Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Dezember 2014

Was ist los mit Deutschland – schläft es wirklich?

Carl und Gerlinde (XXXVIII)

Als Carl morgens im Badezimmerspiegel seine zerknautschte Visage anstarrte überlegte er kurz, ob er sich gleich eine reinhauen sollte, oder erst nach dem Frühstück! Aber mit leerem Magen ging das ohnehin nicht: diese versifften Mundwinkel und die Schimmelzunge waren viel zu ekelhaft! Außerdem fürchtete er, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Kam’s vom Magen? Oder dieser Halloween–Fratze?

ZZWerIII Die heiße Dusche brachte die Erlösung!

Der Wasserstrom über Kopf, Rücken und Gesäß wirkte wie ein belebender Stromstoß. Als dann die Brust, der Bauch und das leblose Würmchen berieselt wurden, kam auch Carls schwabbelndes Großhirn in Schwung. Ja es schlängelte sich sogar die eine oder andere Erinnerung wieder durch seine Alkohol getränkten Synapsen. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren fortgewischt. Nur die eineinhalb Liter Pinot Grigio in Blut und Leber mussten noch ausgeschwitzt werden und die gestrigen Gesprächstiraden von Dr. Osterkorn alias Bernie und Miriam auch…

Vollkommen überraschend war dieser ‚weinselige Gedankenaustausch’ gestern Abend bei Bernies Lieblingsitaliener für Carl nicht dahergekommen: Nach dem desaströsen Einbruch der Auftragszahlen im Unterwäschebereich durch die ‚Russlandklatsche’ war natürlich sonnenklar, dass die wichtigsten Spartenleiter bei TRIGA weithin hörbare Schnellschüsse abfeuern mussten.

Carl erinnerte sich dunkel, dass Bernie so etwas Ähnliches von sich gegeben hatte und schäumte sorgfältig seine muffelnden Achselhöhlen ein – puh! das war höchste Zeit…

Letztlich war Bernie auch nur ein Getriebener! Genau wie die Geschäftsführung und der Konzernvorstand: alle mussten die geplanten Renditeziele erreichen. Ohne Rendite – keine Boni! Weder für die Geschäftsführung noch für Bernie und seinen Spartenvertriebsleiter Carl. Und für Miriam, die Verantwortliche im Bereich Unterwäsche, schon gar nicht.

Wisst ihr – wir bräuchten ein komplett neues Narrativ für unsere Unterwäsche, hatte Bernie dann spontan losgeblafft und Miriam mit brunftigen Jungstierblick zugeprostet, die skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Ja – wir benötigen unbedingt eine richtig umstürzlerische Idee, um die Geschichte unserer Slips, Tops und BHs neu erzählen zu können und an unsere Kunden narrativ rüberzubringen! Ja und vielleicht sollten die Tops in den nächsten Jahren doch mal wieder bis zum Nabel reichen und die Damenhöschen wieder Höschen sein, die nicht nur das Schamhaar abdecken und hinten als Pobackenteiler fungieren?

Da Carl sich gerade den Po einschäumte, als dieser Erinnerungsfetzen durch sein Großhirn wehte und mit Entsetzen an Tangahöschen für Männer dachte, ging ein derartiges Beben durch seinen lädierten Körper, dass das herabrieselnde Duschwasser – oh Schreck – krachend gegen die Duschkabine platschte…

Vielleicht hat Putin ja wirklich Recht, hatte Bernie laut vor sich hin monologisiert, wenn er seit Sommer solche ‚Höschenfragmente’ von der russischen Frau fernhält und sie zukunftsweisend wieder in Richtung einer Unterhose dirigiert, die diesen Namen auch verdient. Dass er dabei in einem Aufwasch gleich die Werteskala für das ‚Neue Russland’ nachjustiert, kann ihm eigentlich niemand verübeln! Schließlich durfte das große, stolze Russland niemals auf das jämmerliche Niveau des dekadenten Westens absinken und Idealen huldigen deren aufgegipfelte Verkörperung eine ‚Conchita Wurst’ ist! Ist doch nachvollziehbar, oder?

Und wie stellst du dir das vor, lieber Bernie? Giftete Miriam plötzlich los: sollen wir dann zukünftig auch in Unterhosen bis zum Hals herumrennen und uns unterm Kaschmirkaftan verstecken? Na dann Prost-Mahlzeit, du Putinversteher! Du willst uns doch nur ins neunzehnte Jahrhundert zurückprügeln, damit du wieder ins Russlandgeschäft kommst, oder? Wenn dem so ist, lass es mich beizeiten wissen, ich bin dann schneller weg als du ‚Indianer Jones’ aussprechen kannst!

Carl, der sich endlich bis zu den Zehen durchgeschäumt hatte, war ziemlich erstaunt gewesen, dass Miriam so temperamentvoll ihren Bernie angeraunzt hatte. Das war echt super gewesen und verdiente einen extrakräftigen Massagestrahl auf Rücken und Lenden! Herrlich – wirklich ein Genuss…

Welch eine glückliche Fügung, dass dann das Essen gekommen war, sonst hätten sich Miriam und Bernie richtiggehend ineinander verbissen, aber so konnte Bernie ersatzweise in seinen Lammbraten beißen, Miriam an der überbackenen Goldbrasse knabbern und er sein Lammgulasch in Zitronensauce so hastig reinschaufeln, dass er von daher schon gezwungen war den Mund zu halten.

Da Bernie derlei Artigkeit offensichtlich fremd war und er mit vollem Mund weiterlaberte, ließ er Carl und Miriam voll an seinem zarten Lammbraten teilhaben, indem er ihn auch kleinteilig vor sich auf dem Tischtuch ausbreitete. Andererseits gelang ihm dadurch der nahtlose Übergang von Putin zu Merkel, von der er mehrfach energisch ein ähnliches Narrativ für Deutschland forderte, wie es Putin für das ‚Neue Russland’ geliefert hatte!

Aber du gehst jetzt nicht so weit, Bernie, dass du von ‚Mama Merkel’ nach der ‚Energiewende’ nun auch noch eine vorbildhafte radikale ‚Unterhosenwende’ einforderst, ätzte Miriam ebenfalls nahtlos weiter, während sie ihre Goldbrasse fachfraulich zerlegte.

Nein natürlich nicht, mampfte Bernie, aber ‚unsere Angela’ könnte das Deutsche Volk doch einmal mit einem hübschen, brauchbaren ‚Narrativ für Deutschland’ überraschen, statt es permanent mit sinnentleerten Worthülsen einzulullen! Es täte uns gut endlich aufzuwachen und uns mehr um den Rest der Welt zukümmern, statt ihn ständig mit unseren Ängsten zu quälen! Nur ‚German Angst’ ist ein bisschen wenig, oder Carl?

Ja dem konnte Carl unter der Dusche nur zustimmen und endlich den tierisch guten Massagestrahl abdrehen: Denn nach der Wassermassage war ‚Kaltduschen’ angesagt! Und das erforderte mindestens die gleiche Überwindung wie die Entwicklung eines Narrativs für Deutschland…

Aber siehe da, Osterkörnchen war nicht zu bremsen gewesen, ihn verlangte nach Miriams Rüffel und dem Lammbraten, nicht nur sofort nach einem Tiramisu, sondern er kam praktisch zeitgleich selber mit narrativen Ideen daher. Oder war’s Miriam gewesen? Die meinte wir sollten in einem neuen Narrativ für Deutschland nicht mehr nur den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den Holocaust gebetsmühlenartig repetieren und auch nicht nur über die Überwindung der Ost – West – Spaltung und Europa reden, sondern vielmehr die Tatsache hervorheben, dass Deutschland neuerdings ein höchst begehrtes Einwanderungsland ist und zum Beispiel während der letzten beiden Fußballweltmeisterschaften sogar plötzlich als hip, multikulti, fröhlich und bunt galt!

Da hatte Carl dann auch schon genug von der ‚Kaltdusche’! Bibbernd sprang er aus der Duschkabine, rubbelte sich laut stöhnend mit dem Badehandtuch ab und wollte partout nicht mehr daran erinnert werden, dass er nach Miriams klugen Einwurf – vielleicht schon etwas angesäuselt – unbedingt auch die ‚Energiewende’ in das neue Deutschlandnarrativ einbinden wollte und mit schwerer Zunge darauf bestand, dass sich dadurch quasi von selbst ein gravierender Paradigmenwechsel im Unterwäschegeschäft ergäbe: denn warme Unterwäsche führe zwangsläufig zu einer Reduktion der Heizleistung und damit auch des CO2 Ausstoßes in die Umwelt! Das sei doch klar wie Kloßbrühe!

Und gestützt auf diese Fakten könnte Frau Merkel in ihrer wenig präzisen Art vermutlich dann wirklich allen Skeptikern seelenruhig entgegensäuseln, dass das Land der ‚Dichter und Dämmer’ in den von der Regierung massiv geförderten warmen Unterhosen sehr wohl seine ehrgeizigen Klimaziele in der Europäischen Gemeinschaft erreichen wird! Ja diese sogar noch überbieten werde, wenn in der großen Koalition, konform mit Herrn Sigmar Gabriel, noch vor Jahreswechsel – abweichend vom Koalitionsvertrag – beschlossen würde, dass neuerdings auch ‚Thermounterwäsche’ ähnlich umfangreich gefördert würde wie die Wärmedämmung der Gebäude, ohne dass dadurch natürlich die schwarze Null von Herrn Schäuble in Gefahr geraten dürfte, was zwar nicht dem Weltklima aber doch der CDU immens schaden würde – und allein das zählte! Letzteres sagte Frau Merkel zwar nicht in Carls Gedankenwelt, dachte sie aber.

Kurz danach musste bei ihm der Film gerissen sein, denn an den Jubelschrei von Bernie hatte er keine Erinnerung mehr – und wie er nach Hause gekommen war wusste nur Gerlinde, die ihn aber heute Morgen nicht sehen wollte, was schon ein bisschen komisch war, oder?

KH

Kommentar verfassen

*