Klaus-Jürgen Grün
Donnerstag, der 18. September 2008

Die Last der Ethik

Überlegungen zur gelingenden Kommunikation zwischen Ethik und Ökonomie

Ein vieldeutiger Begriff

„Ethik“ ist kein Begriff, der etwas Einheitliches bezeichnet. Es gibt viele Ethiken. Was wir unter „Ethik“ verstehen, hängt in erster Linie davon ab, ob wir ein ohne Einschränkungen arbeitendes Gehirn besitzen (eine Unterversorgung des Präfrontalcortex ist bei allen zur Gewalt neigenden Menschen zu beobachten). Ist die Hardware in Ordnung, hängt unser moralisches Verhalten und wie wir es durch Ethik rechtfertigen, davon ab, wo und wie wir Ethik und Moral kennen gelernt haben – in der Familie, auf der Straße, in der Kirche, an einem bestimmten philosophischen Institut einer Universität, in einer Interessengemeinschaft, in der Praxis gelebter Werte eines Unternehmens oder anderswo.

Im Rahmen einer Unternehmensethik scheint „Ethik“ jedoch in einem eindeutigen Sinn gebraucht zu sein. „Unternehmensethik“ erweckt den Anschein, als sei immer schon klar, was jeder unter „Ethik“ zu verstehen habe, und es gelte allein, die allgemein anerkannte Sache jetzt auf das Unternehmen zu übertragen. Diese Wahrnehmung ist falsch. Der Begriff erweckt den Eindruck es gebe nur eine Ethik und es sei das, was „Unternehmensethik“ beinhalte, stets auch dasjenige, was Unternehmer haben wollen oder müssen.

Gesinnungsethik versus Verantwortungsethik

Die Uneinheitlichkeit von Ethik offenbart sich auf drastische Weise, wenn wir im Sinne von Max Weber alle Ethiken nach zwei grundsätzlichen Denktypen einteilen. Wir erhalten dann die weitreichende Unterscheidung in Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.

„Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz“, lautet es bei Max Weber in seinem Vortrag Politik als Beruf aus dem Jahr 1919, „ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet -: ‘der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim’, oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Sie mögen“, fährt Max Weber fort, „einem überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten noch so überzeugend darlegen: daß die Folgen seines Tuns die Steigerung der Chancen der Reaktion, gesteigerte Bedrückung seiner Klasse, Hemmung ihres Aufstiegs sein werden, – und es wird auf ihn gar keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille des Gottes, der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, – er hat … gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. ‘Verantwortlich’ fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, daß die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.“

Stärken und Schwächen der Gesinnungsethik

Gesinnungsethik ist der umfassende Name für die auf reiner Vernunft, auf Religion, auf endgültigen Prinzipien gegründeten Ethik. Sie ist damit befasst, aus reinem Denken oder Glauben unumstößliche Prinzipien für unser Handeln zu gewinnen und rational oder durch Religion zu begründen. Sie verwirklicht dadurch den unverzichtbaren Anspruch nach Universalisierbarkeit unserer ethischen Gesinnung. Sie hat zudem rechtsphilosophische Relevanz, weil sie ihre Anwendung ohne Ausnahme mit gesetzlicher Strenge fordert.

Mit ihrem universalen und absoluten Geltungsanspruch, der allein rational oder durch Religion, nicht aber durch Empirie und Nutzenkalkül zu begründen sei, gewinnt sie jedoch streckenweise eine Eigendynamik, in der sich die moralischen Ansprüche von Individuen und Gruppen vielfach nicht mehr aufgehoben finden. Die meisten Konflikte, denen wir derzeit auf globaler Ebene stellen müssen, haben ihren Ursprung in den gesinnungsethischen Grundlagen der Konfliktparteien, die der jeweilige Gegner nicht bereit ist anzuerkennen. Auch ein islamistischer Suizid-Attentäter verrichtet seine Tat mit einem ethisch reinen Gewissen.

Ein gesinnungsethischer Ansatz fördert in der einzelnen Person nur unzureichend deren Bereitschaft zur Anerkennung des Anderen und Fremden, die wesentliche Voraussetzung für Duldung und Toleranz. Vielmehr ist zumeist ein starker Einsatz von Überwachung und Kontrolle nötig, um solche Prinzipien zur Geltung zu bringen, mit denen sich der Einzelne oft nicht identifiziert. Die abstrakten gesinnungsethischen Ansprüche können zudem den Menschen in eine Position bringen, in der er sich der Ethik, dem Recht, dem Gesetz gegenüber als entfremdet wahrnimmt. In einem solchen System wird das moralische Bedürfnis des einzelnen Menschen nicht befriedigt, er erlebt das ethische System sich gegenüber als etwas Fremdes.

Vertreter einer „Tugendethik“ (im Gegensatz zur „Vernunftethik“) haben früh schon das „Unethische“ in den prinzipienethischen Ansätzen kritisch betrachtet. Beispielsweise forderte die Cambridger Philosophin Elizabeth Anscombe in ihrem 1958 erschienenen Aufsatz Moderne Moralphilosophie radikal, dass die Begriffe des moralischen Sollens und der moralischen Pflicht auf den Index gesetzt werden sollten. Sie dachte an Begriffe, die im Mittelpunkt moderner Moraltheorien stehen und dem Utilitarismus sowie der Moralphilosophie Kants eigen sind.

Vorzüge und Schwächen der Verantwortungsethik

Eine Ethik der kleinen Schritte, wie sie mit den Ansprüchen einer Verantwortungsethik verbunden ist, gerät nicht in die genannten Aporien. Sie stellt das handelnde Individuum mit seinem Verantwortungsbewusstsein in den Vordergrund und befriedigt sein moralisches Bedürfnis. Sie ist eine empirisch begründete Ethik: nicht abstrakte oder reine Vernunft fordern unbedingte Geltung, sondern die von Fall zu Fall stets erneut stattfindende Abwägung der zu erwartenden Folgen geben den Ausschlag für die bewusste Anwendung eines Prinzips. Verantwortungsethik bildet im Individuum selbst ein moralisches Bewusstsein aus. Zudem sind ein Großteil der am Wohl der Gemeinschaft orientierten ökonomischen Grundlagen des Marktes bereits verantwortungsethischen Kategorien verpflichtet (Nachhaltigkeit, Rechtschaffenheit, Angemessenheit, Sparsamkeit im Umgang mit Ressourcen und vieles mehr).

Verantwortungsethischen Konzepten kann man jedoch zuweilen vorwerfen, dass sie nach der Regel „Der Zweck heilige die Mittel“ verfahre. Sie geraten in den Verdacht, allein am Nutzen weniger interessiert zu sein.

Das Unternehmen als Ort der Ausbildung eines verantwortungsethischen Bewusstseins

Es ist zu fürchten, dass gesinnungsethische Konzepte in Form von Kodizes als Rahmenrichtlinien unter dem Namen „Unternehmensethik“ in Unternehmen eingeführt werden. Obgleich sich in der Gesinnungsethik, die wir auch als Prinzipienethik oder abgeschwächt als Vernunftethik bezeichnen können, die Strukturen der demokratischen Willensbildung verwirklicht haben, hat sie neben den genannten formalen Kriterien auch inhaltlich einen entscheidenden Nachteil: Die Ansprüche unternehmerischen Wertebewusstseins sind in die Willensbildung wenig oder gar nicht eingeflossen. Dies hat damit zu tun, dass naturgemäß prinzipienethische Überlegungen, wie wir ihnen auch in der Gesinnungsethik Immanuel Kants begegnen, oftmals fern ab der Anwendung in der Klausurstube stattfinden. Vernunftethische oder gesinnungsethische Konzepte bleiben daher oft eine rein akademische Disziplin. In den Diskurs um die Errichtung normativer Ethik in diesem Sinn ist unternehmerisches Denken wenig oder gar nicht eingeflossen.

Weiterhin gehört es zu den allgemein anerkannten Voraussetzungen prinzipienethischer Rationalität, dass die Gegenwart empirischer Erfahrung, wie sie aus unternehmerischer Praxis gewonnen werden könnte, irrelevant sei für die philosophische Forschung. Sie setzt also voraus, dass allein die immanente Rationalität philosophischer Diskurse die Wahrheit und Gültigkeit ethischer Prinzipien verbürge und keineswegs die Ansprüche empirischer Erfahrung von Unternehmen dazu hilfreich oder sogar nötig sein könnte.

So ist es möglich, dass unter dem Namen „Unternehmensethik“ Normen in Unternehmen eingeführt werden können, die dort nicht gewollt sind, dem wirtschaftlichen Erfolg Schaden zufügen können, die dort selbst schon vorhandene verantwortungsbewusste Ausrichtungen ignorieren und durch abstraktere und weniger taugliche Prinzipien ersetzen wollen.

Diese Nachteile sind so gravierend, dass eine Besinnung auf die mit ökonomischem Planen und Handeln immer schon verbundenen verantwortungsethischen Grundlagen geboten ist. Es ist keineswegs richtig, dass in Unternehmen ein Mangel an ethisch-moralischem Bewusstsein herrsche, allein weil es nicht die aus dem akademisch-philosophischen Diskurs gewonnenen Prinzipien sind, die dort gepflegt werden. Vielmehr verhält es so, dass aus der Sicht akademisch legitimierter Gesinnungsethik diese naturgemäß als der einzig richtige und wahre Zugang zur Ethik erscheint. Je rationaler eine Ethik begründet ist, umso stärker weist sie sich aus als eine, die ausschließlich rational und nicht durch Erfahrung zu begründen gewesen ist. Die Frage, ob eine Berücksichtigung von Geltungsansprüchen von außerhalb – beispielsweise aus der Werte bildenden Praxis unternehmerischen Handelns – nötig ist, stellt sich dem Gesinnungs- und Prinzipenethiker nicht.

Genauso wenig stellt sich einem Verantwortungsethiker die Frage, ob er sein Handeln absolut gültigen Prinzipien unterwerfen soll, wenn seinem Handeln die bestmögliche Abschätzung erwartbarer Folgen vorausgegangen ist. Der natürliche Zugang unternehmerischen Denkens zur Ethik ist die Verantwortungsethik oder Folgenabschätzungsethik. Sie steckt bereits in der professionellen ökonomischen Theorie.

Damit eine „Unternehmensethik“ nicht die abstrakte Übertragung umstrittener Thesen akademischer Interessen am ethischen Diskurs bleibt, müssen die mit unternehmerischem Denken stets schon verbundenen ethischen Implikationen in den Diskurs eingebracht werden. Naturgemäß treffen wir im Unternehmen auf die dem weiten Feld der Verantwortungsethik zuzurechnenden Voraussetzungen einer Ethik. Dadurch wirken wir dem Missverständnis entgegen, im ökonomischen Denken und Handeln sei keine Ethik enthalten. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Last der Ethik in der Wirtschaft auch eine Erscheinung der einander kontradiktorisch gegenüberstehenden gesinnungsethischen und verantwortungsethischen Denkweisen darstellt. Auch im ökonomischen Denken – insbesondere im Unternehmerischen Handeln – herrscht eine Ethik vor. Aber es ist nicht die Ethik, die im akademischen Sinn vorherrschend ist. Unternehmensethik ist dagegen ein Prozess, in dem sich die mit unternehmerischem Denken und Handeln verbundenen Werte bildenden Strukturen in den ethischen Diskurs einmischen.

Es kommt nicht darauf an, Gesinnungsethik oder Verantwortungsethik als das allein Heil versprechende Gut anzupreisen. Vielmehr ist es wichtig zu erkennen, dass der jeweilige Standpunkt blind macht für den anderen. Wo die gesinnungsethische Denkweise vorherrscht, entsteht der Eindruck, dass es nichts weiter bedürfe, vor allem nicht der am empirischen Handeln orientierten Denkhaltung der Folgenabschätzungsethik. Gesinnungsethiker betrachten das Handeln nach ökonomischen Prinzipien nicht als das Handeln nach einer anderen Ethik, sondern als das „unethische“ Handeln per se. Umgekehrt herrscht dort, wo immer schon die verantwortungsbewusste Abschätzung der Folgen aus ökonomischen Gründen geboten war, Unverständnis für die mit „Unternehmensethik“ einzuführenden zusätzlichen Rahmenrichtlinien. Tatsächlich jedoch haben wir es mit zwei einander ausgrenzenden Ethiken zu tun, die sich jeweils für vollständig erachten.

Was zu fordern ist

Im Rahmen der Überlegungen zur Unternehmensethik müssen auch Unternehmer und ihre Werte bildende Aufgabe, die sie längst wahrnehmen, in unserer Gesellschaft zur Sprache kommen. Unternehmensethik darf nicht verstanden werden als das einseitige Überstülpen akademisch begründeter Ethiken auf das Unternehmen, sondern sie ist gleichermaßen ein Einbringen ethisch-relevanter Praxis und Maßstäbe der Ökonomie in den ethischen Diskurs. Die Frage nach einer plausiblen Unternehmensethik bedarf das Einbringen der Frage: In welcher Weise enthalten ökonomische Kategorien, Maßstäbe und Handlungen selbst schon einen Maßstab für ethisches Handeln und wie kann dieser verstärkt werden? in den wissenschaftlichen Diskurs. Auf diese Weise werden Einseitigkeiten der akademischen Ethik korrigiert, die in ihren Hauptströmungen davon ausgeht, dass ökonomisches Handeln immer zweckrational sei und deswegen ethischen Voraussetzungen niemals genügen könne. (Vgl. Michael Köhler Gerechtigkeit als Grund der Politik: „Die Lösung muß auf einer Theorie des Menschen beruhen, welche … folglich die Ökonomie wieder auf ihre dienende Funktion zurückführt.“)

Unternehmensethik in unserem Sinn verstanden bringt das Argument, dass ökonomisches und am Nutzen orientiertes Denken durchaus ethisch relevant ist, von der Seite der Praxis in den ethischen Diskurs ein, der bislang die Gültigkeit genau dieses Arguments bestreitet. (Stellvertretend für andere sei hier nur das Handbuch der Ethik mit einer einschlägigen Passage zitiert: „Der ökonomische Reduktionismus verklärt die ‚Moral des Marktes‘ als hinreichend gemeinwohldienlich. In der neoklassischen (Wohlfahrts-)Ökonomik wurde diese marktmetaphysische Gemeinwohlfiktion mit den Mitteln der utilitaristischen Ethik rationalisiert. Das utilitaristische Sozialnutzenprinzip, aus dem sich bis heute der Glaube an das Wirtschaftswachstum als Patentrezept zur Lösung fast aller wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Probleme nährt, wurde später in der ‚reinen‘ Ökonomik zwar auf die axiomatische Basis des methodologischen Individualismus umgestellt und ‚vertragsethisch‘ reinterpretiert (paretianische Ökonomik), doch an der kategorialen Blindheit der Ökonomik für die Differenz zwischen (Pareto-)Effizienz und Gerechtigkeit hat sich wenig geändert.“ S. 293)

KJG

Literatur

– Elizabeth Anscombe, Moderne Moralphilosophie, in: Seminar: Sprache und Ethik, hrsg. von G. Grewendorf und G. Meggle, Frankfurt am Main, 1974, S. 236.

– Otfried Höffe, John Rawls, eine Theorie der Gerechtigkeit, Berlin 1998

– Michael Köhler, Gerechtigkeit als Grund der Politik, in: Gerechtigkeit und Politik. Philosophische Perspektiven, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Sonderband 3, Berlin 2002

– Anton Leist, Die gute Handlung. Eine Einführung in die Ethik, Berlin 2000

– Marc Schlette, Figuren des Erfolgs. Zur politischen Kritik von Unternehmens- und Managementphilosophie, Würzburg 2006.

– Max Weber, Politik als Beruf, München und Leipzig 1919.

– Handbuch der Ethik hrsg. von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Stuttgart / Weimar 2002.

1 Kommentar zu “Die Last der Ethik”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 23. Oktober 2008)

    Of course I generally prefer an ethic of responsibility. Being an atheist, I recognize no authority that can give me a rule-based ethic. But there is a slight problem. People may easily overestimate their abilities as regards knowing the situation and judging what to do. A large company may be in a similar position to an army, where chaos will result if each soldier decides for himself which way to march.
    With the best of intentions, things can still go wrong, whichever ethics structure is applied.

    This posting assumes either a religious or a humanistic ethic. My posting http://if-blog.de/en/cw/ethik-nach-dem-humanismus/#more-215 argues that it will soon be time to go beyond this.

    Chris Wood

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