Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. Juni 2013

Verkaufspraxis – oder die Optimierung der Margen

Carl und Gerlinde (XXXII)

Na ja, das war zu erwarten gewesen, dass Carl von Gerlinde durch mehrere Boutiquen getrieben wurde, wenn er schon einmal mit ihr durch die Stadt flanierte. Kam ja selten genug vor!

ZDimg072Der Papierladen, an dem sie zufällig vorüber schritten, war vermutlich nur ein unbedeutendes Schleifchen im verwirrenden Filz ihrer komplex verwebten Schicksalsfäden: doch Gerlinde erinnerte sich plötzlich – einen neuen Schreibblock für Einkaufsnotizen zu benötigen!

Der überraschte Verkäufer, bei dem sich trotz seiner Jugend kein einziges Haar auf seinem weißhäutigen Kopf zeigte, hatte auch schon den Feierabend eingeläutet, als Gerlinde, wegen ihres Schreibblocks, gerade noch in den Laden huschte…

„Soll’s denn ein größerer Notizblock sein?“ fragte er dennoch freundlich, da er offensichtlich eine umfangreiche Auswahl an derartigen Notizblöcken auf Lager hatte.

„Nein“, sagte Gerlinde, selbst für Carl unerwartet kapp und maulfaul.

„Dachten Sie an etwas Wertvolleres – ein Geschenk vielleicht?“

„Nein“!

„Ja dann meinen Sie wohl einen ganz gewöhnlichen Notizblock, wenn ich das richtig verstehe?“ sagte der freundliche Verkäufer, im Bemühen, Gerlindes Kaufwunsch klar einzugrenzen…

„Ja“, sagte Gerlinde, ergänzte dann aber doch, dass es ein Block fürEinkaufsnotizen sein sollte. Nicht zu groß, meinte sie noch und guckte unbestimmt im Laden herum.

„Ah ja“, sagte der Verkäufer und eilte entschlossen nach hinten.

Er kam mit drei verschiedenen Blöcken zurück, die jedoch von Gerlinde blitzschnell durch ein energisches Kopfschütteln als ungeeignet eingestuft wurden.

„Viel zu groß und voluminös“! stellte sie fest.

„Natürlich haben wir auch kleinere Exemplare“, sagte der Verkäufer beflissen und war schon wieder auf dem Weg ins Ladeninnere.

Carl nützte die Gelegenheit und prüfte rasch das Angebot an günstigen Kugelschreibern! Ihm genügte meist ein kurzer Blick, um zu erkennen, ob sich weitere Recherchen lohnten…

„So – da hätten wir vermutlich schon das Richtige“, meinte der Verkäufer mit einem hoffnungsvollem Lächeln auf seinem blassen Gesicht und legte vier verschiedene Blöcke der Größe DIN A5 auf die Verkaufstheke.

Aber Gerlinde schüttelte auch bei diesen Böcken irritiert ihren elegant zurechtgemachten Kopf: „Nein – nein, viel zu groß!“ sagte sie wieder, wobei Carl eine gewisse Ungeduld in ihrer Stimme zu hören glaubte.

„Hm – noch zu groß?“ sagte der immer noch freundliche junge Mann im hellblauen Hemd sowie einer exakt gebügelten dunklen Hose.

„Nun“ murmelte er nachdenklich und rieb mit der rechten Hand sein helles, sorgfältig rasiertes Kinn, „dann kommt eigentlich nur noch einer in Frage…“. Mehr konnte Gerlinde nicht verstehen, da der murmelnde junge Mann neuerlich ihrem Gesichtsfeld entschwand.

Carl befasste sich währenddessen mit einem Sortiment bunter Kugelschreiber, die recht gut in der Hand lagen und fabelhaft schrieben…

„Aber das wird es sein, gnädige Frau“, dröhnte ein paar Augenblicke später, eine aufgeregte Verkäuferstimme wie aus dem Jenseits. In großen Schritten kam der Verkäufer dann herbei und schwenkte zuversichtlich einen winzigen Notizblock der Marke URSUS vor seiner leicht geröteten Nase…

„Ja – ja“, rief Gerlinde wie erlöst, „das ist der Richtige, genau so einen wollte ich wieder!“

„Wie schön, gnädige Frau, jetzt haben wir doch noch das Richtige gefunden“, bemerkte der freundliche Verkäufer sichtlich erleichtert mit einem selbstgerechten Lächeln.

„Ja – Gott sei Dank“, flötete Gerlinde, „ich wusste ja gleich, dass ich bei ihnen richtig bin, gell“. Der Verkäufer nickte ihr bestätigend zu und fragte,

„Möchten sie eine kleine Tüte?“

„Ja das wär nett…“, hauchte Gerlinde.

„Das macht dann 1 Euro 20, gnädige Frau!“

„1 Euro 20“, überlegte Gerlinde kurz, schaute zu Carl, der noch immer bei den Kugelschreibern stand und sagte:

„Ach wissen Sie was – ich nehm gleich zwei dieser Blöckchen, das sind ja keine Kosten, die einen umbringen, oder?“

„Aber gerne, gnädige Frau“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer und eilte wieder nach hinten…

Als er voll Zuversicht mit dem zweiten kleinen URSUS ankam, fragte Carl spontan, „sagen Sie was kostetet der billigste Kugelschreiber bei Ihnen?“

„Warten Sie“, sagte der aufmerksame Verkäufer, legte den zweiten Block auf den ersten und eilte zu Carl, „der Billigste ist der, und der kostet 60 Cent!“

„Gut, den nehm’ ich“, antwortete Carl kurz entschlossen. Fast eingeschüchtert von dieser rasanten Kaufentscheidung zog der verblüffte Verkäufer einen neuen silbrig glänzenden Kugelschreiber aus einer Hülle mit vier Stück und eilte triumphierend zur Verkaufstheke zurück.

„Du Carl, wir haben Kugelschreiber – daheim! Ich hab’ erst unlängst welche gekauft“, warf Gerlinde plötzlich ein.

„Bist du sicher?“ fragte Carl zögernd, er legte die Stirn in Falten.

„Ja“, sagte Gerlinde knapp und fixierte ihn mit einem bedeutsamen Blick.

„Aber ich kann ja sicherheitshalber einen mitnehmen“, meinte Carl salopp und blickte frech zurück…

„Carl – ich sag’ doch, wir haben genug Kugelschreiber zuhause!“ wiederholte Gerlinde eine Spur strenger.

„Komisch, dass ich die nie gesehen hab?“ brummelte Carl und schüttelt mehrfach seinen Kopf. „Aber den einen hier können wir ja trotzdem mitnehmen“!

„Ist nicht notwendig, Carl, ich hab’ einen kompletten 5-er-Pack bunter Kugelschreiber besorgt; das ist echt rausgeschmissenes Geld, wenn du jetzt noch einen kaufst…“, intonierte Gerlinde.

„Na gut, gut – wie du meinst“, tönte Carl entnervt.

Er wandte sich zu dem noch immer freundlichen Verkäufer und sagte,

„also dann keinen Kugelschreiber, Sie hören ja, mir ist dieser geplante Monsterkauf verboten worden…“

„Ach du Dummschwätzer “, ächzte Gerlinde mit hochgezogenen Augenbrauen und nahm Kopf schüttelnd ihre zwei kleinen Notizblöcke entgegen.

„Macht 2 Euro 40, gnädige Frau“, sagte der Verkäufer schmunzelnd zu Gerlinde, die ihre Geldbörse zückte.

Und zu Carl sagte er mit einem Bedauern in der Stimme, „tja – schade, mein Herr, das wären vier Kugelschreiber gewesen!“

„Ja, Pech gehabt“, erwiderte Carl. Er grinste und zog den Kopf ein.

„Hm – hm – hm“, brummte Gerlinde gereizt und zeigte ihre teueren verkronten Zähne, wie eine Löwin vor dem finalen Biss…

„Nichts für ungut, gnädige Frau, aber wir Männer müssen in der heutigen Zeit schon ein bisschen zusammenhalten“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer grinsend, während er von Gerlinde die 2 Euro 40 entgegennahm. Dann lachte er augenzwinkernd Carl zu, der bestätigend zurück nickte und für einen kurzen Moment das ungemein beruhigende Gefühl hatte, Mitglied eines geheimen Männerbundes geworden zu sein…

KH

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