Klaus Hnilica
Montag, der 4. Mai 2015

Supermodel

Carl und Gerlinde (XLIII)

„Da habt ihr ja in euerer ‚Superfirma TRIGA’ echt wieder einmal alles verschlafen, was man nur verschlafen kann“, feixte Gerlinde.

ZZZYimg180Sie grinste spöttisch und nippte kräftig an ihrem abendlichen Schoppen Riesling.

„Was denn….“? fragte Carl gedankenverloren, während er sorgfältig immer weitere Schichten seiner heiß geliebten Zungenblutwurst auf eine Baguettescheibe türmte, obwohl der Wurstberg bereits bedrohlich schwankte… Endlich biss er zu! Heulte kurz auf! Und fiel von einer Sekunde auf die andere in eine Art vorgezogene Totenstarre…

„Mist“, stöhnte er, fasste sich mit der rechten Hand ans Kinn und stierte mit aufgerissenen Augen Gerlinde an.

„Was ist?“ fragte Gerlinde erschrocken, ihr Glas immer noch an den Lippen.

„Gerade hat sich wieder eine meiner tausendjährigen Amalgamfüllungen verabschiedet“!

„Oh je – das passt ja! Wo du doch morgen schon in aller Herrgottsfrüh nach München musst?“ sagte Gerlinde und schlürfte hastig den letzten Tropfen ihres Rieslings weg.
„Jedenfalls hab ich jetzt einen Krater wie nach einem Meteoriteneinschlag in meinem Mund…“

„Wo denn?“

„Hinten!“

„Wo hinten?“

„Unten!“
„Wo unten?“

„Rechts!“

„Tut’s weh?“

„Nein – da ist längst alles tot“, grunzte Carl und ließ seine Zungenspitze wie eine Erkundungsdrohne um die frisch aufgeworfene Kraterregion kreisen.
„Die Plombe hab ich offensichtlich zerbissen und geschluckt!“

„Na bravo – Amalgam im Magen!“

„Vermutlich! Aber sicher nicht lange“, fügte Carl nach einer kurzen Pause überraschend munter hinzu und machte sich genüsslich über den erschrockenen Rest seiner Zungenblutwurst her! Anschließend flutete er mit Riesling und zwei Obstlern die neue Kraterhöhle und fragte Gerlinde noch einmal, was nach ihrer Meinung bei TRIGA verschlafen worden war?

„Ja hast du denn echt nicht diese verlockende Marktnische bemerkt, die sich vor zwei Tagen ähnlich plötzlich wie jetzt deine Zahnlücke für alle Unterwäschefirmen aufgetan hat?“

„Welche Marktnische?“ fragte Carl zögerlich und ließ schnell noch einen dritten Obstler im Krater verschwinden.

„Mensch – das riesige Loch in Peps hautengem Anzugshöschen“!

„Meinst du Guardiolas Missgeschick beim letzten Bayernspiel gegen den FC Porto?“

„Also wenn das ein Missgeschick war, dann will ich ab sofort Trinchen heißen und mich hier rein stechen lassen“, höhnte Gerlinde und deutete auf ihr appetitliches Hälschen.

„Und wo verbirgt sich deiner Meinung nach die Marktnische bei diesem Armani–Anzugshosenriss?“ fragte Carl gurgelnd, da wohl ein Rest des Obstbrandes aus der Riesenzahnhöhle tsunamiartig zurück in seinen Rachen geschwappt war…

„Nun – stell dir doch einmal vor“, dozierte Gerlinde, „dieses freudlose Stück schwarze Unterhose, das der gute Pep Guardiola damals einem völlig überraschten Millionen Publikum feil geboten hat, wäre ein nicht ganz so freudloses Unterhöschen euerer Firma TRIGA gewesen?“

„Und?“ fragte Carl, immer noch etwas neben der Kappe.

„Oh Gott – erkennst du denn tatsächlich nicht, dass diese unscheinbare dunkle Unterhose des ‚heißen Herrn Guardiola’ genau so gut ein schickes ‚Net-Höschen’ von TRIGA in grellem ‚Bayernrot’ hätte sein können?“

„Du meinst, der gute Pep hätte in diesem einmaligen Glücksmoment für die Unterwäscheindustrie auch in einem unserer sportlich roten ‚Männer Net-Bodies’ von TRIGA stecken können?“

„Ja das mein ich! Schön das du endlich aufwachst!“

„Weiberphantasien…“, meckerte Carl.

„Möglich, aber ich schwör dir“, eiferte Gerlinde, „dass der im ‚Bayernroten Net-Höschen steckende Pep’ nach diesem Supersieg über Porto nicht mehr von der Titelseite der „Bild“ zu verdrängen gewesen wäre – und zwar über mehrere Tage!“

„Er war ja so auch auf der Titelseite“! sagte Carl.

„Aber nur einen Tag und nicht in TRIGA-Wäsche sondern in irgendeiner namenlosen schwarzen Jersey Unterhose…“ ätzte Gerlinde.

„Die aber trotzdem in aller Munde war…“grinste Carl und versenkte selbstbewusst den vierten Obstler in seinem rechten unteren Meteoritenkrater!

„Das schon, aber diese Münder erwähnten kein einziges Mal den Namen TRIGA, gell?“ stichelte Gerlinde weiter und bugsierte vorsorglich die Flasche Obstbrand schon mal in Richtung Hausbar…

Carl musterte sie verdrießlich und fragte, ob dieses plötzliche prohibitive Vorgehen gegen seine Schnäpschen vielleicht etwas mit gekränkter Weiblichkeit zu tun habe?

„Ich weiß zwar nicht, was du meinst, lieber Carl, aber mir scheint nur, dass der Obstbrand in deinem Fall doch schon dein logisches Denkvermögen – das ihr Männer ja angeblich haben sollt – stark angegriffen hat?“

„Das mag ja sein, liebste Gerlinde, aber immerhin steht fest, dass einem winzigen Unterhosenabschnitt von Guardiola fast die gleiche Medienaufmerksamkeit zugekommen ist, wie sonst den üblichen halbnackten Schönheiten auf den Titelseiten? Das müsste doch der Damenwelt zu denken geben und bös an ihrem weiblichen Selbstverständnis kratzen? Oder liege ich da gänzlich daneben?“ fuhr Carl mit nagender Anteilnahme fort.

„Ach Gottchen, Carl“, so Gerlinde spitz, „ versuch dich doch bitte nicht in tiefgründigen Gedanken über die Weiblichkeit, sondern denk lieber nach, wie du dir diesen Pep als neues ‚Supermodel’ für TRIGA angeln kannst, bevor ihn dir der Bayernvorstand aus Gründen der Sittlichkeit auf ewig in Lederhosen versenkt …“

„Ja das mach ich, Gerlindchen, aber nur wenn du bei Armani erreichst, dass die ‚aufplatzenden Anzughosen für Trainer’ ins reguläre Konfektionsprogramm aufgenommen werden…“ höhnte Carl mit stolpernder Zunge und dankte Gott, dass er im Moment nur mit seinem angeknacksten Gebiss zurecht kommen musste und nicht auch noch mit einer vor ‚gerlindescher Ideen strotzenden Frauenpower’ bei TRIGA…

KH

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