Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. November 2018

Zahnarztgeplauder mit Bohrer und Speichelabsauger

Carl und Gerlinde (Folge 60)

Irgendwie hatte Dr. Mittler einen Narren an Carl und Gerlinde gefressen. Er beschwor bei jeder Plombe, jeder Zahnsteinentfernung oder Wurzelbehandlung den äußerst glücklichen Umstand, sie beide zu kennen und mit ihnen plaudern zu können. Manchmal hatte Carl sogar den leisen Verdacht, dass dieser Herr Dr. Mittler heimlich in seine Gerlinde verliebt war, da er sie gar so umschwärmte und mit Komplimenten überschüttete, wenn sie einmal jährlich zur Durchsicht ihrer Zähne bei ihm antanzte.

Da Carl genau wie Dr. Mittler ein begeisterter Wien-Urlauber war, gab es bei jeder Behandlung nur ein Thema – und das hieß Wien!

Dies umso mehr als der gebürtige Dortmunder Dr. Mittler um ein Haar eine Professur in Wien angenommen hätte, sich aber dann letztlich doch für die konkrete ärztliche Tätigkeit ‚am Zahn der Zeit b.z.w der Menschheit‘, wie er jedes Mal laut lachend feststellte, entschlossen hatte und dies bisher auch nicht eine einzige Minute lang bereute.

An Carl bewunderte er nicht nur dessen fabelhafte Kenntnisse bezüglich der wichtigsten einschlägigen Restaurants und Heurigenlokale in Wien, sondern vor allem seine Fähigkeit, nahezu perfekt im Wiener Dialekt sprechen zu können. Davon konnte Dr. Mittler als gebürtiger ‚Ruhri‘, der sich noch immer nicht an die maulfaulen Hessen und deren fürchterlichen Dialekt gewöhnt hatte, nicht genug kriegen: Wörter wie leiwand ,Servus, Beuscherl, Schmäh und Topfenstrudel waren einfach Balsam für seine angeraute Seele und konnte er immer und immer wieder hören, wenn er nicht gerade selbst redete, was er aber ohne Punkt und Komma und ohne jemals Luft zu holen faktisch immer tat, so dass er zwar von Carls herrlichen Wiener Dialekt stets schwärmte ihn aber wohl noch nie so richtig wahrgenommen hatte…

Und natürlich schon gar nicht, wenn Carl während der schwärmerischen Erzählungen über den letzten Wien-Urlaub mit weit geöffnetem Mund vor ihm lag, und er, Dr. Mittler, mit seinem Bohrer eine riesige alte Amalgamplombe im rechten unteren Backenzahn bearbeitete. Deswegen, sagte Dr. Mittler und schaute Zustimmung heischend zur etwas drallen Frau Römer, die links neben Carl mit einem Speichelsauger in dessen Mund herumfummelte und dabei auch seine linke untere Lippe malträtierte, fände er es so sagenhaft wohltuend, dass Carl durch seinen Dialekt ihm diese vertrauten Urlaubsklänge aus Wien in seine Praxis zauberte.

Wirklich ein Genuss der Extraklasse sei das, sagte er grinsend und gewährte Carl eine kurze Pause, damit dieser seinen gequälten Mund ausspülen und die verkrampfte Kieferpartie lockern konnte. Diese jäh zurückgewonnene Entspannung seines Sprechapparates hätte Carl sogar erlaubt, einen kurzen Einwand in schönstem Wiener Dialekt zu formulieren, wenn Dr. Mittler wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde seine Ausführungen unterbrochen oder nur ein einziges Mal Luft geholt hätte. Doch da dies nicht geschah, hatte er statt dessen sofort wieder Bohrer und Speichelabsauger im Mund, als er diesen – nach Entspannung lechzend – vorschnell ein zweites Mal schließen wollte.

Aber immerhin konnte Carl anschließend mehrmals ein lautes, röchelndes

„Aaaah!“

von sich geben und schmerzhaft sein Gesicht verziehen, als Dr. Mittler bei der Frage, welche Heurigenlokale in Wien derzeit am angesagtesten seien, mit seinem Bohrer kurz sein Zahnfleisch streifte. Wobei, fuhr er fort, er Carl ja gestehen müsse, dass er die ‚Gösser Bierklinik‘ wegen ihrer herrlich großen Schnitzel ohnehin jedem Heurigenlokal vorziehe.

Da Carl wegen der Verletzung seines Zahnfleisches rechts unten stark zu bluten anfing, drückte ihn Frau Römer energisch an ihren festen Busen, um aus seinen Mund nicht nur den Speichel sondern nunmehr auch das Blut abzusaugen, sodass Carl auf die Frage von Dr. Mittler, ob ihm etwas weh tue, nur einen kurzen Grunzlaut, begleitet von einem leidvollen Blick, von sich geben konnte. Immerhin flüsterte ihm Frau Römer zu, während Dr. Mittler weiter schwadronierte, dass er ohne weiteres auch jederzeit seinen Mund ausspülen könne, wenn er möchte

Carl nahm diese Möglichkeit mit einem gequälten Lächeln dankbar an!

Er spülte dreimal seinen Mund gründlich durch und nahm mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, dass Dr. Mittler neben den riesigen Schnitzeln auch in die köstlichen Wiener Mehlspeisen verliebt war, was seiner Frau gar nicht gefiel, da er daraufhin oftmals fürchterliches Sodbrennen bekam und nicht selten noch am nächsten Tag bis Mittag nicht zu gebrauchen war.

Doch dann war‘s auch schon überstanden!

Carl konnte endlich wieder seinen Mund auf und zu klappen, beziehungsweise normal bewegen und auch ein verkniffenes Grinsen aufsetzen, während Dr. Mittler ihn bat, vorne bei Frau Koch einen neuen Termin kurzfristig zu vereinbaren. Das wäre nämlich schon notwendig. Einmal um die neue Plombe noch zu polieren und zum anderen noch ein paar andere Kleinigkeiten an seinen Zähnen zu richten.

Abgesehen davon, sagte Dr. Mittler, freue er sich jetzt schon wieder höllisch auf dieses nächste Zusammentreffen, wenn er wieder Carls herrlichen Wiener Dialekt höre bei dem ihm jedes Mal warm ums Herz werde…

Carl nickte stumm und drückte dem einfühlsamen Herrn Dr. Mittler kräftig die dargebotene Hand.

PS:
Dieser Text ist vollkommen frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit existierenden Personen ist rein zufällig.

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