Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. Februar 2012

So geschah es – eine Fallanalyse

Alfred S. öffnete behutsam die Tür.

Geräuschlos.

Vor zwei Wochen hatte er beide Türangeln und das Schloss frisch geölt. Hilde und Julia durften auf keinen Fall aufwachen. Ihre Blicke hätte er nicht ertragen…

Selbst das abgeblendete Licht aus der Diele war noch zu grell; er lehnte die Zimmertür soweit an, dass sich nur ein schmaler Lichtspalt in das anheimelnd warme Kinderzimmer zwängte. Wie groß doch das Zimmer war?

Hilde lag wie früher auf dem Rücken.

Aus der ’schwarzen  Mundhöhle‘ in ihrem ehemals hübschen Gesicht gurgelte schmatzendes Geschnarche über das breite Bett. Die Bettdecke hatte sie auch hier bis zur Kinnspitze hochgezogen.

Julia lag Gott sei Dank abgewandt von der zugedeckten Schnarchtüte. Sie schlief vollkommen lautlos unter ihrem flaumigen Berg schwarzer Haare.

Schade. Er hätte so gerne ihr schlafendes Gesicht gesehen.
Aber ihr schmaler Rücken war wenigstens abgedeckt; das pinkfarbene Oberteil leicht hoch geschoben. Zitternd starrte Alfred S. mit wässrigen Augen auf die freigelegte schimmernde Haut. Warum durfte er nicht ein einziges Mal über diese warme Haut seiner Tochter streicheln?

Hilde hatte vor sechs Jahren jede Berührung zwischen Vater und Tochter, unterbunden, als sie von einem Tag auf den anderen aus dem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen war. Sie sagte, so alte, vertrottelte Drecksäcke wie Alfred, kämen nur auf perverse Gedanken, wenn sie junge Dinger umarmten. Julia müsste sich unbedingt von ihrem angeblichen Vater fernhalten.

Und sollte sie auch nur ein einziges Mal dieses Verbot übertreten und von ihr bei Alfred erwischt werden, würde sie ihr das Leben derart zur Hölle machen, dass sie sich wünschte nie geboren worden zu sein. Es ginge ihr dann genau wie Alfred, den sie schon seit fünfzehn Jahren in der Mangel hätte.


Wie sie sich auf diesen verrotteten Typ einlassen hatte können, sagte Hilde, wär ihr heute noch ein Rätsel. Weder von seinem schäbigen Hungergehalt, noch von seiner mickrigen Rente war er jemals in der Lage gewesen, etwas Nennenswertes in die Haushaltskasse abzudrücken. Aber faul Herumliegen, Fernsehen, Bier saufen und blöd durch die Gegend furzen, das hatte er immer gekonnt, sagte sie.

Dabei hätte sie wirklich eine Entlastung im Haushalt brauchen können!  Aber dazu war er ja überhaupt nicht fähig: wo man hinschaute in der Wohnung, strotze es vor Dreck, giftete Hilde. Und den Fraß, den er täglich in ihrer Küche zusammenrührte getraute sie sich nicht einmal in die Biotonne zu werfen, so widerwärtig wär der. Wie Julia so etwas tagtäglich in sich hineinfressen konnte, hätte sie nie verstanden, sagte sie. Na ja vielleicht war sie doch seine Tochter…

Und dieser widerwärtige säuerliche Geruch! Jedes Mal, wenn sie in seine Nähe käme, würde sie in Gefahr laufen sich zu übergeben, sagte sie. Das Fernsehen mit ihm wär die reinste Höllenqual. Warum konnte man so einen Drecksack nicht einfach in der Biotonne entsorgen, sagte sie oft zu ihrer Tochter, die dann dumpf vor sich hinstarrte…

Was wäre das für eine unendliche Befreiung, rief sie oft sonntags, wenn Alfred endlich abhaute oder noch besser – abkratzte.

Sollte dieses freudige Ereignis jemals eintreten, würde sie sich echt nicht entblöden und sogar in die Kirche rennen, um die dickste und längste Kerze anzuzünden. Und nicht einmal die widerliche Pfaffenbrut würde sie in diesem Fall in ihrem Freudentaumel stören können, sagte sie.

Und auch ihre hinterfotzigen Arbeitskolleginnen nicht, die sie ohnehin Tag und Nacht nur belügen und betrügen würden  und bei  ihrem Chef anzuschwärzen versuchten, wenngleich ohne Erfolg, da dieses Schwein sowieso nichts anderes im Hirn hatte, als sie wöchentlich zu decken, sagte sie vor zwei Wochen schon zum wiederholten Mal zu Alfred, der im Halbdunkel des behaglich warmen Kinderzimmers, leise neben seine schnarchende Frau trat, sie lange betrachtete und sogar kurz auflachte, bevor er mit großer Behutsamkeit, die neu gekaufte Pistole, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf das schwarze schnarchende Loch richtete. Er zielte sorgfältig, hielt kurz den Atem an und drückte dreimal ab…

Bereits beim zweiten Schuss fuhr Julia mit schreckensgeweiteten Augen hoch und stieß einen unvorstellbar gellenden Schrei aus.

Wie ein aufgehetztes Tier sprang sie Sekunden später brüllend vom Bett ins Licht der Diele und trommelte wie von Sinnen mit ihren hellen Fäusten und Füßen  wimmernd, gegen die verschlossene Eingangstür bis sich draußen endlich die Nachbarn meldeten…

Etwa zu diesem Zeitpunkt fiel der vierte Schuss, sagten die Nachbarn später zur Polizei!

KH
(Jede Ähnlichkeit mit einem Ereignis aus jüngster Vergangenheit ist reiner Zufall!)

PS:
Und in zwei Wochen, am 23. Feb. 2012 sind wir wieder bei „Carl…“, der noch immer ohne Gerlinde ist!

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1 Kommentar zu “So geschah es – eine Fallanalyse”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 9. Februar 2012)

    I don’t like this story. It is too black and white, (or rather black and black). Who gave it 5 stars? Are wives generally to blame for getting murdered?

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