zögerst?“

„Ja, weil es so unmöglich ist!“

„Bitte, Gerlinde – wer ist es?“

„Knut…“

„Knut! Ist das jemand aus deiner norwegischen Verwandtschaft?“

„Blödmann – ich mein den Knut – aus Berlin…“

„Von wo aus Berlin?“

„Aus dem Zoo – du Ekel…“

„Warum bin ich ein Ekel?“

„Weil du so dumm tust…“

„Ich?“

„Sag bloß du kennst Knut nicht?“

„Natürlich kenn ich Knut“, sagte Carl, wenig überzeugend.

„Stell dir vor, sagte Gerlinde plötzlich sehr ernst mit weit geöffneten Augen, „ der hat sich gestern ganz überraschend auf seinem Felsen im Gehege zu drehen begonnen und ist ins Wasserbecken gestürzt…“

„Und?“

„Ist da ganz, ganz  jämmerlich ertrunken…“

„Tut mir leid, Gerlinde, wirklich!“

„Und mir erst, ich hab geheult wie ein Schlosshund“, sagte Gerlinde, während ihr schon wieder die Tränen über ihre bissfesten Wangen kullerten.

„Wirklich schlimm“, sagte Carl. „aber fast genau so schlimm ist die Sache da  in Japan mit dem Tsunami und der Atomkatastrophe …“

„Ja aber der Knut hat so ein schreckliches Ende nicht verdient“, schluchzte Gerlinde.

„Nein, aber die Japaner auch nicht, die sind auch ganz schön beschissen dran, ich bin nur froh, dass ich keine Aktien von dieser Tepco, oder wie diese Betreiberfirma  heißt, habe …“

„Ja Carl, aber der Knut dieser goldige Eisbär, der konnte ja gucken, dass einem die Knie weich wurden…“

„Glaub ich dir Gerlinde, aber welch ein Glück, dass ich deine Schnitzel immer viel lieber gegessen hab’, als diese komischen Sushi, die jetzt alle verstrahlt sind  …“

„Carl, hör doch, der Knut, der hat so ein kurzes Leben nicht verdient; bei ihm standen doch die Menschen jeden Tag Schlange – wochentags und feiertags “!

„Gerlinde, der kann froh sein, dass er tot ist und nicht mehr verstrahlt werden kann…“, sagte Carl sorgenvoll und griff nach der letzten Flasche Bier.

„Vielleicht hast du recht,  ich könnte Tag und Nacht heulen, Carl!

Knut konnte doch nichts dafür. Warum musste der sterben? Findest du das gerecht? Ich nicht! Die Zeitungen sind ja  voll mit seinen Bildern,  alle sind betroffen und können es nicht fassen, dass  es ihn nicht mehr geben soll…“

„Mensch, Gerlinde apropos  Bilder, ich wollte mir doch letzte Woche noch diese neue japanische Kamera kaufen – ein  Sonderangebot!  Hätte ich Blödmann das nur gemacht, jetzt ist es vielleicht für immer zu spät – auch verstrahlt…“

„Wie der Knut auf den Bildern so guckt und sich tollpatschig bewegt, man hätte ihn mit Haut und Haar auffressen können?

Und jetzt ist er tot!

Weißt du Carl, da dachte ich mir einfach, dass sein Tod nicht so übergangen werden darf!  Das wär nicht richtig! Und hab im Gedenken an ihn uns dieses schöne Essen heut’ gemacht“!

„Gott wie bist du rührend, Gerlinde, du hast wirklich ein edles Herz“, sagte Carl und fischte schnell nach dem letzten Schnitzel, da sich Gerlinde wegdrehte und lautstark schnäuzte!

Der Kartoffelsalat war ja schon aus – wie üblich zu wenig!

Als dann die letzte Flasche Bier auch leer war, umarmte Carl seine Gerlinde aber trotzdem und dankte ihr mit einem feuchten Bierkuss auf die Stirne für das wunderschöne, stimmungsvolle Schnitzelessen…

Dem Knut hätte es auch geschmeckt…

KH

PS:
Achtung: am 21. April 2011 sind Carl und Gerlinde wieder im Blog!

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