Klaus Hnilica
Donnerstag, der 5. Mai 2011

Solar oder Nichtsolar

Carl und Gerlinde (IX)

das ist hier die Frage? Für Carls Nachbar Konrad nicht! Der rührige Mann hatte bereits das gesamte Dach seines Altbaus mit Solarmodulen voll gepflastert und wenn seine Frau Luise nicht Einspruch erhoben hätte, wäre sein Garten auch noch unter einem Schwarm von Solarmodulen verschwunden.

An sonnigen Tagen kam dieser Konrad gern grinsend auf Carl zu und bedankte sich spöttelnd für das Monetäre, das ihm Carl stündlich auf sein Konto zauberte! Er fände das lustig, dass jede Sonnenstunde auf Anordnung der Regierung ihm Geld brächte, sagte er. Und da Carl als Einziger im Viertel noch keine Solaranlage auf dem Dach hatte, unterstützte er ja nicht nur ihn, sondern auch alle anderen rundherum – das sei wirklich ein schöner Zug, ein eindrucksvolles soziales Engagement, nuschelte er grinsend  in seinen angegrauten Bart…

Natürlich zwängte sich Carl bei diesen solaren Späßchen immer ein entspanntes Lächeln in sein verkniffenes Gesicht, aber im Stillen spürte er, dass irgendetwas aus dem Lot geriet…

Immer öfter erschrak er über sich selbst, wenn er sich dabei ertappte, wie er den Konrads ein Übel nach dem anderen an den Hals wünschte: erst nur kleine Windhosen, die ihnen das Dach wegfegten, später schon lokal begrenzte Gasexplosiönchen, die die gesamte Photovoltaik in den Himmel pusteten und schließlich den einen oder anderen Jahrhundert–Hagelschauer, der die Solarmodule schlagartig in ihren Ausgangszustand, nämlich Sand, zurück verwandelte!

Oder wenn doch wenigstens ein einziger Vogelschwarm gekommen wäre, der diese verdammten „Plates“, wie Konrad seine Solarmodule oft selbstverliebt nannte, so voll gekackt, dass sich sein Sonnenstrom in eine zum Himmel stinkende Wolke verwandelt hätte, und er, Konrad, gezwungen gewesen wäre, unter Einsatz seines Lebens mit dem Hochdruckreiniger dieses stinkende Ungemach wegzuschwemmen und seine ewig nörgelnde Luise gleich mit…

Und im Winter, wenn erdrückende Schneelasten Konrads Dach samt seinen „Solarplates“ verdächtig knistern und knacken ließen, konnte Carl stundenlang vergnügt auf dieses wonnige Weiß starren und Konrad genüsslich nach den aktuellen Stromerlösen abfragen…

Eine gewisse nervenberuhigende Genugtuung fand Carl aber darin, dass nicht nur ihm über die Stromrechnung dieser solare Obolus aus der Tasche geleiert wurde, sondern jedem Städter auch, obwohl der ja wirklich nie eine Chance auf eine eigene Anlage und den solaren Geldsegen hatte; und jeder Sozialhilfeempfänger musste auch löhnen!

Wenigstens das tat gut!

Ja – vielleicht sollte er sich wirklich in einen ‚antisolaren Robin Hood’ verwandeln, dachte er, wenn er sich nachts schlaflos im Bett wälzte, in einen Kämpfer für die solar Entrechteten, die gar keine Chance hatten, an den von der Regierung verordneten monetären Ausschüttungen mitzunaschen, sondern nur jährlich ihre Euros an die solaren Stromlieferanten abdrücken mussten …

Carl hätte in all seinen solaren Nöten auch Trost gefunden, wenn nur einmal in diese gottverdammten Schmarotzerhäuser mit ihrer Photovoltaik der Blitz eingeschlagen und ein richtiges Feuerwerk entfacht hätte!

Für ein paar Stunden hätte ihm das unendliche Erleichterung verschafft und wär den anderen eine Lehre gewesen: denn im Schein der lodernden Flammen blieben die Solaranlagen auch während des Löschvorganges voll unter Spannung, wie er einmal gelesen hatte, und die braven Feuerwehrleute hatten oft gar keine andere Wahl, als solche Häuser kontrolliert abbrennen zu lassen! Das wär wirklich ein Festtag gewesen…

Gerlinde bereitete Carls „Solarplexus“, wie sie seinen Wahn spöttisch nannte, zunehmend Sorge!

Sie sagte zu Hannelore, dass sich ihr guter Carl da immer mehr in irgendetwas Ungutes hineinsteigere. Fast jede zweite Nacht spüre sie, wie er sich schlaflos neben ihr herumwälze: oft schweißgebadet! Was gar nicht so arg gut roch! Und wie er im Schlaf hochfuhr und redete und er dann tagsüber abgespannt und lustlos durch die Gegend tapste.

Außerdem – und das sollte bei ihm was heißen, litt er bereits an Appetitlosigkeit! Ja nicht einmal seine heiß geliebten Bierchen schmeckten ihm noch …

Und den Fernseher drehte er auch nicht mehr auf, weil er bei der blöden „Solar“ – Reklame mit dem noch blöderen „Lary Hagman“ und seinem „schein Baby schein“ regelmäßig einen Anfall bekäme und auf beängstigende Weise ausrastete…

So gehe das nicht weiter, sagte Gerlinde nach dem Gespräch mit Hannelore ein paar Tage später zu Carl, als er wieder trübsinnig vor dem ausgeschalteten Fernsehgerät hockte. Er sei ja fast schon so eine tragikomische  Figur, wie dieser „Hamlet“ von dem Shakespeare, sagte sie, an den sie sich  aus ihrer  Schulzeit noch gut erinnern könnte; die Anfangszeilen könnte sie bis heute noch hersagen …

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:, deklamierte sie plötzlich mit überzogener Dramatik und drohend erhobenem Rotweinglas,
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden, oder
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –„

Ähnlich sei das bei ihm, nölte sie und trank ihr Glas in einem Zug aus…

Mit seinem ewigen Rumgetue, ob er auf „Solar“ oder „Nichtsolar“ machen sollte, quäle er nicht nur sich, sondern auch seine Umgebung und vor allem sie!

Wenn das so weiterginge, lande er wirklich noch in der Klapsmühle oder bekäme einen Herzinfarkt!

Irgendwann müsste er jetzt endlich über seinen „solaren Schatten“ springen und sich halt in Gottes Namen auch so ein „Solarding“ aufs Dach klatschen und Fördergelder kassieren, wie die anderen, und sich vor allem endlich wieder körperlich „regenerieren“…

„Vielleicht meint ja die Regierung das mit der „regenerativen Energie“, sagte Gerlinde frotzelnd und prostete Carl aufmunternd zu…

Carl, der sie aus trüben Augen die ganze Zeit über erstaunt angestarrt hatte, nickte ihr zunächst kaum merklich zu,  nuckelte dann aber doch an einer bereits geöffneten Bierflasche und nach ein, zwei Schlückchen war sie schon leer, ohne dass er es recht mitbekommen hatte und nach wenigen weiteren Schlückchen schon die nächste…

Auch für Gerlinde überraschend sagte er auf einmal mit stark gerötetem Gesicht, dass er es den Brüdern noch zeigen werde!

Er werde nicht wie dieser komische Hamlet „Sterben und Schlafen“, sondern er werde sich eine Solaranlage zulegen, dass allen die Klunker aus dem Kopf fielen und er werde zum Unterschied von dem Hosenscheißer Konrad wirklich seinen gesamten Garten mit „Plates“ zupflastern und dann doppelt soviel Geld kassieren wie alle die Brüder zusammen, ja diesen Triumph gönne er sich, sagte er, mit funkelnden Bieraugen. Und wenn für diesen Triumph der Garten unbrauchbar werde und selbst die Regenwürmer im Boden verschimmelten, wär ihm das auch egal. Schließlich ginge es bei dieser Sache ja um keine Kleinigkeit sondern um die Rettung des Klimas…

Ja, ja… sagte Gerlinde mit einem erleichterten Lächeln und dirigierte ihren Carl sicherheitshalber erst einmal ins Bett, bevor er morgen die Welt rettete…

KH

PS: In zwei Wochen am 19.Mai 2011 pausieren „Carl und Gerlinde“, da kommt Dagmar von Platen in „Meerestiefen… „

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