Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Januar 2012

Spurensuche

Als Johannes Kant an diesem Samstagvormittag im März vor seinem Rückflug nach Frankfurt etwas gehetzt eine der vielen namenlosen Galerien in Berlin betrat, konnte er noch nicht wissen, dass seine  Maschine ohne ihn fliegen würde.

Kant suchte ein Geschenk und dachte an ein Bild. Nicht zu groß. Handgepäckgröße.

Teuer sollte es auch nicht sein, aber doch so, dass sein Freund Gregor, ein Kunstkenner und Liebhaber der ‚Ost–Kunst’, staunte.

Sieben Galerien hatte er bereits durch. Die Qualität der angebotenen Kunst war erstaunlich. Natürlich alles Sachen von Nobodies, aber gut!

Nur – für Gregor musste es schon etwas Besonderes sein. Kant wollte sich auf keinen Fall blamieren!

Diese achte Galerie war leider stickig, klein und schlecht ausgeleuchtet, alles wirkte provisorisch und konzeptlos. Eine düstere, schwarz gekleidete Dame vor ihrem aufgeklappten Laptop fragte Kant, ob sie behilflich sein könnte. Doch der wollte sich nur umsehen. Unverbindlich.

Kleinformatige Radierungen hingen verloren an einer schmutzigweißen Wand. Das gerahmte Bild mit dem umschnürten Kopf gefiel Kant, es erzeugte spontan ein Gefühl der Beklemmung. Die pfeilartigen Enden der Verschnürung wiesen nach oben und rechts, als zeigten sie neue Wege! Doch oben war nur die schmutzige Decke und rechts eine Leerstelle. Weiter weg hing ein Bild, größer als die anderen. Und farbig; vielleicht in Acryl. Leider war es so schlecht beleuchtet, dass Kant ganz nahe herangehen musste, um irgendetwas erkennen zu können.

Er bat die Dame am Laptop um mehr Licht, erblasste dann aber plötzlich und starrte sekundenlang – wie in Schockstarre – auf dieses Bild in Acryl.

Ähnlich ging es der schwarzen Dame, die Kant anstarrte.

Mit  ausgetrocknetem Mund und um Fassung bemüht fragte er, „spüren Sie auch die anklagende Trauer in diesem Bild?“

„Nein.“

„Ruft da nicht jemand um Hilfe?“

„Nein.“

„Erstaunlich! Von wem ist dieses Bild, hängt es schon länger hier?“

„Weiß ich nicht, ich bin nur die Vertretung, aber die Chefin wollte in drei Stunden zurück sein“.

Chefin – war ja wohl ein Witz bei dieser jämmerlichen Galerie, dachte Kant, sagte aber freundlich, dass er soviel Zeit nicht habe und ging.

Zwei Stunden später saß er aufgewühlt und verunsichert in einem Leihwagen Richtung Hamburg. Susanne, seiner Frau, hatte er telefonisch Bescheid gesagt. Überzeugen konnte er sie nicht. Sie wollte mit der unendlichen Geschichte seiner DDR–Vergangenheit nichts mehr zu tun haben.

Kant hatte auf dem Bild in der Galerie, sofort die Stelle wieder erkannt. Der Ahorn, noch klein, war bestimmt ein mächtiger Baum geworden. Und die Seide von dem Fallschirm, ob von der noch etwas zu finden war? Kant spürte, wie er funktionierte und viel zu schnell über die Autobahn raste. In Neuruppin fuhr er ab und fragte sich durch – nach Netzeband! Die Straßenführung war neu. Seine Eltern hatten in Netzeband einen Gutshof bewirtschaftet.

Heute war das angeblich ein Hotel. Vielleicht sogar eine Klinik. Ein französischer Arzt aus der Charité soll sich der verfallenden Gemäuer angenommen haben.

Und dann die Enttäuschung als er vorfuhr! Da war nichts mehr, was ihn an damals erinnert hätte. Wohnhaus, Stallungen, Scheune – alles  weg! Ein  klobiges Ungestüm von Gebäude schien über alles einfach drübergestülpt worden zu sein. Eine uneinnehmbare Festung!  Der Parkplatz davor – auch neu! Immerhin stand da wenigstens ein einziges verlassenes Auto. Sonst Stille! Weit und breit niemand zu sehen. Kant versuchte jede sentimentale Regung in sich zu ersticken. Die protzige Pforte aus Glas und Beton schien Video überwacht. Trotzdem musste er an der Rezeption zweimal  klingeln, bis sich endlich jemand seiner annahm.

„Guten Tag“, sagte eine Stimme, die er kannte.

Die düstere Dame aus der Galerie trug jetzt ein rotes Kleid und war in der neuen Umgebung auf einmal erstaunlich hübsch. Sie lächelte ihn freundlich an, tat aber so, als hätte sie ihn noch nie gesehen. Kant war verwirrt, stammelnd fragt er nach einem Zimmer. Er hätte auch nach ‚seinem Zimmer’ fragen können, aber dazu fehlte ihm  der Mut.

„Leider sind wir das ganze Wochenende ausgebucht, eine Reisegruppe“, sagte die rote Dame und schüttelte bedauernd den Kopf, ohne ihr Lächeln abzusetzen. Obwohl Kant für einen Moment das Gefühl hatte, die Dame von früher zu kennen, spielte er das von ihr inszenierte ‚Nicht-Kennen Spiel’ mit. Die Chefin war auch hier nicht zu sprechen. In drei Stunden vielleicht…

Komisch, dachte Kant, wusste aber selbst nicht mehr, warum er sie sprechen wollte. Verwirrt suchte er das Weite. Mit Logik, die er sonst gelegentlich schätzte, hatte das alles nichts mehr zu tun! Das andere Auto auf dem Parkplatz war jetzt weg.

Kant ließ seinen Wagen stehen, zog eine warme Jacke über und ging wie in Trance auf einen Wirtschaftsweg zu, der zu dem Wald führte, in dem er früher jeden Baum gekannt hatte. Jetzt wirkte er fremd und bedrohlich…

Seine Stimmung war abgesackt.

Er  fand die  ganze Aktion plötzlich absurd und dumm!

Susanne hatte recht: irgendwann musste er sich von seiner Vergangenheit lösen, sonst würde er eines Tages an ihr ersticken. Morgen wollte er wieder einmal damit beginnen! Aber heute trieb ihn dieses unsägliche Bild mit der zerfetzten Seide immer tiefer in einen Wald hinein, den er eigentlich nie mehr betreten hatte wollen.

Wo war die Lichtung, auf der ihm Elsbeth, seine ältere Schwester, einst die Zwergenhäuser gebaut hatte? Es war sein Zwergenland gewesen, geheimnisvoll und voll seltsamer zwergenhafter Wesen, die auftauchten und verschwanden wie es ihnen beliebte. Oft in großer Eile, wie es schien, da sie immer wieder Holztöpfe und Zwergenwerkzeug zurück lassen mussten!

Erstaunlich hell war der Wald, mit seinen knospenden Buchen, aber er hatte sich so verändert, dass Kant völlig orientierungslos herumirrte. Ein auffliegender Eichelhäher erschreckte ihn!

Um die Stelle zu finden, wo nach dem Gewitter, der russische Soldat mit bleckenden Zähnen, Blut überströmt, in seinem Fallschirm gehangen hatte, hätte Kant vielleicht durchs Unterholz kriechen müssen. Das wollte er nun doch nicht! Noch dazu wo er kein Zimmer bekommen hatte. Aber Kant spürte plötzlich wieder etwas von dem widerlichen Geruch des Blutes des Soldaten. Und er hörte noch einmal sein verzweifeltes Stöhnen, und fühlte wieder die Angst, die er für immer vergessen hatte wollen! In seiner Not hatte er damals nur Elsbeth von dem verletzten Soldaten erzählt, was der größte Fehler seines Lebens gewesen war, denn sie war nach ihrer geheimen Hilfsaktion nie mehr aus dem Wald zurückgekommen…

Vielleicht war es ja dieser Ahornbaum da vorne, an dem er ein paar Wochen später überraschend das Stück Fallschirmseide gefunden hatte, das er auf dem Bild sofort wieder erkannt hatte: seltsam verschlungen an jungen aggressiven Ahorntrieben, als hätte irgendwer die Stelle markieren wollen! Auch an den gekräuselten Faden erinnerte er sich noch, der wie auf dem Gemälde, aufgeregt im Wind flatterte, als wollte er etwas Wichtiges erzählen.

Für Kant war das damals ein Zeichen gewesen, das er aber für sich behielt – ja für sich behalten musste. Seine Eltern hatten ihm strengstens verboten, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Alle hatten Angst. Vor den Russen und den Genossen!

Kant hatte danach noch oft an dieser Stelle auf Elsbeth gewartet. Genau wie heute hatte er immer wieder gehofft, sie doch noch zwischen den Bäumen zu entdecken…
Aber da flog nur dieser nervige Häher herum!

Enttäuscht  und innerlich leer ging Kant noch einmal zum Hotel zurück.

Warum eigentlich? Er wusste es nicht. Genau wie damals, als er aus der DDR abgehauen war. Da hatte er auch nichts gewusst. Er hatte es einfach getan, da sein Freund Gregor es auch getan hatte.

Von der angesprochenen Reisegruppe war nichts zu sehen! Und die Hotelchefin war immer noch nicht da!

Als Kant das Haus verließ, glaubte er zu spüren, dass ihn irgendjemand beobachtete. Er drehte sich aber nicht um. Wozu auch? Elsbeth war es ja doch nicht! Außerdem graute ihm, wenn er daran dachte, wie er das alles seiner Susanne erklären sollte…

Verstört fuhr Kant nach Berlin zurück und gab sein Auto ab.

Die trostlose Galerie mit der schwarzen Dame fand er in der Kürze der Zeit auch nicht mehr. Egal. Gregor musste halt weiter auf ein ‚Kunstwerk aus der ehemaligen Ostzone’, wie er gern spöttelnd sagte, warten. Vielleicht klappte es ja beim nächsten Mal? Und vielleicht sogar mit diesem abstrusen Bild, von dem offensichtlich niemand mehr wissen wollte, wer es gemalt hatte…

Gott sei Dank klappte dann wenigstens in der Nacht noch der Rückflug nach Frankfurt!

KH

PS: Die Malerin Martina Roth und der Autor scheinen in dem Bild wohl eine ganz neue Spur von Elsbeth  entdeckt zu haben?

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

*