Klaus Hnilica
Donnerstag, der 2. Juni 2011

Vergoldete Gipfel…

Carl und Gerlinde (X)

„Manchmal findet ein blindes Huhn ja auch ein Korn“, brummelte Carl, denn das von Gerlinde ausgesuchte Hotel machte auf den ersten Blick gar keinen schlechten Eindruck!

Ärgerlich war nur, dass nach der Anzahl der Autos vor diesem Hotel sich wohl erstaunlich viele Leute so einen Aufenthalt in der teuren Südtiroler Bergwelt leisten konnten: dabei sollten doch diese Urlaubstage etwas ganz Besonderes für ihn und Gerlinde werden!

 

Schade…

Carl hätte sich nach der strapaziösen zwölfstündigen Anfahrt wirklich gut entspannen können, wenn ihm dieser Touristenauflauf nicht gleich seine prinzipielle Bereitwilligkeit zu guter Laune vermasselt hätte. Und diese ungeplante Übellaunigkeit hielt selbst noch an, als Gerlinde schon alles ausgepackt und nach seinen Anweisungen so verstaut hatte, dass er auch eine gewisse Chance hatte, eine frische Unterhose zu finden, ohne aus den viel zu tiefen Fächern vorher alles herausschmeißen zu müssen. Oder Socken, wenn er in seine bequemen Sandalen schlüpfen wollte…

Im Gegenteil, seine trübe Stimmung verstärkte sich sogar noch, als er und Gerlinde gereizt den Bach entlang ins Zentrum von Ortisei zockelten und da auf ganze Horden sonnengerösteter  ‚Touris’ stießen, die so etwas von gut erholt ausschauten, dass Carl vermutlich auch Pestbeulen ertragen hätte, nur um sich von diesem Frischluftpöbel abzusetzen. Diese ekelhafte Selbstzufriedenheit vor überhängenden Eisbechern voll bunter Fähnchen und riesigen Weißbiergläsern in der abendlichen Sonne trieb Carl nicht nur den Blutdruck in luftige Höhen, sondern ließ auch immer wieder die Frage in ihm hochsteigen, ob bei diesen Südtiroler Schluchtenscheißern die Finanzkrise wirklich so spurlos vorüber gerauscht ist, wie sie taten oder ob sie alle nur blufften?

Jedenfalls so wie die hier in Ortisei an ihren Tischen hockten und dazwischen herum stolzierten schien Geld keine Rolle zu spielen! Die brauchten offensichtlich nur mit den Fingern zu schnippen – und es war da…

Oder wie ging das?

Dabei hatte Carl noch vor Beginn des Urlaubes zu Gerlinde gesagt, dass sie dieses Mal ganz besonders aufs Geld schauen müssten, da man ja nie wüsste wie es weiterginge, und Gerlinde hatte ihm mit der Bemerkung, dass es an ihr nicht liegen sollte, ausdrücklich zugestimmt…

Vor lauter Grübelei über diese Ungerechtigkeit hatte Carl gar nicht mitbekommen, dass Gerlinde schon dreimal angekündigt hatte, endlich eine Tasse Kaffee und ein Stück ‚Schwarzwälder Kirsch’ essen zu wollen, wenn es die hier bei den Italienern überhaupt gab?

„Na das werden wir gleich sehen“, sagte Carl erstaunlich energisch und zwängte sich samt Bauch und Gerlinde gleich im nächsten Eckcafe hinter einen der viel zu kleinen Tische, die offensichtlich auf die zwergwüchsigen Italiener abgestimmt waren, als brächten diese ehemaligen Putzkolonnen aus Deutschland das Geld und nicht die ‚Deutsch–Mark Besitzer’, die sich heute leider ja auch mit dem komischen Euro und blöden Cent–Münzen abplagen mussten.

Welch eine Geringschätzung!

Aber was konnte man von Italienern schon erwarten. Wenngleich ja Gerlinde vor diesen schmierigen Typen immer sofort dahin schmolz. Na ja die Frauen, wo die ihren Charakter hatten, hätt’ er auch gern gewusst. Im Kopf auf jeden Fall nicht! Insgeheim freute er sich dann sogar, dass es in diesem italienschen Schuppen natürlich keine Schwarzwälder Kirschtorte gab, sondern ausschließlich strohtrockenen Parozzo, der wie das Krümelmonster daherkam und diese ekelhaft süßen Torone–Schnitten. Der Kaffee konnte ihm auch gestohlen werden! So etwas von bitter, pfui Teufel…

Und dann gleich die nächsten Tiefschläge!

Als Gerlinde in der Informationsstelle die Sechstagekarten für die Seilbahnen und Lifte in der Region kaufte, hätte sie beinahe der Schlag getroffen, wie sie ihm gestand, da er lieber sitzengeblieben war und sich noch ein Bierchen gegönnt hatte: das wär’ die blanke Abzocke, meinte Gerlinde entrüstet.

Unfassbar was einem da abverlangt wurde!

Aber niemand regte sich auf!

Ja die Leute stellten sich sogar total gutmütig vor den diversen Schaltern wie die Schafe bei der jährlichen Schur an und warteten gottergeben bis man ihnen dreist lächelnd nicht nur die Wolle sondern gleich die ganze Haut über die Ohren zog; die meisten schienen das sogar noch zu genießen?

Und wie die angezogen waren! Das war doch alles nicht billig! Insbesondere die Italiener liefen scharenweise in den teuersten Klamotten herum. Da konnte einem schon die Lust auf den Luis Trenker und seine goldenen Gipfel vergehen, kommentierte Carl Gerlindes Schilderung und wollte gar nicht mehr wissen, wie viel sie für die zwei Sechstagekarten bezahlen hatte müssen…

Und komisch, Trost kam nach einer Woche ausgerechnet von einem dieser Münchner, die Carl eh noch nie leiden hatte können, da sie sich auf ihren Freistaat und die blöde ‚Wiesn’“, wo es an jeder Ecke nach Urin stank, weiß Gott was ‚Weißblaues’ einbildeten.

Ausgerechnet dieser Münchner, der auch genau so ausschaute, riss ihn in der Achterkabine des Lifts auf die Secceda aus seinem sich immer weiter eskalierenden Unmut: denn dieser Münchner mit Ehegattin, die, wie er später zugab, aus Landshut stammte, und seinen zwei Enkelkindern, die einmal nicht so nach dem letzten Schrei herausgeputzt waren, war entsetzt über die gewaltige Summe von 52.- Euro, die er für eine Fahrt, rauf und runter, bezahlen hatte müssen.

Unfassbar, stammelte er mit seiner bayrischen Bierstimme und schaute hilfesuchend zu Carl und einem anderen Ehepaar, das sich als aus der Schweiz kommend zu erkennen gab.

„ Das bedeutet doch“, rief er mit rotem Kopf, „dass die für eine Fahrt, bei der die Kinder nicht einmal etwas zahlen müssen, in Deutsch-Mark – 104 Mark nehmen! Das muss man sich einmal vorstellen: für eine Fahrt auf diesen Berg 104 DM, das ist doch der reinste Wahnsinn, oder?“.

Carl stimmte diesem aufgebrachten Münchner, wenn auch widerwillig, durch kräftiges Nicken zu und forderte sogar Gerlinde auf zu sagen, was sie für die sicher deutlich günstigere Sechstagekarte bezahlt hatte, da er vermutete, dass sich der gute Mann, dann noch mehr ärgern würde. Schlimm – stöhnte der und wohin das noch führen sollte, fragte er verzagt in die Runde und wollte sich auch nicht beruhigen, als der Schweizer feststellte, dass in der Schweiz alles noch viel teurer sei.

Carl  teilte nach außen hin zwar die große Sorge des armen Bayern, spürte aber auch, dass sich gleichzeitig in seinem Inneren etwas auflöste!

Nämlich, dass dieser seit Tagen in seinem Bauch immer größer werdende Klumpen, plötzlich wegzuschmelzen begann und sich erstaunlicher Weise sogar in eine Art zunehmende Wohligkeit umwandelte: endlich gab es Leute, die noch mehr aufs Geld schauen mussten, als er und seine Gerlinde!

Und dass es ausgerechnet ein Münchner aus dem angeblich so wohlhabenden Bayernland war, war eine zusätzliche, tolle Draufgabe!

Denn, sagte sich Carl, wenn es diesen jammernden Bayern gab, dann gab es unter denen, die sich da unten in Ortisei herumdrückten, bestimmt noch unzählige andere, denen auch jedes zusätzliche Bier und jeder strohgelbe Parozzo weh tat, wenn’s ans Zahlen ging! Und das hieß doch, dass da Heerscharen von Angebern in Wirklichkeit aus dem letzten Loch pfiffen und nach ihrem Urlaub vielleicht schon vor verpfändeten Wohnungen und Häusern standen… Herrlich!

Als sich Carl und Gerlinde dann, oben angekommen, von ihren Achterkabineninsassen verabschiedeten, hätte Carl ‚seinem Münchner’, wie er ihn plötzlich nannte, trotz dessen bayrischen Bärtchens am liebsten einen dicken Schmatz auf die roten Bierbacken gedrückt!

Und zu Gerlinde sagte er, dass sie hoffentlich heute endlich einmal mitbekommen habe, wie gut es ihr bei ihm ginge!

Und trotz der massiv aufziehenden dunklen Wolken hinter der Geisslergruppe begann Carl seinen Urlaub bei den Italienern in Südtirol auf einmal richtig zu genießen…

Gott – wie schön waren doch die Berge!

KH

PS: Am 16.Juni 2011 kommt nicht „Carl und Gerlinde“,nein! Sondern „Nein...“

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