Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

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