Klaus Hnilica
Donnerstag, der 28. Juli 2011

Urpferd und Radlersucht…

Carl und Gerlinde (XII)

„…jetzt bitte ganz schnell einen eiskalten Radler“, stöhnte Carl und spürte in jeder Faser seines überhitzten Athletenkörpers noch die  Kilometerflut, die er in Rekordzeit hinter sich gebracht hatte…

„Alle Achtung – das war eine Leistung!“ stellte er schweißtriefend in seiner eng anliegenden Windjacke ‚Air Lemon’ so entschieden fest, dass selbst die Gäste an den Nachbartischen aufhorchten! Bravourös hatte er die Gewalttour durchgestanden, obwohl ihm seine ‚rasende Gerlinde’ keine einzige Pause gegönnt hatte…

Aber jetzt war alles abgehakt und vergessen: beide hockten einträchtig vor schönen, großen, kalten Radlern! Und Gerlinde prostete aufgeräumt ihrem ächzenden Carl zu; übermütig ließ sie den kommenden Tour de France – Sieger hoch leben!

Die Kneipe am Ortsrand von I. war aber auch das richtige Plätzchen für diese aufbauende Anerkennung! Sie lag direkt am Radweg, war brechend voll, hatte im Vorgarten einen einzigen freien Tisch – und den sogar im Schatten: die Götter meinten es gut mit der geschundenen Sportskanone Carl!

Als Draufgabe dann noch ein Wirt, der genial an allen Tischen gleichzeitig agierte und schon während der Entgegennahme der Speisewünsche und Getränke auf unvergleichliche Weise in den Köpfen seiner Gäste das Faszinosum der nahen Donauversickerung entfesselte! Eine geologische Besonderheit ohnegleichen, wie er unermüdlich feststellte. Nur dadurch getopt, dass schon vor Hundertmillionen Jahren kleinwüchsige Urpferde in den gurgelnden Wirbeln des verschwindenden Flüsschens planschten und ihre flaumigen Nüstern kühlten – Urpferde, von denen erst unlängst ein prachtvolles Exemplar in fantastisch gut erhaltenem Zustand auf dem gegenüberliegenden Berghang ausgegraben worden war…

Angesichts dieser archäologischen Sensation vergaß Carl sogar für einen Moment sein arg lädiertes Hinterteil und nützte geistesgegenwärtig eine der wenigen Hundertstel Sekunden, in denen der wortgewaltige Wirt nach Luft schnappte, um blitzschnell weiteren Radlernachschub in unbegrenzter Menge für sich und seine immer noch ekelhaft frische Gerlinde sicher zu stellen.

Dann allerdings lehnte er sich nach den mehr als sechzig gefahrenen Kilometern – soviel waren es nämlich, wenn auch Gerlinde hartnäckig bei lächerlichen vierzig blieb – zufrieden zurück und berichtete ihr, da sie  mit dem Rücken zum Radweg saß, vergnügt von den auf Tandems, Mountainbikes und Rennmaschinen vorbeistrampelnden Kuriositäten! Von wettergegerbten Wettkampfmumien, von schockfarbenen Papageienkostümen, von pferdegesichtigen Männern, umzingelt von langbeinigen neonfarbenen Gazellen, abgedeckelt durch hellblaue Fahrradhelme, und nackten Männerkörpern, deren Behaarung jedem Pavian zur Ehre gereicht hätte …

Aber – es gab auch Leute auf ganz normalen Fahrrädern! Mit Sakko und Hose, Bluse und Rock, ja sogar Hut und Mantel, die erstaunlich zügig auf dem Weg nachhause waren oder sonst wohin radelten, was Carl besonders befremdlich erschien…

Denn als ihn Gerlinde nach einem halben Jahr intensivster psychologischer Konditionierung soweit hatte, dass er einer  Dreitagetour entlang dieses romantischen Donauabschnitts zustimmte, war für ihn klar, dass seine Fahrradausrüstung dringend aktualisiert werden musste: ein neues Rad nach modernstem technischen Standard musste her, auch die flotten rotschwarzen ‚Back Roller Classic’ Radtaschen und ebenso die atmungsaktiven T–Shirts, sowie mindestens zwei Trägerhosen ‚Air Pro Gel’ in Neon Orange mit diversen Westen gegen Wind und Regen. Und als Krönung natürlich dieser megascharfe  pinkfarbene Fahrradhelm samt Brille! Klaro!

Die Nachbarn sollten sehen, dass er sich was leisten konnte!

Und mit seiner Figur konnte er locker diese frechen Klamotten tragen und sich auf jedes schneidige Rad schwingen! Da brauchte er keinen Vergleich zu scheuen!

Wenngleich diese super engen Radlerhosen schon gemein waren: verstecken konnte man da als wohlbestallter Bürger, der sich jedes Gramm Muskeln hart erarbeitet hatte, rein gar nichts mehr. Aber dass seine Pobacken herunterhingen wie bei anderen die Tränensäcke war eine ziemlich derbe Übertreibung seiner ständig spöttelnden Gerlinde! Schließlich stützte ja die Gesäßpolsterung der ‚Air Pro Gel’ – Hosen zusätzlich noch die Muskulatur an den Pobacken und trug letztlich sogar ein klein wenig auf! Ebenso im Schritt, wo sich  erfreulicher Weise immer noch eine Wölbung abzeichnete bei der Mick Jagger mit seiner Hasenpfote vor Neid erblasst wäre. Und wie der mit der Pfote auf dem Fahrrad  zu Recht gekommen war, wollte sich Carl selbst heute noch nicht vorstellen! Vergnüglich konnte das nicht gewesen sein…

An den Oberschenkeln saßen die neuen – auch im Bund passenden Radlerhosen – zwar etwas locker, aber in dem sportlichgrellen Neon Orange sah das trotzdem flott aus! Überhaupt von der Seite, von wo die Beine auch deutlich entzerrter wirkten: diese seitliche Sicht führte  nicht mehr zu der bei ihm durch die extreme Wadenmuskulatur bedingte ‚O-Beintäuschung’ – wie er das nannte! Denn von O–Beinen war in seinen weiten Anzugshosen noch nie etwas zu sehen gewesen; das konnte wirklich getrost als lächerliche Fiktion abgetan werden!

Hannelore bewunderte sogar stets die ‚angebräunte Drahtigkeit’ seiner Beine, wie sie sagte und wünschte, ihr Kurt, der am Fahrrad wie eine bemalte Fleischwurst daherkam, hätte mit Ähnlichem aufzuwarten und nicht diese milchigen Spinnenbeine, an denen die Krampfadern ausladender waren als die Muskulatur! Grässlich!

Na ja diese Windweste ‚Vision’ in Neon Grün war vielleicht etwas gewagt? Aber Gerlinde gefiel sie! Vor allem im Bauchbereich, trug sie nicht unnötig auf und zeigte von vorne auch keinerlei peinliche Aufwölbung, die sich ja bei ihm nur allzu oft in Spiegeln oder Auslagenscheiben aus einer verzerrten Seitenansicht ergab, tatsächlich aber eine optische Täuschung war!

Sehr vorteilhaft unterstützte diese teuere Windweste auch seine gut ausgebildete Schulterpartie; aber der besondere Pfiff kam natürlich durch die echt geilen – weißen ‚Compression Armlinge’!

Selbst Lance Armstrong hätte da Minderwertigkeitskomplexe bekommen…

Vor allem, wenn er auch noch die ‚Power’ Handschuhe in schwarz-rot-gold gesehen hätte und die zum Helm passenden pinkfarbenen Rennradschuhe ‚Pro 2011’…

Schnittiger ging’s nicht!

Das musste auch Gerlinde zugeben, obwohl die natürlich in ihrer ironischen Art schon meinte, dass nur die Kolibris im Regenwald noch schöner und farbenprächtiger wären…

Aber das meinte sie natürlich nicht negativ, denn in ihrem tiefsten Inneren war sie schon sehr stolz auf ihren mit allen Vorzügen ausgestatten Carl! Das war doch klar…

Drum ließ er ihr auch nach der ausgiebigen Rast in dem wunderbaren Lokal für die letzten fünf, sechs Kilometer der insgesamt eher  neunzig als sechzig Kilometer langen Tagestour gerne einen schönen  Vorsprung, der ihr Mut machte…

Denn gegen ihn hatte sie ja letztlich doch keine Chance!

Trotz ihres superleichten Rädchens!

Wenn er losstrampelte – auf seinem ultraschnittigen Elektrofahrrad – blieb kein Auge trocken! Echt …

KH

PS: Und in zwei Wochen am Donnerstag den 11. Aug. 2011 lernen wir in  „Die magische Pille“ , die dunkelhäutige Nahla kennen…

 

 

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

*