Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. August 2013

Verdammt – dieser Trolley?

Carl und Gerlinde (XXXIII)

Ja – Dr. Osterkorn verweigerte Carl den bereits genehmigten Urlaub!

Nein – im August gab es für Führungskräfte noch nie Urlaub: Carl wüsste doch selbst nur zu gut, dass TRIGA um diese Zeit immer die neue Frühjahrskollektion verabschiedet! Und dieses Mal sogar die gesamte Wäschekollektion – nicht nur Damenunterwäsche und Dessous, sagte Dr. Osterkorn.

ZEimg085Da Miriam Braun noch immer Karenzurlaub hatte, war er, Carl, natürlich doppelt und dreifach gefragt! Die versehentlich ausgesprochene Urlaubsbewilligung wär’ wirkungslos, sagte Dr. Osterkorn, alias Bernie, die könne Carl sich an den Hut oder sonst wohin stecken!

„Schick doch deine Gerlinde alleine los, oder mit einer Freundin, die auf sie aufpasst“, ergänzte er augenzwinkernd, als er in Carls enttäuschtes Gesicht schaute.

„Du fährst mir jedenfalls jetzt nicht fort, dich brauche ich!“ raunte er Carl noch zu, bevor er ihn mit einem festen, freundschaftlichen Blick in dessen blauen Augen entließ und mit einem Händedruck verabschiedete, bei dem Carl keine Miene verzog, weil er wusste, dass das gleich einsetzende Taubheitsgefühl in der rechten Hand nach zwei Tagen üblicherweise von selbst abklang…

Und Carl hatte sogar Glück! Hannelore war sofort bereit für ihn einzuspringen. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern nahm sie freudig hüpfend das Opfer auf sich, mit Gerlinde nach Mallorca in die gemütliche Finca bei Cala Mayor zu fliegen, die Carl schon vor Wochen heimlich gebucht hatte, um Gerlinde zu überraschen. Das war also überhaupt kein Problem gewesen, da hatte Bernie auf eine vertrackte Weise Recht gehabt!

Und heute Abend kamen beide zurück! Carl erwartete sie am Hauptbahnhof, Gleis 1: Ankunftszeit 20 Uhr 05!

Welch freudige Überraschung – die S-Bahn vom Flughafen hatte nur 22 Minuten Verspätung! Die Bahn befand sich offensichtlich auf dem richtigen Kurs: noch vor einem Jahr hatten er und Gerlinde fast eine Stunde Verspätung als sie aus Mallorca zurückkamen.

Gott – man war ja schon zufrieden, wenn während der Sommermonate überhaupt noch ein paar Züge über den Hauptbahnhof geleitet wurden! Und eine halbe oder dreiviertel Stunde herumzustehen, war wirklich zumutbar. Ob man zwischen den Schlaglöchern auf den Straßen die Zeit vertrödelte oder auf dem zugigen Bahnsteig herumirrte, war letztlich egal, oder?

Wie interessant auch – bei dem gläsernen Unterstand über den Sitzbänken am Bahnsteigende von Gleis 1 hatte das Planungsteam der Bahn sogar mitgedacht – da konnte man tatsächlich von der Videoüberwachung erfasst werden, wenn man abends niedergetreten wurde! Das war wirklich einmal ein positiver Aspekt!

Momentan saß ein Farbiger in dem Glasgehäuse, er las in einem Buch! Sein schwarzer Trolley stand an der Glaswand. Auch gut zu sehen!

Sonst war kaum jemand am Bahnsteig um diese Zeit: ein junger Bursche ächzte mit seinem Fahrrad aus der Unterführung die Stiege hoch, und auf der Bank unweit von Carl verschlang eine hübsche Blondine mit langen knusprig braunen Beinen einen riesigen Hamburger, der bei ihrer zupackenden Art keine Chance hatte.

Carl schlenderte ziellos den Bahnsteig entlang. Als er umdrehte, sah er, wie der Farbige im gläsernen Unterstand lesend aufstand, lesend zur Stiege ging und auch weiter las als er zügig über die Treppe nach unten in die Unterführung eilte. Den schwarzen Trolley ließ er mutterseelenallein zurück!

Na – der hat ein Gottvertrauen, dachte Carl und ging auf den Trolley zu. Dann stoppte er plötzlich! Er schaute sich um – aber von dem farbigen Besitzer, war nichts mehr zu sehen; der war tatsächlich seinem Gepäck abhanden gekommen!

Auch unten in der Unterführung keine Spur von ihm, soweit Carl das von der Treppe aus beobachten konnte. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht sein Gepäckstück gewesen, dachte Carl. Vielleicht war der Trolley schon dagestanden als er sich lesend in den gläsernen Unterstand gesetzt hatte. Carl stand jetzt zwei Meter vor dem Trolley.

Komisch war das schon!

Er überlegte, ob er das unbeaufsichtigte Gepäckstück melden sollte? Aber wo? Und wem?

So einfach war das im konkreten Fall gar nicht.

Es gab ja nirgends mehr Bahnpersonal, das man ansprechen konnte: vielleicht hätten die ihn sogar ausgelacht? Die anderen Fahrgäste schien der vereinsamte Trolley ja auch nicht zu beunruhigen. Und der Bahnsteig bevölkerte sich jetzt zusehends: auch etliche Familien mit Kindern kamen die Treppe hoch…

Carl beschloss abzuwarten!

Vorsorglich vergrößerte er nicht nur die Entfernung zu dem schwarzen Trolley, sondern versuchte auch mehr schützende Masse zwischen sich und dem potentiellen Explosivkörper zu bringen. Aber auf dem Bahnsteig waren nur Anzeigetafeln, Sitzbänke und ein paar Träger, die das Dach hielten. Mehr Masse war da nicht!

Der Stiegenabgang, der war massiv, dahinter konnte er sinnvoll Schutz suchen! Aber was war, wenn der Trolley gerade explodierte, wenn die S-Bahn mit Gerlinde und Hannelore einfuhr?

In zehn Minuten war es so weit! Schlimm, wie rasend schnell die Zeit verging! Eine weitere Verspätung war nicht mehr angekündigt worden. Typisch Bahn! Jetzt war sie auf einmal pünktlich! Immer zum falschen Zeitpunkt.

Carl fühlte sich zwar hinter dem Abgangsgebäude sicher, sah aber mit immer größerer Sorge, wie sich der Bahnsteig weiter mit Menschen füllte.

Diese Art von schützender Masse hatte er sich nicht gewünscht!

Warum klaute denn niemand diesen blöden Trolley?

Wo waren die Horden von Gepäckdieben, die sonst alles verunsicherten? Endlich hätten sie sich nützlich machen können.

Was war mit der Videoüberwachung?

Warum reagierte von der Bahnaufsicht niemand?

Das waren echt Defizite in diesen anonymisierten öffentlichen Räumen in der heutigen Zeit, dachte Carl. Und die Zeit lief unerbittlich ab: spätestens in 4 Minuten fuhr die verspätete S- Bahn pünktlich ein – und die Katastrophe war da…

Carl wurde immer zappeliger. Er kaute an seiner Unterlippe und wischte sich mehrmals den Speichel aus den Mundwinkeln. Aus seiner Stirn traten Schweißperlen und seine Hände wurden klebrig.

Sollte er nicht

Aber wie sollte er das begründen, ohne sich zur Lachnummer zu machen? Es gab ja offensichtlich niemand auf dem Bahnsteig, der seine Sorge teilte. War er wirklich der einzige Hellsichtige?

Der Einzige der die Katastrophe kommen sah?

Zwei Minuten noch, dann fuhr die S-Bahn ein!

Carl lief rasch die Treppe hinunter. Da er nichts mehr tun konnte, wollte er wenigstens sich in Sicherheit bringen. Die Unterführung bot optimalen Schutz! Drum war der farbige Dschihadist da auch hinuntergeeilt mit seinem Koran. Klaro!

Carl fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen! In Sekundenschnelle fügte sich alles zusammen und Carl war mitten drin im infernalischen Geschehen: stolperte tatsächlich bereits über unzählige  verstümmelte Tote und Verletzte, registrierte die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten Leiber, die wie Geschoße durch die Luft katapultiert wurden, duckte sich weg vor dieser grauenhaften Anhäufung abgerissener Arme und Beine, die gleich gierigen Fischen in einem Meer von Blut herumzappelten und nach den abgetrennten Köpfen schnappten, die wie Tennisbälle knallend von kollidierenden Betonbrocken abprallten – und dann erst – eine Ewigkeit später – dröhnte der ohrenbetäubende Knall der alles auslösenden Explosion in Carls Ohren, begleitet von einem gewaltigen Beben und orkanartigen Getöse, dem ein unheimlich nachhallendes Geschepper berstender Eisenträger folgte, eingebettet in eine gespenstisch helle Staubwolke, die alles Geschehen zudeckte und in eine wundersam weiße Winterlandschaft verwandelte…

Die letzten Meter zum Bahnhof-Ausgang, legte Carl im Laufschritt zurück – er war ja fit! Von außen her konnte er in dem angerichteten Chaos auch viel sinnvoller bei der Bergung der Leichen und der Verwundeten helfen und seine ganze Kraft bei den gleich einsetzenden Aufräumungsarbeiten einbringen..

Die S-Bahn musste in diesem Augenblick einfahren!Gott, was für eine brüllende Stille!

Carl stand regungslos vor dem Ausgang! Unfähig auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Leichenblass starrte er in die Bahnhofshalle und fürchtete jeden Moment sich übergeben zu müssen…

Offensichtlich erreichten auch schon die ersten Fahrgäste aus der S-Bahn den Ausgangsbereich! Dann braungebrannt und kichernd Gerlinde und Hannelore mit ihren schwarzen Trolleys…

Carl spürte, wie irgendetwas in seiner Brust explodierte! Völlig losgelöst flog er atemlos auf die beiden zu, umarmte, küsste und drückte sie und entschuldigte sich tausendmal für den entsetzlichen Stau in dem er gesteckt war…

KH

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