Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. Oktober 2011

Tödliche Schritte…

… ich wache sofort auf, wenn sich meiner Tür Schritte nähern!

Egal, ob die Schritte laut oder leise sind, dumpf oder hart klingen, schnell oder zögernd wirken, ob sie sich nähern, inne halten, oder entfernen! Ob sie beschwingt dahertänzeln, trippeln, schleppend oder aggressiv erscheinen…

Egal wie, ich hör’ sie immer!

Mich kann man nicht täuschen! Nicht überraschen!  Ich bin immer auf der Hut und erkenne jeden Augenblick die Botschaft hinter solchen Schritten vor meiner Tür!  Und ich stelle mich von einer Sekunde auf die andere darauf ein! Mit allen Fasern meines Körpers! All meiner Kraft…

Ich weiß, dass diese Schritte vor meiner Tür nur ein Ziel verfolgen, nämlich mich quälend langsam zu vernichten!

Ein Ziel, das ich sogar vorgegeben haben könnte!

An Absurdität ist das nicht mehr zu überbieten: ich werde nach meinem eigenen Umerziehungs- und Vernichtungsprogramm liquidiert!

Es beginnt – soviel kann ich verraten  – ganz moderat mit einer sich ständig steigernden Einschüchterung des zu liquidierenden Verräters.

Beispielsweise durch ständig wechselnde Schritte vor seinem Unterschlupf, in den er sich verkrochen hat! Schritte, die er zunächst gar nicht merkt, die aber, wenn er sie zum ersten Mal wahr nimmt, ihn verunsichern, ihm  Angst einflößen, in ihm einen panischen Zustand entfachen! Ja, ihn bei genügend langer Dauer zermürben und vielleicht da schon seinen Verrat gegenüber der Partei und der Gemeinschaft eingestehen lassen…

Wenn das nicht reicht, wird die Aggressivität des Programms auf verschiedenste Weise systematisch verschärft, bis zu einem exakt geplanten Zeitpunkt der Abweichler zusammenbricht und Ressourcen schonend entsorgt werden kann!

Obwohl ich genau weiß, was nach der Einschüchterungsphase kommt, bin ich nicht bereit, dem Druck jetzt schon nachzugeben, wenngleich ich – da mache ich mir gar nichts vor – irgendwann im weiteren Verlauf des für mich vorgesehenen Programms natürlich auch unter den Qualen der Tortour alles sagen werde, was die Partei zu hören wünscht…

Aber im Moment will ich die Begründung meiner ideologischen Kehrtwende auf keinen Fall preisgeben: sie ist eine der wenigen Entscheidungen, die ich alleine getroffen habe. Sie bleibt mein persönliches Geheimnis und ist auch mein einziger minimaler Schutz, nicht sofort wie eine Küchenschabe ausgetreten zu werden.

Denn die Partei fürchtet und hasst nichts mehr, als spontane Abweichler, die ihr Tun nicht begründen und die sich auch noch erdreisten, angebliche Lügen der Partei anzuprangern!

Für die Partei stehen diese Nestbeschmutzer in einer Reihe mit den Blutsaugern, Betrügern und  Abzockern, die sich für ihre miesen Geschäfte rücksichtslos an den Ressourcen der Gesellschaft vergreifen, für die die Partei das ausschließliche Monopol beansprucht!

Kein Wunder, dass die Partei diesem schmarotzenden Gesindel, eine gnadenlose Umerziehung angedeihen lässt, die in der Hauptsache aus einer radikalen Selektion und Eliminierung besteht: Denn nur die ‚selektierte und reduzierte Masse’ kann so gesteuert werden, dass die Ziele der Ressourcenschonung im Land erreicht werden können, sagt die Partei!

Nur die ‚selektierte und reduzierte Masse’ könne die Zielvorgabe der Partei erfüllen, in deren Rahmen jeder Mensch ausschließlich den ihm zugeteilten ‚Anteil an Energie und Rohstoffen’ verbrauchen dürfe, sagt die Partei!

Schon von Geburt an werde die vorgesehene‚Teilhabe an Ressourcen’ nach dem Masterplan der Partei ermittelt, abgeglichen und mit der Gesamtheit in Einklang gebracht, sagt die Partei.

Altern werde dadurch erstmals gerecht gestaltet, sagt sie!

Altern werde planbar und zur Handelsware transformiert, da so Altern aufs Engste mit dem Ressourcenverbrauch gekoppelt sei und Altersanteile käuflich erworben oder veräußert werden können, sagt die Partei.

Endlich könnten nach diesem Programm die verarmten Massen auch zu Wohlstand gelangen, indem sie die menschlich wertvolleren Parteimitglieder an ihren Lebensdauerkonten partizipieren lassen und an diese Lebensanteile veräußern, sagt die Partei.

Und natürlich könne sie bei der Erfüllung ihrer großen Ziele keine parteischädigenden Gefühlsduseleien zulassen, sagt sie.

Dies umso mehr, als Gefühle von der Partei schon immer zu Recht als Ressourcenvergeudung angesehen wurden.

Und dem Ressourcenrecht sei alles unterzuordnen, sagt die Partei!

Ja – ich kenne das Manifest 2022!

Kenne die gesamte ressourcenoptimierte Programmatik dieser Partei – da ich sie in ihrem Auftrag entwickelt und verfasst habe!

Aber – und das sage ich erstmals öffentlich – ich will diesen Schmarren nicht mehr länger mit mir herumtragen und vertreten müssen!

Ich kann das nicht mehr! Und schon gar nicht, seit ich letzten Dienstag von diesem außerirdischen Lächeln überrumpelt wurde!

Einem Lächeln, das vollkommen überraschend und ohne jede Vorwarnung nicht nur eine überschäumende Woge der Erfüllung in mir ausgelöst hatte, sondern auch einen erdrückenden Ekel vor mir selbst…

Einen Ekel, der – ich gebe das ganz offen zu – mich Tag und Nacht kotzen lässt! Mir die Luft abschnürt und die Augen aus dem Schädel treibt! Einen Ekel, der mich innerhalb kürzester Zeit – und das ist für mich selbst am aller Unverständlichsten – wieder in meine alte verkorkste Welt zurückgetrieben hat, die ja auch die Ihre ist!

Zurück zu Menschen, die wie Sie, tagtäglich von morgens bis abends einen Fehler an den anderen reihen.

Zurück zu Menschen, die sich gezwungenen sehen, sich gegenseitig zu stützen, um in dieser Dreckswelt nicht unterzugehen und sich vielleicht gerade deshalb irgendwie ‚mögen’ oder so etwas Ähnliches…

Zurück zu Menschen, die zwar völlig gedankenlos und planlos ihre Ressourcen vergeuden, aber trotzdem ihr erbärmliches Stückchen Leben zu genießen scheinen…

Natürlich hätte dieser sentimentale Rückfall nicht passieren dürfen! Ich weiß das und bin auch bereit die Konsequenzen zu tragen! Zumindest solange ich der zu erwartenden Folter widerstehen kann und nicht zusammenbreche….

Und ich hätte auch der schon seit Monaten in mir aufkeimenden Vermutung eines Fehlschlages meiner Programmatik niemals nachgeben dürfen! Hätte mir nichts vormachen dürfen bezüglich meiner fragilen Standhaftigkeit und meiner labilen inneren Gefühlslage und  hätte an diesem besagten Dienstag diese vollkommen blödsinnigen und gefühligen Worte wie ‚Zuneigung’,  ‚Nachsicht’ und sogar ‚Liebe’ gar nicht vor mich hinmurmeln dürfen, ja gar nicht denken dürfen! Hätte wissen müssen, dass die Schweineohren der Partei, die ich selbst hatte installieren lassen, alles mithörten und ihre Spitzel überall lauerten…

Ja – ich hätte mir das alles vergegenwärtigen müssen, als ich mich am Dienstag in der Mittagszeit nach Jahren der mönchischen Enthaltsamkeit spontan entschloss, die Parteizentrale zu verlassen und über die belebte Hauptstraße zu gehen…

Aber ich konnte doch nicht wissen, dass ich auf diese Frau stoßen würde!

Auf diese junge, brünette Frau im gut geschnittenen grauen Kostüm, die, wie vom Himmel gefallen, plötzlich geschäftigen Schrittes vor mir einherging, einen Zeitungskiosk ansteuerte und schon durch ihre bloße Erscheinung mir den Atem nahm und meine Schritte verlangsamen ließ…

Die ein Päckchen Zigaretten und eine Zeitung am Kiosk kaufte, und die, als sie bezahlt hatte, beides mit einer derartig grazilen und verführerischen Bewegung in ihre teure Ledertasche gleiten ließ, dass sich mir krampfartig die Brust zusammenzog und ich bei dieser sich aufgipfelnden Anmut, wie ein Kind weinen hätte können!

Und die – als wäre das nicht verwirrend genug – plötzlich ihren hübsch frisierten Kopf hob, mir für einen winzigen Moment entwaffnend offen ins Gesicht blickte und mit einer – von mir bis dahin nie erlebten Warmherzigkeit – zulächelte…

Und natürlich hätte ich, wie Sie sich denken können, alles in der Welt gegeben, um auch zurücklächeln zu können, wenn ich nicht gänzlich unerwartet plötzlich gegen eine in mir hochsteigende eruptive Hitzewallung ankämpfen hätte müssen, die kurz darauf in das erwähnte Ekelgefühl umschlug und mich spontan übergeben ließ, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte…

Gott sei Dank nicht vor den Augen dieses ‚unbekannten himmlischen Wesens’, sondern glücklicherweise in der Nähe eines Geländers zum U-Bahnabgang, an das ich mich in letzter Sekunde festklammern konnte, obwohl davor eine zerknitterte  Bettlerin kauerte, die ich nicht bemerkt hatte, die mich jedoch mit großer Nachsicht aus ihren wässrigen Augen anstarrte, als ich sie mit dem Schwall meines Erbrochenen übergoss…

Fassungslos winkte ich meinen Bewachern, gab ihnen ein Zeichen, sich um die bedauernswerte Frau zu kümmern, tauchte, wie ich glaubte, unbeobachtet im Gewühl der Passanten unter und habe dann wohl in einem für jedermann verständlichen Zustand innerer Erregung, die vorhin erwähnten unbedachten, gefühligen Worte vor mich hingemurmelt…

Wenige Häuser weiter entdeckte ich glücklicher Weise eine mir bis dahin unbekannte Pension, in die ich mich nach kurzer Prüfung der Lage unter falschem Namen, ohne weiteres Nachdenken, eingemietet habe…

Kurz darauf hörte ich zum ersten Mal die oben angesprochenen Schritte vor meiner Tür: leise, zögernde, dumpfe, harte, entschlossene Schritte…

Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen und das obwohl ich wirklich kein Held bin, die neu entdeckte Gefühligkeit in mir, sowie die mir entschlüpften Identifizierungen von Ressourcenverschwendung, als meinen persönlichen geheimen Besitz anzusehen und bei der zu erwartenden peinlichen Befragung so lange in mir zu bewahren und zu beschweigen, bis ich vor Entkräftung nur mehr unverständliches Zeug lallen werde und als letzte Erinnerung hoffentlich dieses frühlingshafte Lächeln mitnehmen kann…

KH

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1 Kommentar zu “Tödliche Schritte…”

  1. hans-peter kuhn (Freitag, der 7. Oktober 2011)

    Lieber Klaus,

    Vielen Dank für dieses absolute Meisterwerk. Man versteht eigentlich nicht so richtig, was da los ist und abläuft. Es entsteht jedoch eine dunkle, beklemmende Ahnung. Nichts präzise formulierbares und doch bedrohendes, angstschweisstreibendes. Man denkt an Gemälde von Giorgio de Chirico, Filme von Fritz Lang.

    Wie gesagt, ein Leckerbissen!!!

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