Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 16. September 2009

Angst

In diesen Monaten habe ich das Vergnügen, durch Deutschland reisen zu können und auf Vorträgen mein Buch „Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls“ vorstellen zu dürfen. Was ich dabei oft erlebe, bestätigt nicht nur die Thesen des Buches, sondern gehört ebenso auf die bedruckten Blätter wie auf die Kommentarseiten von Internetblogs.

FriedhofIm Anschluss an einen Vortrag über die „Angst vor den Toten“, die wir Menschen pflegen, kam einmal ein junge Frau auf mich zu und sagte mir, dass sie meine Ausführungen sehr gelungen fand und nun das Bedürfnis habe, mir zu sagen, dass sie persönlich keine Angst vor den Toten habe; sie gehe sogar nachts allein auf Friedhöfe.

Nun konnte ich ihr wärmstens die Lektüre meines Buches empfehlen, weil sie dabei eine ganze Menge über sich selbst herausfinden würde.

Denn es sei doch merkwürdig, dass sie mir sagen wolle, dass sie keine Angst vor den Toten habe und zum Beweis ihre Angst vor den Toten anführte. Warum hebt sie denn hervor, dass sie sogar nachts alleine auf Friedhöfe geht, wenn sie dies nicht als eine Art Mutprobe ansieht; und wozu diese Mutprobe, wenn nicht Angst sie erst zu einer solchen machen kann?

So ist es mit der Angst, sie hält sich im Hintergrund, steuert unser Verhalten und am Ende wissen wir nicht einmal, was sie angerichtet hat.

Merkwürdig ist auch, dass kürzlich der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering in Stuttgart eine gefährliche Notlandung ohne Blessuren überstanden hatte und ohne langes Zögern zum nächsten Tagesordnungspunkt seiner Wahlkampagne übergegangen wäre, wenn ihn nicht Journalisten nach dem Flugzeugunglück befragt hätten. Der Beinaheabsturz und Müntes Ausstieg über die Notrutschen überschattete alle Wahlthemen. Er berichtete bereitwillig und sachlich über die Anweisungen der Crew zur Notlandung, und was er sonst noch zu sagen hatte, war unwichtig.

Only bad news are good news, lautet ein wahres Sprichwort der Journaille. Themen, die unser Angstbedürfnis befriedigen, stehlen jeder Meldung über wirkliche Gefahren die Show. Gefährlicher als die Notlandung des Münte-Flugzeugs ist  vielleicht der Steuerkurs der Bundesregierung. Und Alternativen sind nicht in Sicht.

Flugzeugabstürze sind das Lieblingsthema ängstlicher Menschen. Regelmäßig frage ich das Auditorium meiner Vorträge zum Thema Angst, wer von ihnen schon einmal mit dem Flugzeug abgestürzt sei. Regelmäßig meldet sich keiner zu Wort. Frage ich unmittelbar darauf, wer von den anwesenden Angst vor einem Flugzeugabsturz habe, dann melden sich stets die meisten per Handzeichen. Das ist für mich besonders bemerkenswert, weil ich zwei Männer kenne, die schon einmal mit dem Flugzeug abgestürzt sind. Einer von ihnen ist seither körperlich stark beeinträchtigt. Doch beide haben keine Angst vor dem Flugzeugabsturz. Der zuletzt genannte hat mit mir vor ein paar Jahren noch in der einmotorigen Piper einen Flug über Deutschland unternommen, bei dem wir viel Freude hatten.

Dies alles ist bemerkenswert, weil uns die Auskünfte bestätigen, dass das Maß der Angst, das wir empfinden, unabhängig von der Gefährlichkeit der Situation auftritt. Wir Menschen haben Angst, weil wir ängstlich sind und nicht, weil eine Situation gefährlich ist. Das sollte uns allen zu denken geben, wenn wir uns von der einen Angst in die nächste jagen lassen:

Schweinegrippe, Klimakollaps, totschlagende Jugendliche in Müchner Bahnhöfen und tausend andere Moden. Wichtig wäre es zu erkennen, dass Menschen, die täglich mit wirklichen Gefahren umgehen müssen, in ihrem alltäglichen Leben weniger Angst benötigen.

kjg

1 Kommentar zu “Angst”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 17. September 2009)

    Good stuff. Very many people are regularly in danger when driving fast. They should worry a bit more. This is one of the last remaining instances of Darwinian selection for „common“ sense.
    Fear of the dead was very hard for me to understand. It took me a minute or two to realise that the author was not writing about „fear of killing“. Was this ambiguous, or is my German so bad?
    One quibble: „Bad news is good news“ is correct. „News“ is singular (and has no plural). The normal saying is „No news is good news“. This relates to the pessimistic Chinese curse „May you have an interesting life“.

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