Klaus Hnilica
Donnerstag, der 24. Januar 2013

Wenn Männer es richtig machen…

Carl und Gerlinde (XXIX)

Carl wurde von Tag zu Tag klarer, dass er dem reinigenden Gewitter, eines Streits mit Gerlinde nicht mehr ausweichen konnte, weil er sonst in Gefahr lief, durch ihre manische Einkaufswut in den totalen Wahnsinn getrieben zu werden…

Seit vier Wochen verging kein Tag, an dem Gerlinde ihm nicht in den Ohren lag, weil wieder irgendein ganz süßes hellblaues Pulloverchen mit entzückend durchbrochenen Raglanansätzchen ohne jedes Zutun von ihrer Seite, so wahnsinnig eingegangen war, dass es wirklich nur mehr weggeschmissen werden konnte: dabei hatte sie dieses Mistding erst drei Mal angehabt und zweimal handwarm durchgewaschen – das müsse man sich einmal vorstellen!

Und was hatte sie nur für einen Ärger mit diesen saublöden apricotfarbenen Cardigans, die in keiner ihrer Boutiquen mehr aufzutreiben waren, außer bei diesem ätzenden C&A! Und da –  typisch – nur in Größen für schwangere Walrösser und Sumo–Ringerinnen, aber nicht für normale Menschen, und schon gar nicht für sie, die gerade acht Wochen New York Diät hinter sich hatte, sechs Kilo leichter war und urschnell jede Menge neuer Klamotten brauchte; Unterwäsche eingeschlossen – aus Carls neuester Frühjahrskollektion natürlich!

Oder sie nörgelte, bevor sie noch einen Schluck Kaffe oder Bissen Brot zu sich genommen hatte, bereits beim Frühstück  über total beknackte Wedge Sneakers aus der Goethestraße, die sie zu einem überirdischen Schnäppchenpreis erstanden hatte, die aber wegen ihrer blöden neuen Einlagen, so höllisch drückten, dass sie sie bestenfalls den OXFAM – Leuten bringen konnte. Der einzige Trost war, dass diese Folter– Sneakers, eh nicht zu ihrer neuen, abgefahrenen, schwarzen Zoé Lu Handtasche gepasst hätten, die sie nach wochenlanger Suche endlich in einer winzigen Boutique entdeckt hatte.

Aber abgesehen von diesem Ausnahmeglücksfall, lamentierte sie ohne Luft zu holen weiter, sei es bei ihr in letzter Zeit so beschissen gelaufen, dass das wirklich nicht mehr unter der Rubrik ‚übliches Pech’ abgehakt werden konnte! Nein – da konnte Carl noch so beschwichtigen, da war schon mehr dahinter. Schließlich hatte sie ja nicht nur mit ihren unmöglichen Klamotten dieses permanente Pech, ereiferte sie sich mit vollem Mund: Carl bräuchte sich doch nur an diese irren, schwarzen, marokkanischen Oliven unlängst vom Markt erinnern, die preislich derart reduziert waren, dass sie einfach vier Pfund mitnehmen musste, weil alles andere der Supergau an Blödheit gewesen wäre. Aber wie so oft schmeckten sie dem feinen Herrn Carl nicht und wurden unausgepackt in die Biotonne geworfen!

Oder die zwölf Flaschen spanischen Rotwein von Freixenet zum Sonderpreis von vier Euro neunundneunzig, mit denen sie ihn überraschen wollte und die auch ruckzuck in der Kanalisation landeten!

So ging das doch immer in letzter Zeit, wenn sie ihm eine Freude bereiten wollte, klagte Gerlinde schmollend und verzog sich hustend und schniefend in ihr frisch eingelassenes Erkältungsbad, das um ein Haar auch noch übergelaufen wäre…

„Entspann dich“! rief ihr Carl nach, war dann aber froh, dass sie weg war, da er diesen jämmerlichen Schwachsinn einfach nicht mehr ertragen konnte. Dabei war er doch wirklich die Geduld und Langmut in Person. Wie oft hatte er in unendlich langen und zermürbenden Diskussionen versucht, Gerlinde von dieser unsäglichen Jagd nach Schnäppchen und Fummeln abzubringen. Ihr geraten, gezielt, maßvoll und ruhig etwas teurer einzukaufen! Vor allem immer nur nach einem genauen Plan und wirklich nur das, was sie sich vorgenommen hatte! Das war doch eine schlichte Regel, die jeder verstehen und einhalten konnte! Auch sie als Frau, oder?

Doch heute, da Gerlinde von dieser zugegebenermaßen bösen Erkältung niedergestreckt worden war, bestand ja die Chance, dass wenigstens einen Tag lang in seinem Haushalt kein Einkaufschaos herrschte! Auf Grund dieser einmaligen Chance war er sogar bereit, die wenigen Sachen, die Gerlinde aufgeschrieben hatte, selbst schnell – vor Bürobeginn – aus dem Supermarkt zu holen:

1 WEISSBROT – 4 ZITRONEN – 4 DOSEN SARDINEN – 2 Päckchen BUTTER – 1kg LINSEN…

Das war’s schon!

Das Weißbrot kaufte er am Besten beim Rausgehen am Brotstand, das wusste er schon, obwohl er sich sonst wirklich nicht gut in diesem angeblich tollen Supermarkt auskannte und immer endlos herumsuchte.

Aber das war wohl der tiefere Sinn dieser permanenten Produktumschichtung! Außerdem hatte er gelesen, dass in allen Supermärkten der Welt, die Kunden immer linksrum geführt würden, da einschlägige Studien herausgefunden hatten, dass dann mehr gekauft wurde, als beim rechtsrum Gehen.

Aber jetzt musste er bei allem Linksrumgerenne erst einmal die Zitronen finden – bestimmt beim Obst!

Gerlinde klagte oft, dass es viel zu wenig frisches Obst gab – und wenn, dann war es meist weggekauft, bis sie ankam!

Heute lagen aber  jede Menge prächtiger Mangos auf den Tischen, auch zwei Sorten duftender Melonen, schöne Papayas – nicht gerade billig aber riesig – prima Ananas – zum Aktionspreis – und herrliche, gelbe Kiwis, die sie eh so gerne aß. Was sollte falsch sein, wenn er die einmalige Gelegenheit nutzte und von allem ordentlich mitnahm? Gerlinde war bestimmt begeistert…

Aber wo waren denn nun die verdammten Sardinen? Das war doch der nächste Posten, soweit er sich erinnerte. Oder wo war jemand, den man fragen konnte? Solche Leute gab es gar nicht mehr in Supermärkten!  Die versteckten sich, weil sie sich selbst nicht mehr auskannten; die Waren wurden ja nur mehr durch billiges Fremdpersonal einsortiert.

In seiner Not fragte Carl einfach die kleine korpulente Verkäuferin an der Fischtheke nach den Sardinen! Und da die so freundlich Auskunft gab, kaufte er gleich noch eine tüchtige Portion Meeresfrüchtesalat bei ihr und zwei köstliche Räucherforellen, die ganz frisch rein gekommen waren, wie die nette Verkäuferin mehrmals versicherte.

Bevor er dann aber wirklich in die vermutete Nähe der ersehnten Sardinen gelangte, musste er erst noch wie im Märchen etliche Prüfungen bestehen und unzählige lange und hohe Regalreihen mit eingelegten Heringen in hundert verschiedenen Gläsern und Dosen, überwinden – die es bestimmt in zwanzig verschiedenen Marinaden gab! Auch in Tomatensoße, um die er Gerlinde schon hunderte Male gebeten hatte, und von denen er sich keck gleich fünf Dosen in den Einkaufswagen lud und noch acht verschiedene Gläschen Muscheln darüber schichtete, bevor er endlich nach der Butter Ausschau halten konnte…

Aber stand vor dem Butterregal nicht sein unmöglicher, verbohrter Solar–Nachbar Konrad und seine eingetrocknete Luise? Und wühlten die nicht auch gerade in den zweihundert verschiedenen Buttersorten herum? Wie er es vor hatte?

Nichts wie weg!

Die Konrads musste er sich im Morgengrauen nicht antun, das konnte  nicht einmal Gerlinde von ihm verlangen! Blitzschnell bog Carl nach links zu den Rotweinen ab und griff instinktiv nach einer Flasche Amarone für 36.- Euro.

Leider zu spät!

„Ach der Herr Nachbar füllt nach den Feiertagen sein Weinlager auf?“ hörte er hinter sich sagen. Carl drehte sich um, tat überrascht und sagte, „ Gott – die Konrads! Sind Sie auch beim Einkaufen?“

„Nach was sieht’s denn aus, Herr Nachbar?“ lachte der solare Konrad brüllend über fünf Regale hinweg.

„So gut schon aufgelegt am frühen Morgen?“ witzelte Carl gequält und fragte Herrn Konrad, ob er auch gerne Amarone trinke.

„Mein Mann trinkt nur deutsche Weine“, schaltete sich die faltige Luise ein, „da weiß man wenigstens, was man hat“.

„Das stimmt“, sagte Carl, bedächtig nickend, „ aber wenn man hier zu den höherpreisigen Weinen greift, ist man auch ganz gut bedient…“

„Na ja, eine Flasche Wein für vierzig Euro können wir uns nicht leisten“, warf Herr Konrad sauertöpfisch ein.

„Ja was trinken Sie denn dann?“

„Ach, in der Pfalz kriegt man beim Winzer für fast kein Geld auch recht ordentliche ‚Tröpfle’?

„So, so“ sagte Carl und stellte sich mit einem selten gespürten Wonnegefühl, acht Flaschen Amarone in den Einkaufswagen, während die Konrads kopfschüttelnd weitergingen.

Aber so richtig voll hatte Carl die Nase erst, als Gerlinde ihn daheim wie in einem Kreuzverhör fünf mal hintereinander nach den blöden Zitronen und Sardinen befragte und acht Mal nach der beschissenen Butter und den Linsen, als gäbe es keine anderen Probleme auf der Welt!

Typisch Weiber, nur nicht über den Tellerrand hinausgucken, es könnte ja auch noch etwas anderes geben, als diesen kleinkarierten Haushaltskram.

Sein tolles Obst wurde nicht einmal ignoriert!

Und als er sich erlaubte dezent darauf hinzuweisen, sagte Gerlinde nur spitz, dass sie gar nicht wüsste, wohin mit diesen Mengen? Ja sollte er denn um Herrgottswillen jetzt auf der Stelle auch noch einen größeren Kühlschrank anschaffen? Unfassbar was diese Frauen sich vorstellten…

Wenn das der Dank dafür war, dass er freiwillig Gerlindes Haushaltskram erledigt hatte, konnte er wirklich gerne darauf verzichten!

Und auf Klugscheißereien, wie „der Amarone stand aber nicht auf dem Einkaufzettel!“ auch. Folglich durfte Gerlinde nie etwas von diesen acht schönen Fläschchen Amarone in seinem Auto erfahren: es sei denn  sie war bereit alle acht Fläschchen – mit ihm auszuschlürfen…

KH

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