Klaus Hnilica
Donnerstag, der 5. April 2012

Wo ist die Rolex?

Carl und Gerlinde (XXII)

Normalerweise hätte Carl nur Gerlindes strammen Po gesehen – und nicht die Nest bauende Rabenkrähe, die der wehrlosen Trauerbirke pausenlos Äste aus der Krone rupfte! Denn an so einem frühlingsmilden Samstagmorgen wär’ Gerlinde bestimmt schon mit Sonnenaufgang amseldreist zwischen den Frühblühern herumgewuselt, hätte den Geruch der feuchten Erde eingesogen und gnadenlos alle zappelnden Regenwürmer unter den modrigen Laubklumpen den lauernden Vögeln zugeschustert…

Doch so – stierte Carl nur freudlos, nach einem kargen, selbst zubereiteten Frühstück, mit wässerigen Augen von der Terrasse in den sonnengrellen Garten, in dem jede Ecke nach Gerlindes ‚grüner Hand’ schrie!

Im letzten Frühling, erinnerte sich Carl, hatte er Gerlindes Gartenwühlerei noch mit fachkundigen Anmerkungen, bei Kaffe und Zigarillos, von der Terrasse aus begleitet! Was aber letztlich auch nicht das reine Vergnügen war, da Gerlinde es sehr geschickt verstanden hatte ihm durch herausforderndes Gestöhne permanent diverse Hilfsdienste abzuringen: hier ein paar Spatenstiche, dort den Ast weg, diesen Haufen auf den Kompost und da bitte gießen – tja blitzschnell wär’ er für den Rest des Tages eingespannt gewesen, wenn er nicht rechtzeitig energisch seine Pflöcke gesetzt hätte!

Und auf ihren Wunsch hin, hatte er damals auch neben dem Lorbeerbaum den Gartenteich anlegen lassen. Mit zehn leuchtenden Goldfischen, die Hannelore und Kurt großzügig beigesteuert hatten, und die er nun am Hals hatte; samt der Drecksbrühe, den Wasserpflanzen und dem stinkenden Schlamm…

Vielleicht waren ja die Teicharbeiten wirklich vordringlicher, als der Baumschnitt, grübelte Carl, und auf keinen Fall würde er das selbst machen, da musste ein Fachmann ran. Er nuckelte angestrengt an seiner vierten Davidoff und tappte Gedanken verloren, ausgehbereit in heller Hose und weißem Hemd, über den taunassen Rasen zu Gerlindes geliebter ‚Pfütze’!

Obwohl noch kein Sonnenstrahl das trübe Wässerchen erhellte, waren Gerlindes Goldfischchen schon unterwegs! Langsam zwar, aber immerhin! Carl ging in die Knie und versuchte mit einem Stock die kleinen Langweiler auf Trab zu bringen! Da Gerlindes Gemecker, sich mit der hellen Hose nicht ins Gras zu knien weil Grasflecke nie mehr rausgingen, naturgemäß ausblieb, ließ er sich von den kleinen rot schimmernden Faulenzern zu immer gewagteren Verrenkungen verführen und war bald bis zu den Ellbogen nass!

Vorsicht, die Uhr! Und die Hose hatte es auch schon erwischt! Dabei musste er ja noch zu Hannelore und Kurt, die ihn endlich wieder einmal zum Mittagessen eingeladen hatten, nach der peinlichen Otello-Geschichte! Das durfte er auf keinen Fall vermasseln…

In der Brusttasche vibrierte plötzlich das Handy!

Unwillkürlich streifte Carl mit seinen nassen Händen noch einmal über die helle Hose, griff instinktiv in die Hosentasche und verscheuchte eine neugierige Fliege von der Nase. Gott – wie seine Hände nach dem modrigen Wasser stanken! Nee – seins würde die Gartenarbeit nie werden, alleine schon wegen dieses Ekelgeruchs…

„Kommst du auch wirklich, Carl?“ flötete Hannelore.

„Ja – ja,“ presste Carl ins Telefon, da er für einen Moment das Gleichgewicht verlor und zu allem Überfluss mit dem Hosenboden voll auf dem nassen Rasen landete…

„Carl, geht’s dir gut?“

„Ja – ja ich bin nur  – gerade…“

„Carl – was ist denn?“

„Nichts, ich bin nur gerade nach hinten gekippt.“

„Hast du wieder getrunken?“

„Nein – ja, aber nicht viel!“

„Das sagst du immer!“

„Nein, mach dir keine Sorgen…“

„Mach’ ich mir aber!“

„Oh – Gott mein Hintern ist nass!“

„Wer ist nass?“

„Mein Hintern, Hannelore, hörst du  – und die Uhr! Aber wo ist sie  – wo ist denn die Rolex, die ich von der Gerlinde zum Geburtstag bekommen habe?“

„Carl, sag was ist mit dir? Du bist ja vollkommen verwirrt?“

„Die Rolex ist weg…“

„Das gibt’s doch nicht!“

„Doch, ich hab da am Gartenteich Gerlindes Goldfische geärgert und jetzt ist meine Rolex weg.

„Nein…?“

„Ja – bevor du angerufen hast, hatte ich sie noch!“

„Nicht möglich! Ist sie vielleicht ins Wasser gefallen?“

„Nein – nein, bestimmt nicht! Oder vielleicht doch?“

„Ach Carl, du bist wirklich ein Pechvogel in letzter Zeit…“

„Das kann man aber laut sagen, Hannelore!“

„So eine Kacke auch, Carl.“

„Du ich muss Schluss machen, Hannelore und die Uhr suchen, mir lässt das keine Ruhe, sei mir bitte nicht böse, ich melde mich.“

Die helle Hose! Das weiße Hemd! Carl war’s scheißegal!

Er warf sich an den Rand des Fischteiches und wühlte in null Komma nichts wie besessen, bis zu den Schultern im Wasser, mit beiden Händen im Schlamm; sehen konnte er in der schwarzen Brühe zwar nichts, aber ab und an streifte er einen Goldfisch – immerhin – aber leider keine Rolex!

Hatte es da nicht gerade am Haustor geläutet? Das passte ja. So verdreckt wie er war…

Doch da hörte er schon Hannelores markantes Organ am Gartentor und Kurts Genörgel!

Beide in Overalls und Gummistiefeln; mit Fangnetz, Plastikeimern, Harke und einer Schmutzwasserpumpe!

„Ja, ja“, rief Kurt schon von weitem „wer den Goldfisch nicht ehrt, ist die Rolex nicht wert!“

„Kurt, hör doch auf mit deinen blöden Sprüchen“, wies ihn Hannelore zurecht, „der Carl hat doch eh genug um die Ohren!“

„Siehst du Carl, du hast eine starke Fürsprecherin!“ sagte Kurt augenzwinkernd und übernahm nach einer kurzen Lagebesprechung sofort das Kommando!

Doch Carl entwischte geschickt, mit dem Hinweis einen Begrüßungstrunk beibringen zu müssen; und Hannelore wandte sich lieber gleich den Goldfischen zu, während Kurt lauthals das strategische Vorgehen entwickelte.

Aber auch – als die Goldfische sich längst in dem mitgebrachten Plastikeimer tummelten – das Teichwasser abgepumpt, jedes Fleckchen im Teichbecken akribisch inspiziert und die erste Runde Bier getrunken war – war von der Rolex weit und breit nichts zu sehen…

„Hannelore, jetzt müssen die Wasserpflanzen raus, da hilft alles nichts“ rief Kurt energisch „und auch die Steine“!

Carl konnte diesen riesen Aufwand und das ganze Getue um die blöde Uhr immer noch nicht begreifen! Warum hatte er sich nur zu dieser Tändelei mit den doofen Fischen hinreißen lassen?

Vielleicht hatte der Kurt ja recht mit seinem platten Spruch!

Und die  Hannelore nervte ihn auch: Immer wieder wollte sie von ihm wissen, wo er genau gestanden habe, als er das Fehlen seiner Uhr bemerkte; war es dort oder da, drüben wo Kurt stand oder hier vor ihnen…

Ihm reichte es! Von oben bis unten nass, wandte er sich spontan von ihr ab, schnappte den Korb mit den leeren Bierflaschen und holte Nachschub: Bier war das Einzige, was jetzt noch half…

Ja und gerade als er mit dem frisch aufgefüllten Korb zum Kriegsschauplatz zurückkehrte, starrte Hannelore, die anweisungsgemäß bereits die Wasserlilien aus dem Becken geholt und in einen Eimer verstaut hatte, nicht nur dreist auf Carls nasse Hose, sondern geradezu anstößig in seinen Schritt!

Sie jaulte auf wie eine Kreissäge, zog ihren Kurt von den Steinen weg zu sich und deutete schreiend auf Carls rechten Oberschenkel.

„Carl, greif doch einmal in deine rechte Hosentasche!“

„Warum?“ sagte er und stellte entgeistert den vollen Korb ab.

„Tu’ s doch!“

„Gut ich tu’ s“, sagte er und schaute unsicher an sich hinunter.

„Oh Gott, da ist sie ja – die Rolex! Was bin ich nur für ein Riesentrottel?“

„Du sagst es“, grinste Hannelore, „sei nur froh, dass Gerlinde jetzt nicht da ist…“

KH

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